Taiwan will echte Unabhängigkeit

    21. Oktober 2018, 19:31
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    Nur noch 17 Länder pflegen diplomatische Beziehungen mit dem kleinen Inselstaat. Allein 2018 hat Taiwan drei Verbündete an China verloren

    Mehr als 100.000 Menschen gingen am Wochenende in Taipeh auf die Straßen. Sie wollen echte Unabhängigkeit von China und nicht den halbherzigen Ein-China-Kompromiss der 1990er-Jahre. Organisiert wurden die Demos in Taiwans Hauptstadt von der neu gegründeten "Formosa Allianz", die von zwei ehemaligen Präsidenten des Inselstaates unterstützt wird. Sie will, dass nächstes Jahr ein Referendum über die Unabhängigkeit Taiwans abgehalten wird.

    Denn was weitläufig als Taiwan bekannt ist, ist Dreh- und Angelpunkt eines ungelösten Konflikts, der seit Monaten wieder am Schwelen ist: Wer oder was ist China? Ist es die riesige "Volksrepublik China" unter den Kommunisten, die sich nach einer rasanten Aufholjagd zur Weltmacht emporgeschwungen hat? Oder ist es die kleine "Republik China", also die Insel Taiwan, die schon seit Jahrzehnten an der Weltspitze mithält.

    Nur noch 17 Verbündete

    Beide Länder sehen sich traditionell als einzig legitime Regierung "eines Chinas". Während bei der Gründung der Volksrepublik 1949 noch die Mehrheit der internationalen Staaten Taiwan anerkannt hatte, konnte China über die Jahre immer mehr Unterstützer finden. Aktuell zählt die Volksrepublik 178 Unterstützer, Taiwan 17. Für Taiwan sind die goldenen diplomatischen Zeiten lange vorbei.

    Seit 1971 ist das Land kein Uno-Mitglied mehr und pflegt nur informelle Beziehungen zu den meisten Staaten, darunter auch Österreich. Allein heuer hat Taiwan drei Verbündete verloren: die Dominikanische Republik, Burkina Faso und El Salvador. Zurück bleiben etwa Haiti, Belize und Paraguay. In Afrika und Europa gibt es jeweils nur noch einen Verbündeten, nämlich Swasiland und den Heiligen Stuhl in Rom.

    foto: der standard

    Hintergrund der Überläufe ist eine aggressive Taiwan-Politik von China. Die Volksrepublik bietet immer höhere Investitionen für Länder an, die ihre diplomatischen Beziehungen mit Taiwan kappen. "Wir werden die Wiedervereinigung Chinas vollenden", sagte Chinas Präsident Xi Jinping bei seiner Grundsatzrede im März Richtung Taiwan. Und im August ließ China vor Taiwan bei einer Militärübung seine Muskeln spielen. Auf Druck Chinas löschten Ende Juli American Airlines den Namen Taiwan von ihrer Homepage, ähnlich wie zuvor British Airways oder die Lufthansa.

    Chinas rote Linie

    Dass die Volksrepublik so hart vorprescht, ist nicht nur innerchinesische Strategie. 2016 kam in Taiwan eine Partei an die Macht, die sich von dem 1991 getroffenen Ein-China-Kompromiss distanzierte – ein Abkommen, das zwar keine Lösung war, aber für Auskommen sorgte. Die neue taiwanesische Präsidentin Tsai Ing-wen von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) liebäugelt mit der Idee der echten Unabhängigkeit Taiwans, zur Not gebe es eben zwei Chinas – eine rote Linie für die Volksrepublik.

    Das aktuell geforderte Referendum zur Unabhängigkeit geht aber auch Tsai zu weit. Sie hatte ihren Parteimitgliedern verboten, an den Demos teilzunehmen. Zu gut weiß sie, was für eine Provokation das gegenüber China wäre.

    Kurswechsel in den USA

    Unterstützung kommt indes von den USA, die seit Gründung der Republik auf der Insel zu den engsten Vertrauten gehören – während des Koreakriegs (1950-1953) brauchten sie einen Verbündeten in der Region. Nach der US-China-Annäherung um 1970 entzogen die USA Taiwan zwar auch ihre Anerkennung, aktuell findet die Regierung Donald Trumps aber neuen Gefallen an Taiwan. Im Juni kündigte Trump ein neues Büro in Taipeh an. Im September zogen die USA ihre Diplomaten aus drei Überläuferländern ab. Und am Wochenende wurde bekannt, dass die USA wieder Kriegsschiffe durch die enge Meeresstraße zwischen Taiwan und China schicken wollen.

    Taiwan im Handelsstreit

    So spielen die zwei Riesen China und die USA ihren Handelsstreit auch über Taiwan aus. "Viele Leute sagen, wir seien das Pfand anderer Leute", sagte Präsidentin Tsai im Sommer. "Aber vergessen Sie nicht, wir sind auch Schachspieler."

    Was die nächsten Züge des Landes sind, wird sich im November zeigen. Da finden in Taiwan Kommunalwahlen statt. Und im Zuge derer wird noch eine brisante Abstimmung durchgeführt: Das Volk soll darüber abstimmen, ob das Land in Zukunft bei den Olympischen Spielen als "Taiwan" antreten soll, oder – wie bisher – als "Chinesisch Taipeh". (Anna Sawerthal, 21.10.2018)

    • "Nein zur Annexion" und "Volksentscheid über die Unabhängigkeit" forderten zehntausende Taiwaner am Wochenende in Taipeh – von einer Regierung, die diesen Ideen nicht ganz abgeneigt ist.
      foto: afp / sam yeh

      "Nein zur Annexion" und "Volksentscheid über die Unabhängigkeit" forderten zehntausende Taiwaner am Wochenende in Taipeh – von einer Regierung, die diesen Ideen nicht ganz abgeneigt ist.

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