Wissenschafter meint: Da Vinci malte so gut, weil er schielte

    21. Oktober 2018, 16:00
    15 Postings

    Londoner Forscher sah sich Porträts des Künstlers an und erstellte eine Ferndiagnose

    foto: reuters/file
    Erlöser mit Silberblick? Auch das Christus-Porträt "Salvator Mundi" ist in die Untersuchung eingeflossen.

    Chicago – Auf einen einzelnen Faktor wird man die diversen Talente des Universalgenies Leonardo da Vinci schwerlich herunterbrechen können. Viele Faktoren müssen zusammengespielt haben, um den Mann hervorzubringen, dessen Leistungen als Künstler, Erfinder, Ingenieur, Philosoph, Anatom und Architekt ihn zu dem Renaissance-Menschen schlechthin gemacht haben.

    Ein Scherflein dazu mag auch ein kleiner Sehfehler beigetragen haben – zumindest wenn es nach Christopher Tyler von der City University of London geht. Der auf die optische Wahrnehmung spezialisierte Neurowissenschafter präsentierte im Fachmagazin "JAMA Ophthalmology" seine Hypothese, wonach da Vinci zeitweise geschielt habe. Und das habe ihm beim perspektivischen Malen und Zeichnen geholfen.

    Aus den Werken geschlossen

    Für seine Diagnose analysierte Tyler die Augenpaare auf sechs Porträts von Leonardo da Vinci, darunter waren zwei Skulpturen, zwei Ölgemälde und zwei Zeichnungen. Dazu gehörten auch der berühmte "Vitruvianische Mensch" in einem Kreis und einem Viereck sowie die erst kürzlich da Vinci zugeschriebene Darstellung des "Salvator Mundi".

    Dabei will Tyler entdeckt haben, dass stets ein Auge nach außen gekehrt gewesen sei. Zwar habe es sich nicht bei allen Kunstwerken um Selbstporträts des Künstlers gehandelt, doch würden alle Porträts eines Künstlers bis zu einem gewissen Grad dessen eigenes Aussehen widerspiegeln. Immerhin hatte da Vinci einmal selbst angemerkt, dass "die Seele den Arm des Malers lenkt und ihn dazu bringt, sich selbst wiederzugeben".

    Tyler glaubt, dass da Vinci sein Schielen – ein sogenanntes intermittierendes Außenschielen – nutzen konnte: So habe er gleichsam auf den Blick eines Einäugigen umschalten können. Dadurch sei es ihm vermutlich leichter gefallen, etwa Gesichter oder Landschaften dreidimensional zu zeichnen. Auch anderen bekannte Künstler hätten verschiedene Fehlstellungen der Augen gehabt – etwa Rembrandt, Edgar Degas oder Pablo Picasso. (APA, red, 22. 10. 2018)

    Share if you care.