Huawei Mate 20 Pro im Test: Featuritis im Endstadium

    21. Oktober 2018, 12:34
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    Starkes High-End-Smartphone bringt vor allem im Kamerabereich Neuerungen, deren praktischer Mehrwert nicht immer ersichtlich ist

    Auch wenn der eine oder andere sich mal wieder über den Vergleich ärgern wird: Was Huawei vor einigen Tagen in Form des Mate 20 Pro vorgestellt hat, lässt sich kaum anders Bezeichnen, als eine "Antwort" auf Apples iPhone XS. Kamera, KI, Augmented Reality – die Buzzwords der Vorstellung waren sich zumindest sehr ähnlich. Und mehrfach stellte man das Handy auch Apples neuestem Gerät direkt gegenüber, um die eigene Überlegenheit zum Konkurrenten zu betonen.

    Natürlich, wer bei iOS seine fixe Heimat gefunden hat, wird so schnell nicht für ein Android-Handy "untreu" werden. Gedacht war die Botschaft wohl für jene, die sich ein ähnlich geartetes Statussymbol mit dem Google-System erhoffen und auch gewillt sind, mit (mindestens) 1.000 Euro auch in der gleichen Preisliga mitzuspielen. Der STANDARD hat erprobt, was man für dieses Geld bekommt.

    foto: derstandard.at/pichler
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    Klein ist Huaweis neues Spitzensmartphone jedenfalls nicht. Seine Maße werden mit 157,8 x 72,3 x 8,6mm ausgewiesen. Mit knapp 190 Gramm zählt es auch eher zu den Schwergewichten unter den aktuellen Mobiltelefonen. Das Gehäuse kommt in der gängigen "Premium"-Materialkombination Metall und Glas. Und tatsächlich ist es Huawei gelungen, die Rückseite einigermaßen rutschfest und resistent gegen Fingerabdrücke zu gestalten. Es spiegelt aber nach wie vor die Umgebung ziemlich gut.

    Was auch gegen unfreiwillige "Wanderungen" des Mate 20 Pro auf glatteren Oberflächen hilft, ist das leichte Herausstehen des auffälligen, viereckigen Kameramoduls. Eine Designentscheidung, die vielen Nutzern nicht gefällt. Aber weil dieses Element recht breit ist, liegt das Handy trotzdem stabil. Die gebogenen Seitenränder erleichtern das Halten zwar etwas, einhändige Bedienung ist mit dem Gerät aber selbst im extra dafür gedachten Einhand-Modus nicht wirklich gut realisierbar. Interessenten mit kleineren Händen seien an dieser Stelle gewarnt.

    foto: derstandard.at/pichler

    Der obere und untere Rand wurden im Vergleich zum Vorgänger noch einmal geschrumpft. Unten verzichtet man nun auf den "Huawei"-Schriftzug, oben ragt dafür ein recht breiter "Notch" ins Display, der Frontkamera und ein Infrarotlicht sowie den Ohrhörer unterbringt. Das AMOLED-Display kommt im exotischen Format von 13:6 bzw. der Auflösung 3.120 x 1.440 Pixel. Die Bildschirmdiagonale beträgt 6,3 Zoll. Über die Darstellung gibt es nichts zu meckern. Die Farben sind kräftig, die Kontraste stark. Hohe Helligkeit und gute Entspiegelung sorgen dafür, dass man auch in gleißendem Sonnenlicht noch alles erkennt.

    Beim wichtigsten Element unter der Haube setzt Huawei wie gehabt auf Eigenbau. Zum Einsatz kommt der Kirin 980 des Tochterkonzerns Hisilicon. Es handelt sich um einen Octacore-Prozessor dem zusätzlich zwei NPU-Kerne für KI-Aufgaben beigestellt sind. Dazu gibt es, je nach Modell, entweder sechs GB RAM und 128 GB Speicher oder acht GB RAM und 256 GB Speicher.

    foto: derstandard.at/pichler

    Entsperren lässt sich das Telefon, abseits von Kennwort oder PIN, entweder via Gesichtserkennung oder dem unter dem Display versteckten Fingerabdruckscanner. Letzterer wirkt vor allem beim erstmaligen Verwendung ein wenig wie Star Trek-Science Fiction. Er arbeitet nicht ganz so zuverlässig, wie aktuelle, ins Gehäuse verbaute Scanner, aber gut genug, um nicht großartig zu stören. Die Gesichtserkennung setzt einen etwas mühseligen Einrichtungsprozess voraus, klappt dann aber anstandslos. Meist ist das Handy entsperrt, noch bevor man überhaupt dazu kommt, den Fingerabdrucksensor zu verwenden.

    Huawei wurde bei der Präsentation nicht müde, dessen Leistungsfähigkeit anzupreisen. Die reinen Benchmarkzahlen bringen hier etwa Nüchternheit in die Darstellung. Im Allroundtest Antutu kratzte das Mate 20 Pro an der 260.000-Punkte-Marke. Das ist in etwa auf dem Level des LG G7 und der US-Ausgabe des Samsung Galaxy S9. Damit hat man hier auf Qualcomm und dem Snapdragon 845 aufgeschlossen. Zur Spitze, die von den massiv auf Performance getrimmten Gaminghandys Asus ROG-Phone und Xiaomi Blackshark belegt wird, fehlen allerdings rund 30.000 Zähler. Im reinen Grafiktest mit dem 3DMark (Sling Shot Extreme) ist das Bild mit einem Score von knapp über 3.500 ähnlich. Hier spielt man in der Liga des Xiaomi Mi 8, Motorola Moto Z3 – und des iPhone XS.

    foto: derstandard.at/pichler

    Im Alltag übersetzt sich dies in flotte Bedienung. Dazu hat man die auf Android 9 fußende Oberfläche EMUI weiter optimiert, Mikroruckler sind im Test nicht aufgefallen. Grundlegende Aufgaben – Messenger, Browsen, Multimedia – stellen gar kein Problem dar. Grafisch aufwändigere Games wie Asphalt 9 starten schnell und laufen flüssig. Das Handy erwärmt sich hier zwar, bleibt dabei aber weit weg von unangenehmen Temperaturbereichen.

    Beim Test mit PUBG Mobile wurde die Grafik durch die automatische Ermittlung des Games auf die niedrigste Stufe gestellt und ließt sich im Optionsmenü auch nur minimal verbessern. Das dürfte allerdings nichts mit den Kapazitäten des Telefons, sondern mehr mit fehlerhafter Ermittlung auf Seiten des Games zu tun haben. Interessant ist es dies dennoch, weil EMUI 9 den mysteriösen "GPU Turbo" von Huawei mitbringt, der speziell auch PUBG Mobile unterstützen soll.

    Was zu EMUI 9 in negativer Hinsicht allerdings aufgefallen ist: Huawei hat dort neben Google Play auch seinen eigenen Appstore untergebracht, von dem aus auch vorinstallierte Programme aktualisiert werden. Aktualisierungsbenachrichtigungen landen teilweise in chinesischer Sprache. Ein Mehrwert zum Google-Katalog ist weder hinsichtlich der Auswahl, noch hinsichtlich der Oberfläche oder Features des Stores zu erkennen. Während sich diese "App Gallery" nicht löschen lässt, kann man vorab aufgespielte Apps wie Booking.com oder eBay aber entfernen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Performance ist also vorhanden und auch bei der restlichen Grundausstattung hat Huawei nicht gespart. Für Konnektivität sorgen ac-WLAN, Bluetooth 5.0 und NFC. Das Navigationsmodul beherrscht neben GPS und GLONASS auch Galileo und QZSS. Auch mit TV-Geräten und anderen Infrarot-fähiger Heimausstattung kann das Mate 20 Pro umgehen. Der Speicher des Handys kann auch erweitert werden, allerdings nicht mit einer üblichen microSD-Karte. Stattdessen gibt es einen Slot für eine "Nano Memory Card", die derzeit allerdings nur von Huawei selbst hergestellt wird. In der DualSIM-Ausgabe des Smartphones muss man zwischen mehr Speicher oder einer zweiten nanoSIM wählen.

    Der Akku bringt eine sehr ordentliche Kapazität von 4.200 mAh mit. Er beherrscht einen neuen Quickcharge-Modus, der ihn binnen 30 Minute von null auf 70 Prozent laden soll. Zudem kann er auch drahtlos aufgeladen werden und auf diesem Wege auch andere Geräte aufladen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Beides wurde natürlich erprobt. In einer Viertelstunde ging sich eine Aufladung von knapp über 50 auf 80 Prozent auf, allerdings ist zu beachten, dass der Ladevorgang sich mit zunehmendem "Füllstand" verlangsamt. Das Aufladen von 0 auf 70 in einer halben Stunde erscheint realistisch, aber natürlich muss dafür das beigelegte Equipment verwendet werden. Intensivnutzer wird das freuen. Sie müssen sich aber ohnehin wenig Sorgen machen, denn mit einer vollen Ladung kommt man normal komfortabel vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.

    Zum "umgekehrten Drahtlosladen" lässt sich nur sagen, dass es funktioniert. Zur Effizienz kann keine Angabe gemacht werden, weil in Ermangelung eines zweiten Handys mit Wireless Charing ein Adapter verwendet wurde, der eigentlich für das in das Mauspad der Corsair Dark Core SE integrierte Lademodul gedacht ist.

    Auch eine weitere Funktion konnte leider nicht erprobt werden. Nämlich "3D Live Object", das am Launchevent für viel Erstaunen sorgte. Man führte vor, wie man einen Plüschpanda mit der Handykamera scannte und in ein animiertes 3D-Modell verwandelte. Am Testgerät war dieses Feature nicht zu entdecken.

    foto: derstandard.at/pichler

    Ansonsten strotzt die Kamera aber vor verschiedenen Modi, die zu einem guten Teil von der KI gestützt werden. Hardwareseitig bringt Huawei einen 40-MP-Sensor, mit Weitwinkel einen 20-MP-Sensor sowie einen 8-MP-Telefoto-Chip unter. Es gibt optische Bildstabilisierung, einen Fokus mit Phasenerkennung und Lasermessung sowie einen hybriden Dreifach- und Fünffach-Zoom. Die Künstliche Intelligenz schaltet nicht nur für Szenenerkennung zu, sondern ermöglicht auch diverse andere Filter und Effekte, auch für Aufnahmen mit der 24-MP-Selfiekamera. Künstlerische Echtzeit-Effekte gibt es auch für Videoaufnahmen.

    Die Resultate können sich – meist – sehen lassen. Bei Fotos unter Tags spielt man gut mit Samsung und Konsorten mit. Im Vergleich zum P20 Pro, dem ersten Smartphone mit drei Kameras, liefert das Mate 20 Pro in vielen Situationen kräftigere und trotzdem realistischere Farben und eine Spur mehr Details. Wer die kitschigere Darstellungsvariante oder lieber stärker abgeschwächtere Farbtöne möchte, kann dies nun aber mit zwei Klicks einstellen. Erhalten geblieben ist aber die herstellertypische, recht deutliche Nachschärfung im Postprocessing.

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    Für die Zoomfunktion gilt, was schon beim P20 Pro galt. Es ist ein deutlicher Fortschritt zu reinem "Pixelaufblasen"-Digitalzoom. Gerade die fünffache Vergrößerung verliert aber im Vergleich mit echtem optischen Zoom aber deutlich in puncto Details. Verbessert hat sich aber die Farberfassung. Diese ist nun über die Zoomstufen hinweg nun einheitlicher.

    Schöner sind nun auch Abend- und Nachtfotos. Einfache Schnappschüsse bei abendlicher Straßenbeleuchtung liefern mehr Details und fallen schärfer aus. Teils beeindruckende Resultate für eine Handykamera bringt der Nachtmodus zustande, für den man zwecks längerer Belichtungszeit ein Stativ nutzen sollte.

    Man kann Huaweis "HiVision"-KI außerdem Objekte erkennen oder Texte übersetzen lassen. Diese zwei Funktionen funktionieren prinzipiell, die Ergebnisse fallen aber "mal so, mal so" aus.

    Die Selfiekamera leistet saubere Arbeit und "Schönheitsfunktionen", die die Haut glätten und das Gesicht verschmälern können in mehreren Stufen reguliert oder abgedreht werden. Sie stehen auch auf für Aufnahmen mit der Hauptkamera zur Verfügung. Der Porträtmodus wurde besonders um diverse KI-Livefilter erweitert. So kann das System kleine Lichter im Hintergrund verformen oder im Vordergrund verschiedene Lichtstimmungen erzeugen und dreidimensional auf das Gesicht übertragen. Das klappt meist ganz gut, gelegentlich passieren der Kantenerkennung jedoch gröbere Schnitzer.

    FÜRCHTET DIE GIRAFFE AUS DER HÖLLE! (eines der Qmojis von Huawei)

    An Bord ist außerdem ein Pendant zu Apples Animojis. Sie nennen sich "3D-Qmoji" und bieten eine Selektion aus verschiedenen 3D-Figuren, denen man mit dem eigenen Gesicht Leben einhauchen kann. Zur Auswahl stehen etwa ein Panda, ein Tiger oder eine Kirsche mit Kopfhörern. Während die Mimikerkennung für die Augen hervorragend klappt, ist sie bei der Mundpartie nur mäßig zuverlässig.

    Akustisch bietet das Huawei Mate 20 Pro Licht und Schatten. Die Lautsprecher nutzen ein Stereosystem über das Ausgabemodul auf der Unterseite und den Ohrhörer. Letzterer ist allerdings bei höherer Lautstärke so klar leiser, dass das "räumliche" Erlebnis etwas leidet. Trotzdem ist diese Lösung natürlich klar besser, als reiner Monosound. Klanglich macht sie sich für ein Smartphone auch ganz passabel. Bässe und Töne am hohen Limit leiden allerdings etwas, wenn man voll aufdreht.

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    Wer Kopfhörer anstecken will, muss entweder zu USB-C-tauglichem Equipment oder dem beigelegten Adapter greifen. Eine 3,5mm-Klinke gibt es nämlich nicht. Das ist etwas paradox, denn das günstigere Mate 20, das an diversen anderen Stellen spart, besitzt einen solchen schon.

    Die Anrufakustik fällt jedoch nur durchschnittlich aus. Das Gegenüber klingt tendenziell blechern und somit etwas undeutlich. Die Verständlichkeit ist bei normalem Hintergrundlärm aber nicht beeinträchtigt. Auch die eigene Stimme kommt nicht in ganz optimaler Form. Berichtet wurde von Undeutlichkeit, verursacht durch etwas zu stark ausgeprägte Tieftöne.

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    Fazit

    Das Mate 20 Pro ist ein recht großes Highend-Smartphone in einem edlen, gut verarbeiteten Gehäuse mit tollem Display. Auch bei den restlichen Basics liefert Huawei ein wortwörtlich "starkes Stück". Der Prozessor ist flott, die Grafikleistung stark und das System recht gut optimiert. Auch die Kamera kann sich sehen lassen und stellt einen Fortschritt zum P20 Pro und noch viel mehr zum Mate 10 Pro dar. Sie liefert insbesondere mehr Details und realistischere Farbgebung.

    Dazu gibt es haufenweise, meist KI-gestützte Sonderfunktionen, die ganz interessant sind, aber womöglich langfristig mehr als Spielerei, denn als "Killerfeature" gesehen werden.

    Das könnte auch der Reverse Charging-Funktion so ergehen. So sinnvoll sie wirkt, dürfte sie doch eher nur selten praktischen Einsatz finden. Definitiv für Mehrwert sorgen jedoch der größere Akku, der lange Laufzeit bietet, und das verbesserte Schnellladen.

    Als Gesamtpaket erinnert das Mate 20 Pro ein wenig an eine Strategie, die man von Samsung kennt. Man packt ein Gerät voller Funktionen und hofft einerseits, dass sich die eine oder andere "durchsetzt" und die andererseits, durch die Fülle mehr Zielgruppen erschließen zu können. Die Diagnose lautet also "Featuritis im Endstadium". Ob das insgesamt sehr gute Handy 1.000 Euro wert ist, ist letztlich eine Bedarfsfrage. (Georg Pichler, 21.10.2018)

    Testfotos

    Zur Ansicht des Originals bitte die Beschreibung anklicken.

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    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde von Huawei zur Verfügung gestellt.

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    Huawei

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