Arbeitsmarktferne Menschen sich selbst zu überlassen, wäre Fehler

Kommentar20. Oktober 2018, 08:18
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Die Debatte über den Algorithmus ist an der falschen Stelle abgebogen

Die Aufregung ist groß. Seitdem bekannt wurde, dass das Arbeitsmarktservice (AMS) die Chancen von Jobsuchenden mit einem Algorithmus bewerten will, hagelt es Kritik an dieser Idee. Arbeitslose sollen am Jobmarkt in drei Gruppen – jene mit guten, jene mit mittleren und jene mit schlechten Perspektiven – eingeteilt werden. Der Vorwurf: Hier werde mittels eines Computerprogramms Diskriminierung betrieben. Denn für Frauen, Drittstaatsangehörige, Frauen mit Betreuungspflichten und kranke Menschen sinken durch diese Form der Einordnung in vielen Fällen die Vermittlungsschancen ganz automatisch.

Die Debatte über das Projekt ist wichtig, sie ist allerdings an der falschen Stelle abgebogen. Aktuell wird vor allem kritisiert, dass überhaupt ein Algorithmus eingesetzt werden soll. So interessant die technischen Neuerungen auch sind, sie ändern an vielen der bereits geltenden Prinzipien beim Arbeitsmarktservice wenig. Das AMS beschäftigt sich schon heute tagtäglich damit, Chancen von Arbeitssuchenden zu bewerten. Auch dabei werden Betroffene klassifiziert: Die Palette reicht von "Das ist ein hoffnungsloser Fall" bis hin zu "Der Kunde kann sich auch alleine helfen". Ob es einem gefällt oder nicht: Faktoren wie Geschlecht oder Staatsbürgerschaft spielen am Arbeitsmarkt eine Rolle. Wer das außer Acht lässt, kann keine Aussage über die künftigen Perspektiven von Menschen treffen. Das AMS hat außerdem ein paar Sicherheitsventile eingebaut: Eines davon ist, dass stärkere Frauenförderung ein Budgetziel ist.

Chancen am Jobmarkt

Der zentrale Punkt ist also nicht, ob ein Programm mithilft, Arbeitssuchende zu klassifizieren, sondern welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Das AMS will mithilfe des Modells die eigenen Ressourcen effizienter einsetzen. Die Rechnung könnte so aussehen: Menschen mit guten Chancen am Jobmarkt brauchen weniger Förderungen. Bei Menschen mit mittlerer Perspektive zahlt es sich dagegen aus, in teure Qualifizierungsmaßnahmen zu investieren. Für Langzeitarbeitslose und arbeitsmarktferne Personen könnten Ressourcen gekürzt werden.

Aus der Perspektive des AMS hat diese Logik etwas: Hauptaufgabe ist ja, Jobsuchende in Unternehmen zu vermitteln. Bei Menschen, die schon ein Jahr oder länger keine Stelle finden, und bei Älteren wird das in vielen Fällen nicht gelingen. Diese Menschen bekommen aktuell dennoch Angebote, etwa in sozialen Betrieben geförderte Stellen anzunehmen. Aus Sicht des AMS stimmt hier die Kosten-Nutzen-Relation wohl nicht.

Doch das muss nicht heißen, dass gesamtgesellschaftlich die Rechnung nicht anders aussieht. Da spricht vieles dafür, weiterhin kräftig in Menschen mit schlechter Perspektive zu investieren. Sozial Abgehängte werden öfter krank und häufiger kriminell; der gesellschaftliche Kitt leidet darunter, wenn die Kluft zwischen jenen mit und jenen ohne Perspektive zu groß wird. An dieser Stelle wird die Politik eine Grundsatzentscheidung darüber treffen müssen, wie es in Österreich weitergehen soll. Das gehört diskutiert. (András Szigetvari, 20.10.2018)

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