Ted Fendts "Classical Period": Sag es mit Büchern

    23. Oktober 2018, 10:35
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    Ein Lesezirkel, so unmodisch wie anregend: Der US-Filmemacher lässt in Philadelphia lebende Twentysomethings über ihre Lektüre sprechen

    Es ist noch früher Morgen, als Cal und Evelyn zufällig an einer Straßenecke aufeinandertreffen. Cal ist auf dem Weg zu einem Arzttermin. Evelyn leidet unter Schlafstörungen und hat die ganze Nacht mit Lesen verbracht. Nicht die eigene Befindlichkeit, sondern die nächtliche Lektüre der Gedichte von Denise Levertov rückt sofort ins Zentrum der Unterhaltung.

    foto: viennale
    Wie aus der Zeit gefallen wirken die Literaturenthusiasten in "Classical Period": Cal Engime als eifriger Student einer Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie".

    Die auf den ersten Blick unscheinbaren, in Philadelphia lebenden Twentysomethings in Classical Period definieren sich fast ausschließlich über ihre intellektuellen Interessen und Vorlieben. Mit minimalem Budget und seinen Freunden als Leseenthusiasten hat der unabhängige Filmemacher Ted Fendt aus ihren Betrachtungen ein dichtes, dabei erstaunlich unprätentiöses Konversationsstück gewoben.

    Immer ist es die Lektüre, die in Classical Period die entscheidenden Anknüpfungspunkte liefert. Für kluge, bisweilen verschrobene Gedanken über Flachdächer und die Architektur von Frank Lloyd Wright ebenso wie Anmerkungen zur geistlichen Literatur des 15. Jahrhunderts oder die Stadtplanung von Philadelphia.

    Den zentralen Angelpunkt liefert Henry Longfellows Übersetzung von Dante Alighieris Die göttliche Komödie, in die sich der Lesezirkel vertieft. An einer entwaffnenden Stelle gesteht Chris aus dem Lesezirkel ein, dass ihn die Anmerkungen mehr fesseln als Longfellows für heutige Leser mitunter hürdenreiche Übertragung. Die Hartnäckigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der dennoch zur Sache gegangen wird, nimmt einen auch als Zuschauer für Fendts Protagonisten ein.

    Linkisch im Alltag

    Im Dunkeln bleiben die näheren Lebensumstände der Freunde, die in alltäglichen Situationen bisweilen linkisch und erst im intellektuellen Austausch ganz bei sich wirken. "Warum kann ich nicht direkter zu Leuten sein?", fragt Evelyn entnervt an einer Stelle, bevor sie erneut aufs Zitieren von Literatur verfällt, um ihre klaustrophobischen Gefühle auf den Punkt zu bringen.


    Dass sich Fendts zweiter, rund 60-minütiger Langfilm zwar gehaltvoll, aber nicht ermüdend ausnimmt, liegt nicht zuletzt an den Konversationspausen, die er einräumt. Immer wieder ist Cal (Cal Engime) in genau ausbalancierten Einstellungen beim Lesen oder handschriftlichen Exzerpieren zu sehen. Es ist eine beinahe technikfreie Welt, jenseits von Smartphones und Tablets, in der Fendt seinen Lesezirkel situiert. Selbst Beethoven wird – lohnend – am verstimmten Klavier studiert.

    Gefilmt wurde mit Direktton und auf körnigem 16-Millimeter-Material, das in seiner rohen Schönheit an manche Arbeiten Eric Rohmers erinnert. Fendt hat seinen Film u. a. mit der Arbeit als Filmvorführer bei der New Yorker Film Society of Lincoln Center und Übersetzer fremdsprachiger Filme finanziert. Classical Period ist ein starkes Lebenszeichen eines unabhängigen US-Kinos, das in keinem Moment auf Hipster-Aura schielt und einen gerade dadurch in den Bann zieht. (Karl Gedlicka, 23.10.2018)

    31.10., Filmmuseum, 16.00; 7. 11., Metro, 21.00

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