Wie realistisch ist eine "Lunge aus dem Reagenzglas"?

    19. Oktober 2018, 13:42
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    An der Harvard University forschender Österreicher Harald Ott bilanzierte den aktuellen Forschungsstand

    Linz – Wie realistisch ist die Vorstellung von einer "Lunge aus dem Reagenzglas"? Auf der aktuellen Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), die von 18. bis 20. Oktober in Linz stattfindet, bilanzierte der aus Tirol stammende Harvard-Professor Harald Ott den aktuellen Forschungsstand. Ott beschäftigt sich seit zehn Jahren in seinem Labor in Boston mit der Entwicklung biologischer Ersatzorgane als Alternative zu Spenderorganen.

    Der Bedarf an solchen Alternativen wäre gewaltig, wie Ott berichtet: "Einerseits gibt es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Spenderorganen. Weltweit werden pro Jahr an die 5.000 Lungen transplantiert. Weltweit sterben pro Jahr aber mehr als drei Millionen Menschen an den Folgen einer chronischen Lungenerkrankung. Die Wartezeiten für eine Spenderlunge können sich über Jahre erstrecken, und die Lebensqualität während dieser Zeit ist oft dramatisch schlecht. Viele Patienten sterben während der Wartezeit auf ein geeignetes Spenderorgan."

    Der Ansatz

    Mit den Methoden des Tissue-Engineering beschäftigen sich Wissenschafter um Ott mit der Möglichkeit, von den Zellen eines Patienten ein ganzes, funktionsfähiges Ersatzorgan "im Reagenzglas" herzustellen. Im Ott Laboratory for Organ Engineering and Regeneration werden Zellen aus dem Blut eines Erwachsenen entnommen und durch spezielle Verfahren gewissermaßen zu Stammzellen zurückentwickelt. Dann werden die so gewonnen Stammzellen durch gezielte Stimulation dazu gebracht, sich zum Beispiel zu Lungenzellen zu entwickeln.

    "Wir haben ein Verfahren entwickelt, das es möglich macht, mit einer speziellen Lösung ein Organ einer toten Ratte, eines toten Schweins aber auch eines verstorbenen Menschen komplett von seinen Zellen zu befreien. Was übrig bleibt, ist ein Bindegewebe-Gerüst, das wir zum Beispiel mit Lungenzellen des künftigen Organempfängers besiedeln. Das Ziel ist, dass ein so – quasi im Reagenzglas – geschaffenes Organ voll funktionsfähig ist und anstelle eines Spenderorgans transplantiert werden kann. Der enorme Vorteil: Da es sich um körpereigene Zellen des Empfängers handelt, gibt es keine Abstoßungsreaktion", so Ott.

    Woran es noch mangelt

    Vor fast zehn Jahren ist die Methode laut Ott bei Ratten erfolgreich angewandt worden. Von einer klinischen Anwendung sei sie aber noch weit entfernt. "Das neue Gewebe ist unreif und kann sich noch nicht an den Empfänger anpassen. Nach wenigen Stunden versagen diese biologischen Organe und müssen wieder entnommen werden", sagt Ott. "Wir arbeiten daher daran, die regenerierten Organe im Labor für die Implantation besser vorzubereiten, und so die Funktion zu 'trainieren'. Als Alternative entwickeln wir Strategien, die es uns ermöglichen, das Organ im Körper selbst reifen zu lassen, während wir seine Funktion für diesen Zeitraum maschinell ersetzen."

    Die Frage sei weniger, ob es in Zukunft solche neu geschaffenen Organe geben wird, sondern eher, wie lange die Entwicklung noch dauere. (APA, red, 19. 10. 2018)

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