Hinter den Kulissen des "Wohngesprächs": 30 Minuten Interview

    22. Oktober 2018, 15:00
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    Wie ist das so, wenn man die ganze Zeit fremde Wohnungen betritt und mit den Leuten übers Wohnen spricht?

    "Ich habe drei Hobbys, ohne die ich nicht leben kann", hat die österreichische Schauspielerin und Drehbuchautorin Konstanze Breitebner damals gesagt. "Yoga, Laufen und Arbeiten im Weingarten. Bei allen drei Tätigkeiten schaffe ich es, den Kopf abzuschalten und den rasenden Gedanken, die sich da oben den ganzen Tag abspielen, endlich mal zu entkommen."

    Damals, das war vor genau fünf Jahren, als sich der Autor dieser Zeilen gemeinsam mit der Wiener Fotografin Lisi Specht ins Südburgenland aufmachte und nach zwei Umleitungen und einer halben Stunde Verspätung an Breitebners Haustor anläutete, um eines der im Standard so erfolgreichen, bis heute gern gelesenen Wohngespräche zu führen.

    Kaum wurde nach einer Tasse Tee das Diktiergerät eingeschaltet, wurde das soeben Gesagte in körperliche, überaus fotogene Positur gebracht. Und dann hat's klick gemacht. Das Foto blieb bis dato unveröffentlicht.

    foto: lisi specht
    Konstanze Breitebner führte Interviewer Wojciech Czaja 2013 ihre täglichen Yoga-Übungen vor.

    Bisher 522 Wohngespräche

    "Wie ist das so, wenn man die ganze Zeit fremde Wohnungen betritt und mit den Leuten über ihr eigenes Wohnen spricht?", wird der Wohngespräch-Interviewer immer wieder von Freunden und Kolleginnen gefragt. Das 30-Jahr-Jubiläum des Standard ist, nachdem bisher sage und schreibe 522 Wohngespräche mit Chris Lohner, Dagmar Koller, Erika Pluhar, Elfriede Ott, Ute Bock, Jazz Gitti, Maria Vassilakou, Katharina Stemberger, Christine Nöstlinger, Thomas Brezina, Richard Lugner, Hermann Nitsch, Tex Rubinowitz, Ostbahn-Kurti, Hubert von Goisern, Dompfarrer Toni Faber und vielen, vielen anderen erschienen sind, eine gute Gelegenheit, sich dieser Frage zu widmen.

    Lassen wir sie zunächst einmal von der Wiener Künstlerin Barbara Vörös beantworten, die im April 2016 im Interview meinte: "Ich dachte mir schon seit längerer Zeit, wie gern ich meine Wohnung zur Verfügung stellen würde, denn das Wohngespräch ist eine schöne Gelegenheit, über sich selbst und das eigene Wohnen und Leben zu reflektieren."

    Und tatsächlich: Je öfter die Wohngespräche erscheinen, je mehr sie sich nach mittlerweile neun Jahren als immer noch unerschöpflich schreibens- und lesenswert erweisen, desto deutlicher stellt sich mit der Zeit heraus, dass das Wohngespräch nichts anderes ist als ein über die Bande gedachtes Menschenporträt. Die Wohnung und das Haus sind lediglich Vehikel, um die Gedanken leichter in Fahrt zu bringen.

    Düringer vor Phettberg

    Die top drei Menschen, die bei unseren Leserinnen und Lesern in den letzten Jahren die mit Abstand größte Aufmerksamkeit erregt und somit die meisten Klicks und die längste Onlineverweildauer erwirkt haben, sind Roland Düringer, Hermes Phettberg und die Grande Dame aller Bälle, Lotte Tobisch, die im Übrigen ganz offen eingestanden und damit auch den Titel für die am drittmeisten gelesene Geschichte an dieser Stelle geliefert hat: "Diese Wohnung strotzt nur so vor Scheußlichkeiten."

    Der Grund dafür, so Tobisch, sei ihre Bestechlichkeit. Schon seit Opernballzeiten werde sie regelmäßig "mit Liebe und Freundschaft beschenkt, die die Menschen aber meist in ein Kitschtrumm einpacken. So etwas kann man nicht wegwerfen! Ab und zu jedoch tritt ein Glücksfall ein, und dann fällt das eine oder andere Ding zu Boden und ist kaputt. Meine Haushaltshilfe und ich hatten in letzter Zeit viel Glück." Und wir hatten Glück, solche Anekdoten hören und teilen zu dürfen.

    Wie ist das also, wenn man die ganze Zeit fremde Wohnungen betritt? Zugegeben spannend. Berührend. Verstörend. Und immer wieder voller Überraschungen.

    Es ist nicht der voyeuristische Blick hinter die Kulissen, der das Wohngespräch nach all den Jahren zu einem regelmäßigen Highlight dieses Jobs macht, sondern das kurze Eintauchen in das Leben eines in jeder Hinsicht faszinierenden Menschen. Es gibt Kaffee, ein paar Porträtfotos und 30 Minuten mitgeschnittenes Interview. Die Neugier auf die kommenden Begegnungen ist ungebrochen. (Wojciech Czaja, 20.10.2018)

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