Ende des Deuticke-Verlags: Ist der Schaden größer als der Nutzen?

    19. Oktober 2018, 09:00
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    Deuticke wird ab 2020 Geschichte sein. Das soll die Position von Zsolnay, dem das Label gehört, stärken. Und den Deuticke-Autoren zugutekommen. Die kritisieren das

    Daniel Glattauer, Radek Knapp, Martin Amanshauser, Peter Henisch, Dimitré Dinev, Linda Stift sind nicht nur einige der wichtigsten und erfolgreichsten Literaten des Landes. Sie alle sind oder waren zudem Autoren des auf österreichische Gegenwartsautoren spezialisierten Wiener Deuticke-Verlags. Wie diese Woche bekannt wurde, soll es ihn ab 2020 nicht mehr geben.

    Mit Pensionsantritt der langjährigen Leiterin Martina Schmidt im Oktober 2019 wird Deuticke in der Marke Zsolnay aufgehen, an die man seit 2004 gekoppelt ist. "Die grundsätzliche programmatische Ausrichtung des Hauses sowie die Anzahl der jährlich erscheinenden Bücher bleiben gleich. Der Verlag wird sich jedoch stärker auf den Ausbau der Marke Zsolnay konzentrieren", heißt es in einer Aussendung. Der Name wird verschwinden.

    Big Player nur daheim

    Deuticke zähle in Österreich zu den großen Playern, sagt Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger. Im internationalen Vergleich sei Deuticke aber klein. Durch die Zusammenführung der beiden österreichischen Labels unter dem einheitlichen Namen Zsolnay soll dieser mehr Gewicht am Markt bekommen. "So eine Bündelung ist langfristig die beste Perspektive für den Verlag und die Autoren", sagt Ohrlinger. Für die Autoren bedeute das keine Verschlechterung. Verträge seien bisher schon zwischen ihnen und Zsolnay abgeschlossen worden, weil Deuticke keine Firma war.

    Einst ist bei Deuticke Sigmund Freuds Traumdeutung erschienen. Wer diese über hundertjährige Tradition Deutickes ins Treffen führt, dem hält Ohrlinger entgegen, dass der Name lange verschwunden war. 1938 zerstörte die Gestapo die Hälfte der Bestände des Familienunternehmens – mit Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Publikationen. Hans Deuticke stieg nach dem Krieg in den Schulbuchmarkt ein. Als Verlagsname wird Deuticke erst 1990 wiederbelebt.

    foto: deuticke verlag
    Martina Schmidt übernahm 1990 die Leitung des Deuticke-Verlags.

    28 Jahre lang Chefin

    Damals übernahm Martina Schmidt die Leitung und begann, ein nun auch literarisches Programm aufzubauen. 28 Jahre später ist es für sie "schmerzvoll", dass Deuticke aufgelöst wird. Als sie vor zwei Jahren beschloss, mit 60 in Pension zu gehen, hat sie nicht gedacht, dass so viel ins Rollen geraten würde. Aber das sei nicht ihre Entscheidung, sagt sie.

    Trotzdem hat neben Jo Lendle – dem Chef des Mutterkonzerns Hanser – auch sie den Brief, der das Ende von Deuticke verkündet, unterschrieben. Sie hatte immer eine gute Gesprächsbasis mit Hanser, sagt Schmidt. Mit den konkurrierenden Labels Deuticke und Zsolnay habe der Konzern zwei Verlage in der zweiten Reihe, geeint könnte man aufrücken, versteht sie den Entschluss sogar.

    Eingangs genannte und 30 weitere Autoren haben zur Bekanntgabe des Umbaus ein Statement verfasst, das das Ende von Deuticke beklagt und hinterfragt. Eine österreichische Ära gehe "sang- und klanglos zu Ende", steht da, der Wert der Marke werde "unwiederbringlich verschwunden sein".

    "Der Schaden ist größer als der Nutzen"

    Im Gespräch werden manche deutlicher. "Der Schaden ist größer als der Nutzen", fürchtet Radek Knapp. Er hat 1994 sein allererstes Buch bei Deuticke verlegt. Die Diskussion spielt sich für ihn "also nicht nur im materiellen Bereich" ab, sie ist auch emotional.

    Ob für ihn als österreichischen Autor von Bedeutung ist, dass Deuticke ein österreichischer Verlag ist? Anfangs war ihm das egal, meint er. 1999 wechselte er denn auch zum größeren deutschen Haus Piper. Als er 2017 mit einem Buch zu Deuticke zurückkam, dachte er an ein Gastspiel, war aber angenehm überrascht. Denn er verkaufte hier gleich gut. Das liege an der Arbeit von Martina Schmidt, ist er überzeugt.

    Knapp versteht das ins Feld geführte Argument der Marktmacht. Wobei es aber in Deutschland gerade die Tendenz gebe, auf kleine Verlage zu schauen. Quasi wie auf Geheimtipps. Tatsächlich setzen aktuell weltweit große Häuser auf Imprints, um Kunden gezielt anzusprechen. Wie ein Delikatessengeschäft. "Wenn sich nichts ändert und alles bleibt, wie es ist, wozu dann den Namen weghauen?", fragt Knapp also.

    Verlage seien auch ein Stück kultureller Identität, meint Arno Geiger.

    foto: sigmund-freud-privatstiftung/imagno/picturedesk
    An die große Tradition des Namens Deuticke wird gern erinnert: Sigmund Freuds "Traumdeutung" ist einst in der Erstausgabe dort erschienen. 1990 erfolgte der Neustart des Verlags.

    Rauschende Feste

    Den Brief angestoßen hat Martin Amanshauser. Sonst hätte es ein anderer gemacht, ist er sicher. Denn Martina Schmidt sei der Verlag und die persönliche Stimmung für viele Autoren ein Hauptgrund, dort zu sein. Amanshauser berichtet von rauschenden Verlagsfesten. Dass sich fürs Erste nichts an den Bedingungen für die Autoren ändern wird, glaubt er den Bekundungen. Und stellt sich trotzdem vor, dass einige Autoren nun den Wechsel zu einem anderen Haus wagen werden. Er jedenfalls sieht seine Zukunft nicht bei Zsolnay.

    Anders der Bestsellerautor Daniel Glattauer. Er beschert Deuticke seit den frühen 2000er-Jahren große finanzielle Erfolge. Er werde sich bei seinem nächsten Buch wohl an Zsolnay wenden, sagt er. Denn man arbeite dort ja weiter mit denselben Leuten zusammen. Das liegt daran, dass es bis auf Schmidt keine Deuticke-Mitarbeiter gibt, sondern ein gemeinsames Team mit Zsolnay.

    Die erste Phase nach der Zusammenführung von Deuticke und Zsolnay sei schwierig gewesen, hört man. Unterschiedliche Vorstellungen von Verlagsarbeit seien aufeinandergetroffen. Das habe sich aber gelegt. Trotzdem sind die Zeiten nicht einfacher geworden. In den letzten Jahren ist die Zahl der Neuerscheinungen bei Deuticke – wie bei allen in der Branche – gesunken, von zehn bis fünfzehn auf fünf Titel im Halbjahr. Die Aufgabe des Namens mag schmerzhaft sein, ist aber vielleicht nicht unbegründet. (Michael Wurmitzer, 19.10.2018)

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