"Dogman": Das groteske Universum von Matteo Garrone

    Video19. Oktober 2018, 14:00
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    In den Filmen des Italieners verfangen sich Menschen in Abhängigkeiten und Ersatzwelten. Sein aktueller Film beruht auf der grausam-wahren Geschichte des "Hundehüters"

    Ein Hundefrisör hat Erfahrungen mit der Unberechenbarkeit von instinktgetriebenen Bestien. Wenn der schmächtige Marcello (Marcello Fonte) bei unwirsch knurrenden Kunden Hand anlegt, wahrt er entsprechend Distanz und überlistet die Tiere mit seinen Utensilien. Schwieriger gestaltet sich der Umgang mit der Bestie Mensch in Gestalt des brutalen Ex-Boxers Simoncino (Edoardo Pesce), dessen Aggressionspotenzial der gesamten Umgebung zu schaffen macht. Als nebenberuflicher Koksdealer hält Marcello ihn zwar bei Laune, doch der Ganove lässt nicht locker und drängt ihn in eine verheerende Komplizenschaft.

    Dogman heißt der jüngste Film des 1968 in Rom geborenen Matteo Garrone, eines der wichtigsten Regisseure des italienischen Kinos der Gegenwart. Es handelt sich um eine finstere Parabel über einen im Grunde friedfertigen Mann, der es nicht wagt, Nein zu sagen und sich dadurch in ein moralisches Dilemma verstrickt – wer will, kann darin schon eine faschistische Konstellation erkennen. Der Film basiert auf der wahren Geschichte von "Er Canaro", dem "Hundehüter", die Ende der 1980er-Jahre mit einer Körperverstümmelung endete und in Italien deshalb Eingang ins populäre Gedächtnis fand.

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    Dogman – Trailer

    Ein Zauderer als Held

    Garrone interessiert sich allerdings glücklicherweise nicht so sehr für die grausigen Details, sondern für das Archetypische an dieser David-gegen-Goliath-Geschichte. Sein Held ist ein Zauderer, ja eine so lächerliche wie erbarmungswürdige Figur, dessen Humanität in der wie eine desolate Bühne gefilmten namenlosen Vorstadt zerschellen muss. In einer der aberwitzigsten Szenen versucht er, einen Hund wiederzubeleben, den Simoncino davor ins Gefrierfach verfrachtet hat.

    Seinen Darsteller Marcello Fonte, der in Cannes dieses Jahr absolut verdient mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, hat Garrone in einer Amateurtruppe gefunden, wo dieser eigentlich nur als Wächter wirkte – Fontes expressive Physiognomie und sein komisches Timing haben ihn sofort begeistert. Tatsächlich verleiht ihm sein nervöses Flackern im Gesicht und das zappelige, unschlüssige Auftreten etwas von jenen Stummfilmkomikern, die Garrone bei diesem Projekt von Anfang an im Sinn hatte.

    foto: thimfilm
    Die Nagelpflege bei der Dogge gelingt, das Miteinander mit Menschen weniger: Der Hundefrisör Marcello (Marcello Fonte) in Matteo Garrones "Dogman".

    Hungern aus Liebe

    Wer Gomorrha, Garrones bestechende Adaption von Roberto Savianos Buch über die Camorra aus dem Jahr 2008, in Erinnerung hat, wird über die groteske Schlagseite von Dogman etwas verwundert sein. Doch der ursprünglich als Maler an einer Kunstakademie ausgebildete Regisseur hat sich nach ersten noch sozialrealistisch ausgerichteten Arbeiten über das Dasein von Geflüchteten in Italien schnell ungewöhnlichen Beziehungsstudien zugewandt. In ihrer Betonung von obskuren Leidenschaften und daraus resultierenden Abhängigkeiten, die Garrone wie einen unheimlichen Erben Fellinis erscheinen lassen, sind sie Dogman gar nicht so ferne.

    In L'imbalsamatore entwickelt er rund um den Titelhelden, einen kleinwüchsigen Tierpräparator, eine Dreiecksgeschichte zur Frage, wie ein von der Natur nicht reich beschenkter Mann einen anderen verführen kann, der nicht einmal seine sexuelle Präferenz teilt. Noch verstörender ist Primo amore, die Liebesgeschichte eines Goldschmieds und einer Frau, die sich zu einer zwanghaften Pygmalion-Variation verfinstert. Denn der Mann lässt nichts unversucht, damit seine Geliebte seiner körperlichen Idealfigur entspricht, wofür er ihr eine Radikaldiät verschreibt.

    foto: afp
    Kein anderer italienischer Regisseur malt so groteske Bilder seines Landes wie der italienische Regisseur Matteo Garrone.

    Der Traum des Fischverkäufers

    Im privaten Feld einer Beziehung erprobt Garrone in diesem Film von 2004 bereits jene Gesellschaftsdiagnose, die ihn seitdem in einem immer größeren Radius umtreibt. Er erforscht eine Gemeinschaft von Menschen, die immer stärker von Ersatzangeboten als von gelebtem Miteinander getragen wird: von den Machenschaften der Camorra, die in das Selbstwertgefühl von Jugendlichen investiert (Gomorrha), bis zur Wahnvorstellung eines Fischverkäufers in Neapel, dessen Wunschvorstellung, Big Brother-Star zu werden, ihn so weit treibt, seinen Alltag als einzige Castingshow zu begreifen (Reality).

    Er selbst beginne stets bei der Realität, versuche diese aber in eine andere Dimension zu überführen, hat Garrone in einem Interview einmal gesagt. Und einmal in Bilder übersetzt, wird diese Welt zur mythendurchsetzten Manege schiefer, nicht selten törichter Arrangements. Garrones jüngstes Projekt passt mit seiner Betonung von Abhängigkeit, Macht und Einbildung ins Bild: Diesen Herbst sollen die Dreharbeiten zu seiner Pinocchio-Verfilmung beginnen. (Dominik Kamalzadeh, 19.10.2018)

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