"Aufstand der Unschuldigen": Florian Klenk als letzter Mohikaner der Dialektik

    18. Oktober 2018, 18:17
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    Die Agitprop-Posse im Wiener Werk X ist ein betörender Aufschrei aus der politischen Defensive

    Der Rechtsruck in Europa, die Verrohung der Gesellschaft, die Abschaffung der Demokratie usw. – es zieht vielen den Boden unter den Füßen weg. Linke -Blase-Menschen wachen auf und können nicht fassen, was rings um sie passiert. Noch gibt es kein Stück dazu, weshalb Ali M. Abdullah sich für eine eigene Dramenentwicklung entschieden hat. In seiner am Kameratheater Frank Castorfs geschulten Inszenierung Aufstand der Unschuldigen haben die Protagonisten zunächst einmal kräftig Angst. Die von der Erkenntnis Gebeutelten stimmen sicherheitshalber eine Apokalypsehymne an (In The Year 2525 von Zager and Evans). So machen das die gutbürgerlichen Kinder der 68er.

    Übrigens: Keine Sprechbühne weit und breit verfügt derzeit über bessere Sänger und Sängerinnen als das Werk X am ehemaligen Meidlinger Kabelwerk. Ergreifend!

    Keiner ist "Opfer", alle fühlen sich so

    Fünf Schauspieler und eine Schauspielerin unternehmen also eine Standortbestimmung und suchen nach Handhaben, wie sie die Mutation der Gegenwart fassen und mitverändern können. Und zugleich machen sie sich lustig darüber, wie lächerlich dieser Versuch ist und wie doof ihre ei genen Methoden sind. Insofern muss man die Bezeichnung der "Unschuldigen" im Titel auch ironisch lesen. Hier ist keiner "Opfer", es fühlen sich nur alle so.

    Die Linken versuchen also, einen Aufstand vorzubereiten. Sie gebärden sich als manische Prepper (Bunker bauen!), echauffieren sich über wegdiskutierte mora lische Werte (UN-Blauhelm-Vorfall auf dem Golan 2012), werden indes nonstop von Stehsätzen der Regierung über Laufband zuge textet (Kickl: "Mich stört dieses gutmenschliche Herumgetue, als könnten wir die ganze Welt retten").

    Diskussion zwischen "Jean Ziegler" und "Martin Sellner"

    Im Zuge dessen hat Falter-Chefredakteur Florian Klenk (gespielt von Martin Hemmer) in einer herzhaften Wiener-Greißler-Szene einen denkwürdigen Auftritt als letzter Mohikaner des dialektischen, progressiven Denkens. Ihm jubeln alle devot zu, während sie hinterrücks die Gratiszeitung lesen.

    Dann wird es immer komplizierter und interessanter, etwa diskutieren "Andreas Baader", "Claire Danes", "Jean Ziegler" und "Martin Sellner" über Kulturhegemonie. Der Abend vollzieht eine stete Eskalation, die am Ende das Theater gleich mit infrage stellt. Warum funktioniert das Theater nicht mehr? Diese Wehleidigkeit ergibt ein naives Ende. Aber der Weg dahin war betörend. (Margarete Affenzeller, 18.10.2018)

    Werk X, bis 10. 11.

    • Auch Andreas Baader (Christoph Griesser) hat etwas zur Widerstandspraxis zu sagen.
      foto: alexander gotter

      Auch Andreas Baader (Christoph Griesser) hat etwas zur Widerstandspraxis zu sagen.

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