Das große Tabu: Männer im Kindergarten

    19. Oktober 2018, 11:00
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    Männer werden nach wie vor selten Kindergartenpädagogen. Wohl auch, weil ihnen nach wie vor großes Misstrauen entgegengebracht wird. Michael Kammerer ist einer von ihnen

    "Es ist wirklich schön zu beobachten", sagt Michael Kammerer, "wie man die kleinen Menschen dazu bringen kann, dass sie sich für die Umwelt, für andere Menschen, für die Tiere und die Natur zu interessieren beginnen. Und wie sie im Laufe der Jahre aus alldem etwas für sich herausfinden. Das ist das Schöne an dem Beruf, in diesem Prozess der Entwicklung helfen zu können." Die ganz alltäglichen Anforderungen im Kindergarten an eine vorschulische Bildung einmal beiseitegelegt.

    Michael Kammerer (34) ist einer der ganz wenigen Männer, die sich hauptberuflich dieser vorschulischen Kinderbetreuung und -entwicklung widmen: Er ist Kindergärtner in Graz.

    Für viele Eltern ein nach wie vor sehr ungewohntes Berufsbild für Männer. Österreichweit liegt der Männeranteil in den Kindergärten bei nicht einmal einem Prozent. "Männer in diesem 'Frauenberuf' sind nach wie vor verdächtig", sagt Kammerer, "obwohl mir gegenüber bei Gesprächen immer wieder versichert wird: 'Cool, dass du das machst, wirklich großartig, die Kindergärten brauchen ohnehin dringend Männer.'"

    Nicht direkt, aber hintenherum habe er, als er sein erstes Jahr im Kindergarten begonnen hatte, erfahren, dass es Vorbehalte von den Eltern gebe. Irgendwie, sagt Kammerer, habe er den Eindruck, Kindergärtner stünden in einem Generalverdacht der Pädophilie, des sexuellen Missbrauchs.

    STANDARD: Welche Vorbehalte und Bedenken äußern die Eltern?

    Kammerer: Man hatte zum Beispiel, als ich angefangen hatte, überlegt, mich nicht in einer Kinderkrippe einzusetzen, sondern in einem Kindergarten, weil die Gesellschaft noch nicht so weit sei. Das war zwar eine Spur sexistisch, aber es spielte mir damals eh in die Hände, weil ich ohnehin lieber in einem Kindergarten arbeite. Es wurde aber hintenherum gefragt, ob ich Kinder wickeln würde, sie dabei im Intimbereich berühren würde oder ob ich sie aufs Klo begleite.

    "Wenn man an Kindesmissbrauch denkt, denkt man halt gleich an einen Mann." Es sei irgendwie eine "positive Form des Sexismus, dass man einer Frau eher zutraut, mit Kindern umzugehen, als einem Mann". Weil es eben jahrelang so gelebt worden sei, weil es Jahrzehnte ohne Männer im Kindergarten funktioniert habe. "Das Ganze hatte für mich natürlich schon auch einen bitteren Beigeschmack, denn es heißt im Grunde, man traut halt Männern generell nicht über den Weg", sagt Kammerer.

    STANDARD: Und wie gehen Sie mit diesem Verdacht um?

    Kammerer: Es gibt mittlerweile eine gute Vertrauensbasis, und ich versuche sofort zu reagieren, wenn es Vorbehalte gibt. Ich leite mittlerweile auch einen Kindergarten. Ich weiß von einem meiner Praktikanten, dass sie solche Sachen gefragt worden sind. Daher rate ich meinen Praktikanten von Beginn an, dass sie etwa das Wickeln lassen sollen, solange keine absolute Notwendigkeit besteht, und es den Frauen überlassen sollen.

    Dennoch: Es funktioniere immer besser, langsam gewöhne man sich an Männer im Kindergarten: "Aber ich glaube, es ist wichtig, dass Männer in diesen Beruf kommen, um Stereotypen aufzubrechen." Man werde merken, wie sehr die Gesellschaft davon profitiere, wenn es mehr Männer im Kindergarten gibt.

    "Es geht", sagt Kammerer, "einfach um eine Durchmischung. Was es braucht, ist nicht das eine oder das andere, sondern das Zusammenspiel. Es sind oft Kleinigkeiten. Manchmal gibt es Kinder, die sitzen bei mir und genießen einfach die tiefe Stimme. Bei manchen werden vielleicht Assoziationen zum Papa wach."

    STANDARD: Warum sind Sie eigentlich Kindergärtner geworden?

    Kammerer: Mit 15 suchte ich eine Alternative zum Gymnasium. Es bot sich eine Tourismusausbildung oder die Kindergartenpädagogik an. Ich habe mir beides angeschaut und hab mich dann doch für die Kindergartenpädagogik entschieden. Ich war der einzige Bub, der die Aufnahmsprüfung geschafft hat in diesem Jahr. 29 Mädels und ich.

    Die Schule sei auf ihn nicht vorbereitet gewesen. Es habe etwa keine getrennten Umkleideräume gegeben. "Ich bekam das Putzkammerl. Den Mädchen war es wurscht, wenn ich durch ihren Umkleideraum ging, ich versuchte halt, nicht hinzuschauen, ich wollte ihnen nicht das Gefühl geben, dass ich glotze. Da habe ich halt auf den Boden geschaut und bin rasch durch."

    Wie bekommt man nun mehr Männer in die Kindergärten? "Einmal durch eine Vorbildwirkung", sagt Kammerer. Aber es liegt natürlich auch an der Bezahlung. "Das Falschestes wäre natürlich, wenn man jetzt Männern mehr zahlen würde als Frauen, nur um mehr Männer in den Kindergarten zu bringen. Ich kann nur an die Politik appellieren: Gebt mehr Geld her für das Berufsbild und schaut dann, ob sich nicht doch mehr Männer dafür interessieren." (Walter Müller, 19.10.2018)

    • "Oft sitzen die Kinder", sagt der Pädagoge Michael Kammerer, "bei mir und genießen einfach die tiefe Stimme."
      foto: kammerer

      "Oft sitzen die Kinder", sagt der Pädagoge Michael Kammerer, "bei mir und genießen einfach die tiefe Stimme."

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