Ernst Hausleitner: "Das war der Erfolg des Konzeptlosen"

    Interview20. Oktober 2018, 13:00
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    Der Formel-1-Kommentator des ORF über Alexander Wurz, Heinz Prüller und sein erstes Rennen

    Ernst Hausleitner kommentiert seit 2009 für den ORF die Formel 1. Gemeinsam mit Alexander Wurz bildet er das wohl beliebteste Kommentatorenduo des Senders, 2014 gewannen sie die Romy. Im STANDARD-Interview spricht der 50-jährige Oberösterreicher über die Strapazen des Kommentatorenlebens, Todesfälle bei seinem ersten Rennen und die Zukunft des Motorsports.

    STANDARD: Gibt es Renntage, an denen Sie schlecht drauf sind?

    Hausleitner: Grundsätzlich genug, weil mich vieles an so einem Formel-1-Wochenende sehr stresst. Der ganze Ärger ist aber verflogen, wenn ich in der Kabine sitze. Das klingt vielleicht kitschig, aber das ist der Moment der größten Erlösung und Entspannung. Es ist oft heiß, du hast Probleme mit der Reiserei, du stehst bei der Anreise im Stau, aber da drin ist Tür zu und du bist nur auf die Sache die du wirklich liebst – das Kommentieren und die Formel 1 – konzentriert.

    STANDARD: Würde Ihnen ein Rennen genau so viel Freude machen, wenn Sie es nicht kommentieren würden?

    Hausleitner: Ich habe mir schon oft mal gedacht, dass ich mich auch gerne mal mit ein, zwei Dosen Bier irgendwo in die Wiese setzen will und zuschauen möchte. Aber es macht mir einfach unheimlich viel Spaß, da dabei zu sein – und ich glaube, dass ich mit Bier auf der Wiese nicht so viel mitkriege wie in der Kommentatorenkabine.

    STANDARD: Hatten Sie am Anfang der Zusammenarbeit mit Alex Wurz eine Vorstellung, wie gut das funktionieren wird?

    Hausleitner: Null. Wenn es das tut, war es der Erfolg des Konzeptlosen. Wir haben nie abgesprochen, wie wir miteinander umgehen, ob wir witzig oder seriös sein sollen. Alex hat sein erstes Jahr ja noch mit Heinz Prüller kommentiert, da war die Aufgabenverteilung eine andere. Alex ist dann in Melbourne 2009 zu mir gekommen und hat gefragt: ‚Heast oida, was sagst du, was sag i?‘ – und ich habe gesagt: ‚Du sagst, was du willst, ich sage, was ich will, ganz einfach‘. So haben wir uns reingesetzt.

    foto: apa/hans punz
    2014 gewannen Wurz und Hausleitner die Romy in der Kategorie Information.

    STANDARD: Treffen Sie sich auch privat außerhalb der Formel 1?

    Hausleitner: Selten. Wir sind Freunde, telefonieren oft, sehen uns aber schon aufgrund der räumlichen Trennung sehr selten. Erstens ist er in Monaco zuhause, ich am Attersee, und zweitens ist er noch viel mehr unterwegs als ich – er hat ja noch den Job bei Toyota in der WEC (World Endurance Championship), dann macht er sein Track Design, baut Rennstrecken, hat sich jetzt noch die Rallyecross-WM angefangen, ist mit seinen Jungs bei diversen Kartrennen – der ist in der Freizeit kaum greifbar.

    STANDARD: Können Sie sich noch an Ihr allererstes Formel-1-Rennen als Fan erinnern?

    Hausleitner: Spielberg 1975. Leider ein tragischer Grand Prix, weil Mark Donohue im Warmup am Sonntag einen schweren Unfall hatte und dann zwei Tage später im Krankenhaus in Graz verstarb. Auch ein Streckenposten starb dabei. Mein Vater ist mit seinen Spezis immer zum Österreich-GP gefahren, das war das erste Mal, dass ich mitfahren durfte. Ich war fünf oder sechs Jahre alt und habe vor Aufregung leicht gefiebert, mein Papa ist mit mir zum Streckenarzt gegangen – das war ja damals alles offen, da ging man aus und ein wo man wollte. Dann gingen wir am Sonntagvormittag zum Streckenarzt und in dem Moment brachten sie Mark Donohue, der äußerlich ja unverletzt war und an Kopfverletzungen gestorben ist, zum Arzt.

    STANDARD: Ist das beim Erstkontakt nicht abschreckend?

    Hausleitner: Ich habe das damals nicht realisiert. Mein Papa hat es auf Super-8 gefilmt, wir haben den Film noch daheim: Ich bin da und sie tragen Donohue im blauen Overall herein. Er war bei Bewusstsein, hat sich aufgerichtet, ich bin danebengesessen. Das hat der Faszination am Sport keinen Abbruch getan – Formel 1 war ja nicht mein einziges Steckenpferd, ich war damals schon ein großer Fußballfan, sehr sportnarrisch.

    STANDARD: Was tun Sie, um mit Alex Wurz‘ Ersatzleuten eine ähnliche Atmosphäre hinzukriegen?

    Hausleitner: Mit Christian Klien war ich von Anfang an "best friends". Als ich Ende 2004 als Redakteur die ersten Rennen für den ORF gemacht habe, ist er noch im Jaguar gefahren. Ich bin dann gleichzeitig mit dem Einstieg von Red Bull voll eingestiegen, dann ist Klien für Red Bull gefahren und wir waren beste Freunde. Dementsprechend ist die Verbindung nach wie vor sehr gut. Aber das ist sie auch, wenn jemand anderer drin sitzt. Ich habe mit Mathias Walkner, Lucas Auer, Nico Hülkenberg, Guido van der Garde, Pascal Wehrlein, Robert Lechner, Karl Wendlinger, Gerhard Berger kommentiert – ich könnte ein Starterfeld mit Co-Kommentatoren anfüllen. Und ich könnte nicht sagen, dass mir jemand auf den Wecker gegangen wäre.

    STANDARD: Sind Motorsportler umgänglich? Es sind immerhin Einzelsportler.

    Hausleitner: Das würde ich nicht auf den Motorsport reduzieren. Ich tue mir im Umgang mit Sportlern generell sehr leicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerne selbst einer gewesen wäre, aber nie einer geworden bin. Ich finde, das sind durch die Bank sehr faszinierende Erscheinungen – Ausnahmen bestätigen die Regel.

    STANDARD: Was wollten Sie aktiv machen?

    Hausleitner: Ich habe immer Fußball gespielt, da war aber bald klar, dass das nicht ausreichen wird. Das war das einzige, das ich ernsthaft betrieben habe. Sonst habe ich alles Mögliche gemacht, auch jetzt noch.

    foto: orf/privat
    Hausleitner absolvierte 2001 das Erzberg-Rodeo.

    STANDARD: Machsen Sie jemals komplett Formel-1-Pause? Der Zirkus schläft ja nicht.

    Hausleitner: Deshalb kannst du auch nie Pause machen. Viele unterschätzen, dass es so informationsintensiv ist, dass du einfach nicht aufhören kannst. Du würdest nicht glauben, wie oft mich meine Frau darauf aufmerksam macht: "Jetzt hör‘ einmal auf, lass es mal!" – Nein, du kannst nicht. Es tut sich immer etwas. Wenn du nicht ständig dahinter bist, reißt du ab. Das habe ich schon auch bei Heinz (Prüller) mitbekommen, dass du nicht mal zwei Rennen nicht und dann wieder das dritte machen kannst. Die Kontinuität ist ganz wichtig. Was während eines Rennens Twittermeldungen von den Teams kommen – das ist eine Informationsflut, die dich mitreißt. Das kenne ich aus keinem anderen Sport.

    STANDARD: Schauen Sie während der Rennen selbst auf Twitter?

    Hausleitner: Immer. Permanent. Alex schaut auch oft aufs Handy, aber der steht da mit anderen Quellen in Kontakt. Abseits der Information genieße ich sehr, dass vieles von den Sehern kommt. Die Leute weisen mich da oft auf etwas hin, das ich selbst übersehen habe. Dazu gibt es noch einen Chatroom, in dem sich Kommentatoren austauschen.

    STANDARD: Haben Sie die Twitterei aus Eigeniniatitive begonnen oder war es eine Ansage von oben?

    Hausleitner: Nein, das hat sich so ergeben. Zu Twitter hat mich der Alex gebracht, dann hat es sich eingebürgert, dass uns die Leute während der Session schreiben. Es gibt offenbar einen harten Kern an Formel-1-Sehern im ORF, das sieht man auch an der Quote, die über die Jahre megastabil ist. Für mich sind das immer die gleichen Leute, ein gewisser Prozentsatz von denen schreibt dann.

    STANDARD: Sie haben vorher gemeint, Heinz Prüller habe Ihnen gesagt, dass Sie sich nie Urlaub nehmen dürfen.

    Hausleitner: Nein, nein! Das hat er nie gesagt, aber er war diesbezüglich ein Vorbild. Er war der Erste an der Strecke und der Letzte, der gegangen ist. Er hat es einerseits einfacher gehabt, da er nicht mit dieser Informationsflut konfrontiert war, andererseits schwieriger, da er jeder Geschichte nachlaufen musste und alles persönlich recherchieren musste, was natürlich nach wie vor das Höchste ist.

    STANDARD: Hat es zwischen Ihnen eine Übergabe gegeben?

    Hausleitner: Nein. Ratz-fatz.

    STANDARD: Es gab damals Facebook-Gruppen á la "Wir wollen Heinz Prüller zurück". Haben Sie Ihren schweren Stand gespürt?

    Hausleitner: Ich muss Heinz eigentlich dankbar sein, da er aus der Position des Formel-1-Kommentators in Österreich so etwas Einzigartiges gemacht hat, davon profitiere ich. Alle anderen Sportarten werden aufgeteilt, Formel 1 war von Heinz her exklusiv. Freilich war die Aufregung am Anfang groß – Fernsehen hat viel mit Gewohnheit zu tun, das war ein tiefer Schnitt. Ich habe die Aufregung damals völlig unterschätzt, das hat sich mir erst kurz vor Australien offenbart. Damals hat mir Hans Huber gesagt, dass wir eine Pressekonferenz machen müssen, ich habe gesagt: ‚Was wollen die von mir, warum sollen wir eine Pressekonferenz machen?‘ Ich habe das eher easy gesehen, da fahre ich halt hin und kommentiere. Dann hat sich diese Aufregung – die nach so einer langen Zeit ja völlig berechtigt ist – extrem schnell erledigt, nach zwei, drei Rennen. Das ist der beste Beweis, dass jeder zu ersetzen ist, deswegen überschätze ich meine Position da auch nicht.

    STANDARD: Haben Sie das Gefühl, dass sich im ewigen Formel-1-Richtungsstreit zwischen kleinen und großen Teams jetzt wirklich etwas tut?

    Hausleitner: Nein. Was die Ausschüttung der Prämien anbelangt, sind die Fronten verhärtet. Mercedes, Ferrari, Red Bull werden sich da wenig bewegen, diese Schere wird es immer geben. Aber genau diese Diskussionen, dieses Geplänkel gibt es so lange es die Formel 1 gibt. Das macht sie aus. Es sind nicht nur 20 Autos, die im Kreis fahren – diese Komplexität, dieses Politisieren und Taktieren im Hintergrund hast du sonst nirgends. Ob jetzt der große Wurf gelingt, dass alle gleich viel verdienen, würde ich mit einem klaren Nein beantworten.

    STANDARD: Kann das nicht einer potenziellen guten Entwicklung im Weg stehen?

    Hausleitner: Es ist natürlich super ungerecht. Die eine Säule des Geldes wird ja nach dem Platz in der Konstrukteurs-WM ausgeschüttet, das ist gerecht: Wer mehr gewinnt, kriegt mehr. Der große Kritikpunkt sind ja die Sonderzahlungen, die manche Teams bekommen. Der Double Championship Bonus, der damals für Red Bull erfunden wurde, der historische Bonus für Ferrari, nochmal 50 Millionen extra für Ferrari, weil sie Ferrari sind, dann vielleicht einen historischen Bonus, weil Mercedes schon in den 50er Jahren dabei war – die Großen haben es sich da schon gerichtet, das ist in Wahrheit ungerecht. Wenn man die zweite Säule unter den zehn Teams gleich aufteilen würde und die erste Säule so wie jetzt, würde ich es gut finden.

    foto: apa/afp/martin bureau
    Ferrari hat sich im ewigen Machtkampf um die Geldverteilung diverse Boni herausgeschlagen.

    STANDARD: Welche Änderungen würden Sie sich im Formel-1-Kalender wünschen?

    Hausleitner: Ich würde China sofort streichen, das ist für mich ein völlig unsinniges Rennen. Es gibt von der Track Action dann und wann was her, aber die Formel 1 ist dort nie angekommen. Malaysia ist schon weg, das war mir klimatisch zu viel. Relativ sinnbefreit bezüglich der Streckenführung finde ich auch Sotschi.

    STANDARD: Gibt es Kurse, die Sie wieder einführen würden?

    Hausleitner: Zandvoort, bei den jetzigen Sicherheitsbestimmungen natürlich undenkbar. Imola war auch immer eine Reise wert. Grundsätzlich soll man nicht unbedingt auf den Spuren der Formel E die Metropolen suchen. Meine zwei Lieblingsstrecken sind mitten im Nirgendwo, Suzuka und Spa. Wo ist da eine Metropole? Es sind trotzdem die geilsten Strecken, die die Formel 1 zu bieten hat. Wenn in New York oder Miami etwas ist, wo man ordentlich rundumfahren kann, von mir aus – aber nicht vom Zaun brechen. In der Formel E spielt die Streckenführung eine untergeordnete Rolle, wir in der Formel 1 sollten uns darüber aber primär Gedanken machen. Die Leute kommen sowieso.

    STANDARD: Kann die Formel E neben der Formel 1 existieren oder wird es auf lange Sicht ein Entweder-Oder sein?

    Hausleitner: Das Konzept ist ganz ein anderes. Auf der einen Seite ist der Zuspruch von Automobilherstellern und Sponsoren riesig, das hat alles seine Berechtigung. Ich sehe es einfach mehr als Event. Wenn da wie in Zürich 110.000 Zuschauer hinkommen, tun sie das meines Erachtens, weil sie ein Event sehen wollen. Viele Menschen, Autos, Party, Musik, Tralala. Aber wie viele von denen fragen dann 14 Tage später: ‚Wie sind sie in Berlin gefahren?‘ Ich glaube, dass es sich einmal als Sportart etablieren muss. Als Event hat es das offenbar, aber dass das Interesse der Menschen soweit wächst, dass sie die Tabelle der Formel E verfolgen, das sehe ich derzeit nicht.

    foto: imago/kräling
    Die Formel E hat derzeit eher Eventcharakter – und meist einen spektakulären Hintergrund.

    STANDARD: Kann ein anderer Rennsport diesen so schwer greifbaren, aber spürbaren Traditionsbonus der Formel 1 jemals einholen?

    Hausleitner: Genau so ist es. Die Tradition ist ein ganz wichtiges Asset, darauf dürfen sie nie, nie vergessen. Diese Teams wie Ferrari, die braucht die Formel 1. Die Tradition ist natürlich auch mit den Privatteams wie Williams und McLaren verbunden, da muss man auch schauen, dass sie wieder in Schuss kommen. Diese Geschichte der Formel 1 gehört gehegt und gepflegt. Mir schreiben viele Leute, dass sie schon in den 70ern bei Rennen waren und jetzt in Österreich wieder sind.

    STANDARD: Haben Sie die Formel 1 seit deinem ersten Rennen mit sechs Jahren dauerhaft verfolgt?

    Hausleitner: Es hat schon Zeiten gegeben, wo ich weniger geschaut hab, weil ich anderen Blödsinn gemacht habe, ich habe nicht immer jedes Rennen verfolgt.

    STANDARD: Was war für Sie die Blütezeit?

    Hausleitner: (Denkt nach) Schwierig zu sagen. (Denkt lange nach) Aus österreichischer Sicht muss man natürlich sagen: die Niki-Lauda-Zeit. Man darf die Vergangenheit aber nicht verklärt sehen – wenn wir von spannenden und unspannenden Rennverläufen sprechen, dann schau dir mal die 90er an, in denen der Vierte überrundet wurde. Jetzt sind wir immerhin beim Siebenten. Die Blütezeit sollte dann sein, wenn der sportliche Wettkampf eng und ausgeglichen ist. Schwierig, da fällt mir nichts ein.

    STANDARD: Sagt vielleicht auch etwas über die Konstanz des Sports aus.

    Hausleitner: Das ist vielleicht eine unpopuläre Antwort, aber in den Zeiten, die ich begleitet habe, war es am besten, wenn viele Werksteams involviert waren. Wo BMW, Toyota noch da waren, wo das Fahrerfeld auf einem extrem hohen Niveau war, wo du nahezu keinen Pay-Driver gehabt hast und die bezahlten Fahrer die besten waren. Wir sind da jetzt halbwegs gut aufgestellt, aber es gab Zeiten, in denen du dich beim halben Feld einkaufen konntest. Das finde ich dann eher mau. (Überlegt weiter). Blütezeit, da fällt mir nichts ein. (Martin Schauhuber, 19.10.2018)

    • Ernst Hausleitner (re.) und Alexander Wurz – beruflich kaum zu trennen, privat nur telefonisch in Kontakt.
      foto: orf/thomas ramstorfer

      Ernst Hausleitner (re.) und Alexander Wurz – beruflich kaum zu trennen, privat nur telefonisch in Kontakt.

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