Was es heißt, ein Mensch zu sein

    20. Oktober 2018, 09:00
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    Roboter und künstliche Intelligenz eröffnen im Medizin- und Pflegesektor viele Zukunftschancen. Dennoch ist hier die Akzeptanz für ihren Einsatz am geringsten. Das liegt vielfach am falschen Rollenverständnis

    In welchen Arbeitsbereichen sollen Roboter, wenn es nach Ihnen ginge, künftig prioritär zum Einsatz kommen? Vor ein paar Jahren hat man diese Frage fast 27.000 Europäerinnen und Europäern im Zuge einer EU-Erhebung zur Roboterakzeptanz gestellt. Die topgereihte Antwort lautete: in der Weltraumforschung.

    Wann immer ich dieses Ergebnis bei Vorträgen zeige, ernte ich Schmunzeln und Kopfnicken in den Publikumsreihen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass es zweifellos keine schlechte Idee ist, eine mechanoide Vorhut outer space schon mal Neuland ergründen zu lassen. Der Plastikmüll auf der Erde wird ja schließlich nicht weniger. Ein bisschen hat es vielleicht aber auch damit zu tun, dass wir diese schlauen Maschinen, die uns scheinbar immer ähnlicher werden, nicht gänzlich ungern aus unserem persönlichen Lebensumfeld fernhalten würden.

    Weltraum. Weiter weg geht eigentlich gar nicht. Und der Trend bestätigt sich umgekehrt: In jenen Bereichen, in denen uns Technologie physisch und emotional besonders nahe kommen könnte, in der Altenpflege und der Kinderbetreuung etwa, ist die Akzeptanz für den Einsatz von Robotern am geringsten.

    Aber warum eigentlich? Robotik und künstliche Intelligenz eröffnen doch viele neue Zukunftschancen, gerade auch im Medizin- und Pflegesektor, könnte man argumentieren. Der präzise greifende, niemals müde Roboterarm als Unterstützung in der Chirurgie. Eine aus Daten lernende Software zur Frühdiagnose von Demenz. Das fahrerlose Transportsystem, das im Pflegewohnhaus Bettwäsche von A nach B bringt. Das Exoskelett, das dem Pfleger beim Umlagern eines Kranken den Rücken stützt. Das mechanische Assistenzsystem, das einer Patientin bei der Körperhygiene hilft – und auf diese Weise vielleicht sogar ihre Autonomie zu stärken vermag. Nur: Sind das die Zukunftsbilder, die die Befragten der EU-Studie im Kopf hatten? Die wir uns prüfend unter die Nasen halten, um als Gesellschaft über ihren Wert, ihre Umsetzbarkeit zu verhandeln?

    Natürlich nicht. Stattdessen poppt beim Schlagwort Pflegeroboter in der Regel das Bild des humanoiden Blechmanns auf, der am Bett der Großmutter steht und ihr scheinempathisch den Arm tätschelt: "Ich bin Dein gefühlvoller Robo-Gefährte. Ich kann Musik spielen, um Dich aufzuheitern. Möchtest Du jetzt Freddy Quinn hören?"

    Sex sells, Angstlust auch

    Der Roboter, die künstliche Intelligenz – was viele mit diesen Begriffen verbinden, ist das uralte und gleichsam aufregende wie angstbesetzte Motiv der Menschmaschine. Der Humanoid, der sein organisches Vorbild in kognitiven wie sozialen Fähigkeiten nachzubilden – zu ersetzen – scheint, hat sich im öffentlichen Diskurs als Sinnbild für Zukunftstechnologien durchgesetzt. Man braucht nur die Google-Bildersuche anzuwerfen und bekommt haufenweise Menschmaschinen ausgespuckt. Stilistisch meist irgendwo zwischen Terminator, Sexroboter und Blinkeaugen-Robonanny. Sex sells, Angstlust auch.

    Und so mancher Industrievertreter tut sein Übriges, um das große Ersetzen des Menschlichen noch besser vorstellbar zu machen. Hanson Robotics lässt seine silikonummantelte Roboterpuppe Sophia für zahlungskräftige Eventkundschaft über ihre Sehnsucht nach eigenen Kindern palavern. Google hat kürzlich einen neuen Sprachbot vorgestellt, der mit quasi menschengleicher Stimme beim Friseur oder im Restaurant anruft und dabei regionalen Dialekt und Mhms und Aahs benutzt, um möglichst gefühlsecht zu wirken. Das gruselige Tarn-und-Täusch-Manöver sorgte aber dann doch für mehr negative Vibes, als Google im Vorfeld angenommen hatte.

    Wer welchen Wert liefert

    Der gefälschte Mensch: ein Konzept, das sich eigentlich so gut wie niemand wünscht. Und etwas, das abseits von Emotionssimulationsprogrammen und anderen Tricksereien ohnehin fern jeglicher Realisierbarkeit ist. Echtes Verständnis für die Lebensumstände des Nutzers, echtes Lachen über seinen Witz, echte Trauer kann ein Roboter nie leisten. Ein Informatikkollege aus Zürich meinte vor ein paar Tagen zu mir: "Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz wird es keinen Sinn machen, den Wert des Menschen über seine Leistungen als Rechenmaschine zu definieren." Umgekehrt wird es auch keinen Sinn machen, den Wert der Maschine als soziales oder gar (mit-)fühlendes Gegenüber zu definieren.

    Um einen konstruktiven Dialog darüber zu führen, wie eine akzeptable und sinnvolle Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine in Zukunft aussehen kann, wäre es daher ganz wichtig, Maschinen endlich als das zu begreifen – und als das darzustellen -, was sie schlussendlich immer sein werden: eben etwas anderes als der Mensch. Etwas – im besten Fall – Komplementäres.

    Im Weltraum wie im Pflegeheim. (Martina Mara, 19.10.2018)

    Martina Mara ist seit April 2018 Österreichs erste Professorin für Roboterpsychologie am Linzer Institute of Technology der Johannes-Kepler-Universität Linz. Außerdem ist sie Mitglied des Rats für Robotik des Infrastrukturministeriums.

    • DYSTOPIE: Werden Roboter zur Gefahr, sobald sie ein Bewusstsein entwickeln? Diese Frage greift der Film   "Ex Machina" mit Alicia Vikander als Android Ava auf.
      foto: ap / a 24 films

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