Warum so viele Smartphones das iPhone "kopieren"

    18. Oktober 2018, 11:38
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    Chinesische Hersteller wie Huawei müssen bei der Entwicklung auch asiatische Märkte berücksichtigen – und die User dort haben andere Vorlieben

    Aus China kommen mittlerweile einige beeindruckende Smartphones. Vor kurzem hat etwa Huawei das Mate 20 Pro vorgestellt, das mit Performance, einer Triple-Cam und einem Sammelsurium weiterer Features glänzen soll. Für Aufmerksamkeit sorgte auch das Vivo Nex mit seinem "randlosen" Display ohne Notch und der ausfahrbaren Frontkamera. Das Oppo Find X, ebenfalls hardwaremäßig sehr potent, wiederum versteckt die rückseitigen Kameras hinter einem Slide-Mechanismus. Und Xiaomi hat sich ohnehin schon längst weltweit einen Namen gemacht.

    Der starken Technik steht allerdings Softwaredesign gegenüber, das im "Westen" gerne die Augenbrauen hochgehen lässt. Denn oft birgt die Firmware der Handys deutliche Anlehnungen an oder eindeutig erkennbare Kopien von iOS-Features. Besonders gut ist das bis heute an den Kamera-Apps ersichtlich, die häufig sehr stark aussehen, wie das Foto-Tool des Apple-Systems. Das hat mehrere Gründe.

    foto: derstandard.at/pichler
    Huawei hat sich bei seiner EMUI-Oberfläche offenkundig bei iOS inspirieren lassen, bietet aber mittlerweile immerhin einen zuschaltbaren Appdrawer an.

    Apples Strahlkraft

    Da wäre zum einen das Offensichtliche: Apple hat Smartphones zum Durchbruch in den Massenmarkt verholfen und aus den Geräten ein Lifestyle-Objekt gemacht. Diese Strahlkraft ist auch in China spürbar. Auch wenn iPhones dort noch gar nicht so lange offiziell verkauft werden, eifern die Hersteller diesem Vorbild schon länger nach. Mitunter nicht nur bei der Software, sondern auch beim Design der Geräte. Firmen wie Goophone überleben sogar ausschließlich damit, die Apple-Handys und Smartphones anderer populärer Marken zu "klonen".

    Während eine nach iOS aussehende Oberfläche auf einem Android-Handy also in unseren Breitengraden nicht nur "Android-Puristen" verwundert, ist dieses "Look and Feel" in China schon lange Normalität. Geschuldet ist das nicht nur der langen Dominanz des iPhones, sondern auch der Tatsache, dass viele User dort – mit Ausnahme vielleicht von Hongkong – kaum etwas anderes kennen.

    Der Play Store ist von der "großen Firewall" schon lange gesperrt und Handys, die in China direkt auf den Markt kommen, bringen auch keine sonstigen Google-Services mit. Stattdessen betreiben die Hersteller eigene Appstores oder inkludieren Appkataloge von Drittanbietern. Letzterer Umstand sorgt auch immer wieder für Sicherheitsprobleme durch malwareverseuchte Kopien populärer Programme.

    foto: derstandard.at/pichler
    Gerade die Kamera-App, hier beim Xiaomi Mi 8, ist sehr oft ein Nachbau der iOS-Kamera.

    Viele Nutzer wollen es so

    Gegenüber The Verge betont man bei Xiaomi, dass man sich beim Design der eigenen Android-Adaption MIUI stark am Feedback der User orientiere. Und dort kommen auch immer wieder Vorschläge, die sich auch an neuen Android-Entwicklungen anlehnen. Mit dem "Smart App Launcher" gibt es nun eine Alternative zu Googles "Now on Tap". Auch sonst bemüht man sich um regionsspezifische Anpassungen und integriert in MIUI 10 etwa Services, die in Indien populär sind. Eine Strategie, die offenbar erfolgreich ist, konnte man in diesem Hoffnungsmarkt doch heuer sogar Samsung vom Thron stoßen.

    Die Nachfrage nach mehr Android-Look dürfte allerdings keine besonders hohe Priorität genießen. Nach wie vor gibt es in MIUI keinen Appdrawer. Die Icons der Apps werden also auf den Startbildschirmen verteilt, wie in iOS. Nutzer können aber eigene Themes basteln und ihrem System so das Aussehen eines weitgehend unangetasteten Android-Systems verpassen. Wer jedoch die App-Schublade möchte, muss einen anderen Launcher installiere.

    foto: derstandard.at/pichler
    Die Anlehnung an iOS wird von vielen chinesischen Herstellern schon lange praktiziert. Hier: Das Meizu MX4 Pro aus 2015.

    Trendwende möglich

    Andere Hersteller wiederum integrieren die in Europa und den USA nachgefragten Features – wenn auch spät. Huaweis EMUI bietet etwa seit Version 5 einen zuschaltbaren Appdrawer an. OnePlus nutzte für die internationale Ausgabe seiner Handys und die China-Version mittlerweile ebenfalls die gleiche Softwarebasis. Sowohl OxygenOS (International) und HydrogenOS (China) sind aber nahe an "purem" Android gehalten und verfügen über einen Appdrawer.

    Bei OnePlus will man auch einen Trend weg von ewig langen Featurelisten hin zu einer "minimalistischeren" Nutzererfahrung und hoher Performance sehen. Hier spricht man auch aus Erfahrung, denn die eigenen Handys verkaufen sich gut und die Firmware von OnePlus gilt als exzellent optimiert hinsichtlich der Performance.

    OnePlus (hier: das OnePlus 6) bildet eine Ausnahme: OxygenOS nimmt nur geringe Veränderungen an der "puren" Android-Oberfläche vor – auch bei den China-Modellen.

    Kompromisse für tolle Hardware

    Bis sich die Vorlieben der chinesichen Nutzer merkbar ändern, dürfte es aber noch eine gute Weile dauern. Man sollte aber nicht vorschnell die gern überladen wirkenden Android-Varianten von Huawei und Co. grundsätzlich als "schlecht" bewerten. In vielerlei Hinsicht ist es schlicht eine Geschmacksfrage. Mitunter profitiert Android auch neuen Ideen und Features, die bei den Versuchen dieser Hersteller, sich voneinander abzuheben, entstehen.

    Was hierzulande gern als "Spielerei" betrachtet wird, ist auf asiatischen Märkten vielleicht eine stark nachgefragte Funktion. Wer die oft gute und preisgünstige Hardware chinesischer Smartphones nutzen will, muss letztlich auch kompromissbereit sein und ihrer Software eine Chance geben. (gpi, 18.10.2018)

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