Mit 30 wird alles leichter und schwerer

    19. Oktober 2018, 18:11
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    Eigentlich könnte man mit 30 langsam vernünftig werden. Lassen wir doch einfach weiterhin die Sau raus!

    Das fängt ja gut an: Mit 30 ist früher im Mittelalter das Leben oft schon wieder zu Ende gegangen. Kirschkern verschluckt, Blinddarm rebelliert: Schon ist man tot. Ein Zahn wird eitrig: Das bedeutet den Tod. Man hat mit dem Nachbarritter einen Streit wegen kreativer Grenzsteinsetzung oder unternimmt mit einer gleichgesinnten Armee eine Reise nach Jerusalem, wo man auf örtlichen Widerstand trifft: Am Ende ist man immer tot.

    Heute ist 50 das neue 40. Für das sollte man so tun, als sei man 30. Sonst muss man bis 70 dauernd mühsam nachjustieren. Das kann im Alter (70 ist das neue 60) ganz schön schwierig werden, wenn man an Arterienverkalkung leidet und seine sieben Zwetschken nicht beieinanderhalten kann.

    Als ich 30 wurde, wusste ich zwar schon einige wichtige Dinge für mein späteres Leben. Immerhin hatte ich vier verschiedene Studienrichtungen in drei verschiedenen Städten erfolgreich nicht fertig studiert. Daran bin ich übrigens nicht selbst schuld. Im letzten Fach hatten sie einfach zu viel theoretische Mathematik und komplizierte Milchmädchenrechnungen auf nationaler Ebene versteckt. Dafür hatte ich aber als Musiker zu diesem Zeitpunkt vier Alben mit zwei Bands aufgenommen, war ein Fachmann für Autobahnraststätten zwischen Wien, Bregenz und München – und galt gemeinsam mit meinen Bandkollegen als international angesehene Kapazität für Liptauerbrote im Backstagebereich.

    "Veteranentreffen" im Heimatort

    Die Freunde, die nicht zum Studieren in die großen Städte gegangen waren, hatten zu diesem Zeitpunkt erste Scheidungen hinter sich. Diverse Rohbauten gehörten der Bank. Einmal wurde ich in meinem Heimatort zu einem "Veteranentreffen" eingeladen und fand mich bei einem Diavortrag über eine Trachtenhochzeit wieder. Ich wollte sterben. Nein, ich wollte zehn Gin Tonic. Nein, ich wollte beides. Das war einer der letzten längeren Aufenthalte in meiner Heimat. Seither reise ich nur noch zu Beerdigungen an.

    Apropos, mit 30 wird man aufgrund seiner Immernochgescheiterwerdung zusätzlich zu seiner jugendlichen Schönheit gerade in diesem Alter so unfassbar attraktiv, dass eines passiert: Sämtliche biologische Alarmglocken läuten ab diesem Alter Sturm. Lasst uns große, starke Babys machen! Die Attraktivität fußt natürlich auch darauf, dass sich zur Gescheitheit oft Klugheit gesellt. Andererseits schlagen Männer, die mit 30 noch immer nicht vergeben sind, ab diesem Alter gern den Weg des gescheit Dummseins ein.

    Ein wenig abgelebt

    Zur vielleicht in dieser Heftigkeit später nie wieder in den vorderen Hirnlappen vordringenden Klugheit gesellt sich natürlich auch die Erfahrung. Man hat ein bisschen gelebt. Man ist ein wenig abgelebt. Zumindest aber weiß man in der Theorie, wie Vernünftigsein gehen könnte. Immerhin lernen das schon vorhandene eigene Kinder gerade in der Schule oder im Kindergarten. Da kann man sich einiges abschauen. Wenn man Kinder hat, lernt man übrigens, Lehrer wieder nicht zu mögen. Diese starken Gefühle verunsichern oft die gegenüber Erziehungspersonen eigentlich anfangs noch toleranten Kinder. Ab 30 lernt man etwas Neues für das Leben: Kinder gehen gern in die Schule, Eltern nie. Ein Elternabend ist die Strafe für frühere Taten, die man nie begangen hat.

    Medizinisch gesehen befindet man sich mit 30 (das ja eigentlich das neue 20 sein sollte) in einer schwierigen Phase. Innen im Körper liefern zwar wie erwähnt die Gescheitheit und das Klugsein spielerisch Sternstunden des geistreichen Dialogs. Ab 30 können allerdings bei entsprechender beruflicher Tätigkeit als Sitzriese schon einmal die Knochen zu krachen beginnen.

    Als 50-, also 40-Jähriger, der im Wesentlichen noch immer 30 ist, weil es beige Pensionistenjacken und Hosen mit Gummizug ja gar nicht mehr zu kaufen gibt, weiß man trotzdem um die Hinfälligkeit von Knochen und Bandscheiben. Daran ändert auch dieses brüllbunte Zeug aus dem Modediskonter nichts, in dem längst auch 70-jährige Zauseln ausschauen wie Kindergartenkinder, denen man die Luft herausgelassen hat.

    Das Alter ist zwar offiziell irgendwann in den 1950er-Jahren mit der marktinnovativen Erfindung des ewigen Teenagers verboten worden beziehungsweise im Rückzug begriffen. Leider hat sich das noch nicht bis in die Innereien, das Gebälk oder die Seh- und Hörorgane durchgesprochen.

    Weil ich laut der Innviertler Großmutter immer zu viele depperte Bücher gelesen habe und mir einmal bei einem AC/DC-Konzert oder bei irgendwelchen Metallfedernsachbearbeitern im U4 ein Satz warme Ohren gemacht wurde oder ich aus Zufall bei einem eigenen Konzert vielleicht einmal mit dem Kopf zu nahe an den pfeifenden Verstärker geraten bin, sehe und höre ich nicht mehr gut. Ha?!

    Eingebaute Titanplatte

    Zugegeben, das kann Vorteile haben. Wenn ich heute beim Orthopäden sitze, der mir gerade an einem Fußgelenk herumgesägt und eine Titanplatte eingebaut hat, finde ich das durchaus angenehm, wenn man nicht alles versteht. Wenn man mit dem Fahrrad von einem Polizisten aufgehalten wird, weil eine blöde Geschichte an der Ampel passiert ist, wäre es andererseits von Vorteil, halbwegs gut zu hören.

    Der Orthopäde sagt also irgendetwas, was nach mühsamem Alter und Rollator klingt. Die Haut ist definitiv auch nicht mehr das, was sie einmal war. Im Winter trinkt man statt Aquavit nun Oleovit. Vitamin D3 hilft auch gegen das Traurigsein und den Sonnenmangel. In der Bibel steht: "Wir sind nicht von der Nacht noch der Finsternis."

    Ab 30 ist es gut möglich, dass man nicht nur klug und gescheit ist und noch dazu noch alle Haare an der richtigen Körperstelle, nämlich oben auf dem Kopf, hat. Immer öfter werden auch Stimmen im Kopf laut, die einem sagen, dass man von sieben Wochentagen eigentlich zwei am Abend und nachts zu Hause bleiben könnte. Der Körper würde "Vergelt's Gott!" sagen. Die Haare wachsen natürlich weiter, nur an den falschen Stellen.

    Wer das beherzigt und noch dazu viel Bewegung an der frischen Luft macht, der hat es dann vielleicht einmal pünktlich ab dem 50. Geburtstag nicht jeden Tag in der Früh wieder mit einem neuen Zwicken und Zwacken oder Zipperlein zu tun, und er muss eventuell nicht die ersten Minuten außerhalb des Betts als rechter Winkel durch die Küche zum Kaffee schleichen.

    Haare werden ein Thema

    Apropos Haare. Haare werden ab 30 ein wichtiges Thema. Am besten werden Haare natürlich kein Thema, aber das ist reine Genetik. Danke, Mutter! Danke, Vater! Irgendwann hat der Großvater angefangen, sich ein Geschmier ins Haar zu reiben, das aus Knoblauch, Eidotter und Malzbier bestanden hat – oder hat er das getrunken?

    Nein, die Großmutter hat so etwas getrunken, nur ohne Knoblauch, dafür mit Zucker. Die Großmutter ist wegen des Gestanks jedenfalls im Alter aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen. Ich denke, es ging weniger um Haarwuchs. Der Großvater wollte einfach seine Ruhe haben.

    Wenn man keine Haare mehr hat, muss man sie übrigens nicht färben. Das ist der Vorteil von keinen Haaren. Gefärbte Haare sind in der Männerwelt leider ein Thema, zu dem man nur anmerken kann, dass es blöd ausschaut, wenn unter einem glänzend schwarzen Haarschopf ein Gesicht wie eine Krokodilledertasche hängt.

    Interessante Erlebnisse

    Ab 30 wird das Leben also nicht immer leichter. Okay, wenn es gut läuft, hat man zumindest weniger finanzielle Sorgen. Das lässt sich aber heute auch nicht mehr so sicher sagen. Das Leben wird ab 30 aber definitiv interessanter. Die interessantesten Erlebnisse erweisen sich dabei nicht immer als die angenehmsten. Freunde gehen, Freunde kommen. Schön ist es, wenn man einige aus der Jugendzeit herüberretten kann. Mit irgendjemand Vertrautem muss man schließlich einmal in den Park Taubenvergiften gehen. Wird es dann die Rente noch geben? Nächstes Jahr? Schmäh.

    Was wirklich toll ab 30 ist: Für all die Bücher, die man ab jetzt liest, wird man in 20 Jahren keine Zeit mehr haben, weil die Tage viel zu kurz geraten. Die wesentliche Erfahrung beim Älterwerden ist jene, dass einem die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Das ist natürlich besser, als sich zu langweilen. Man sollte sich aber mit 30 nicht davon täuschen lassen, dass man sich mit vielen Dingen im Leben noch etwas Zeit lassen kann. Zeit geht ganz schnell aus.

    Vielleicht wäre es eigentlich gar nicht so gut, mit 30 gescheit und klug und vernünftig zu werden. Möglicherweise würde es ja auch Spass machen, die nächsten fünf oder zehn Jahre oder so noch einmal so richtig die Sau rauszulassen. Leute, so fesch und jung kommen wir alle sicher nicht mehr zusammen! (Christian Schachinger, 19.10.2018)

    Christian Schachinger ist Kulturredakteur des STANDARD und sehr wahrscheinlich seit 1999 dabei.

    • Also gut, überredet. Wir sind jetzt 30. Lassen wir die Sau raus. Aber so richtig.
      illustration: armin karner

      Also gut, überredet. Wir sind jetzt 30. Lassen wir die Sau raus. Aber so richtig.

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      foto: der standard
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