Finden ohne Suchen

    Kommentar der anderen17. Oktober 2018, 16:42
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    Dieses Plädoyer für die Freihandbibliothek hielt die Autorin in ihrer Festrede zur Eröffnung von "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek". Das Literaturfestival feiert das Lesen und die Bibliotheken im ganzen Land

    In einer Bibliothek, in der alles vorhanden wäre, so entwirft sie der Schriftsteller Borges als Idee in einem Essay aus dem Jahr 1939, lagerten auch die Bücher, die bereits eine "detaillierte Geschichte der Zukunft" beschrieben, und es wären beispielsweise auch seine, Borges’, "Träume und Halbträume im Morgengrauen des 14. August 1934" dort inventarisiert. Es gäbe Aischylos und James Joyce und "das Lied, das die Sirenen sangen", es gäbe den "vollständigen Katalog der Bibliothek", aber auch den "Nachweis der Fehlerhaftigkeit des Katalogs". In dieser alles umfassenden Bibliothek fände sich auch "die genaue Anzahl der Male, da die Wasser des Ganges den Flug eines Falken gespiegelt haben" notiert, und mit Sicherheit auch, möchte man diese Liste nun selbst weiterdenken und fortsetzen, die Anzahl der Male, die ein Kind, das am Ufer entlangläuft, sich bückt, um eine frische blaue Blume zu pflücken, sich dann wieder aufrichtet und den Blick nach oben lenkt, wo es den Falken sieht und nun selbst seine Arme ausbreitet, um freihändig über Äste und Steine zu balancieren.

    foto: imago/björn hake
    Das Wichtigste findet der lesende Mensch, ohne bewusst und zielgerichtet danach gesucht zu haben.

    Gefühl von Zugehörigkeit

    Als das Kind klein war, wurde es an einen neuen Ort versetzt und war, obwohl keineswegs unglücklich, nicht fähig, den dort üblichen Dialekt zu sprechen. Dieser Zustand, Fremdheit wäre ein zu großes Wort dafür, sollte sich über die nächsten Jahre nicht ändern. Das Kind sprach, obwohl es noch nicht lesen konnte, eine Art von Hochsprache, die eher in Büchern zu finden war als im alltäglichen Umgang. Als das Kind dann in die Schule kam, wurde ihm gleich eine Position zugewiesen, die es gegen das Gefühl von Zugehörigkeit eintauschen wollte. Einmal in der Woche sortierte es nachmittags in der Schulbibliothek Bücher, noch bevor es flüssig das Alphabet aufsagen konnte, und lernte so das Buchstabieren. Es konnte bald lesen und bekam die Aufgabe derer zugewiesen, die bei Schulfesten zur Begrüßung ein Gedicht aufsagen. In der schuleigenen Bibliothek verschaffte es sich einen Überblick über den Gesamtbestand, Detektivgeschichten, Märchen und Sagen, Bücher über Räuberbanden und das Hexeneinmaleins, daneben Sachbücher zum Thema Umweltschutz, Grzimeks Tierleben und das Guinness-Buch der Rekorde, und viele Bände mit trotzigen schwedischen Kindern als Hauptfiguren.

    Meistens waren noch zwei andere Kinder an der Arbeit in der Bibliothek beteiligt, zu dritt ordneten sie die Rückgaben ein, aktualisierten die Karteikarten, räumten die Leseecke auf und schlugen mit dem Handrücken in die Mitte der dort platzierten Kissen, um sie wieder aufzuplustern. Auch ein Mädchen, das Karin hieß, war Bibliothekarin. Als Lohn bekamen alle drei am Ende der Stunde je ein Karamellbonbon, das die Lehrerin aus ihrer Schublade hervorkramte. Als das Kind einmal krank gewesen war, bekam es die Neuerwerbungen aus dieser Bibliothek direkt ans Bett geliefert, las spätnachts mit der Taschenlampe schwitzend unter der Bettdecke und schlief zusammen mit Büchern und Comic-Heften, mit Asterix, Micky Maus und Lucky Luke, ein. In einer zweiten Bibliothek, der Gemeindebibliothek, lieh es sich Bücher aus über reisende Familienchöre oder über die Kaiserin Maria Theresia. Auf fremden Toiletten las es Kalendersprüche und "Reader’s Digest", in einem Schrank auf einem verstaubten Dachboden fand es einen Band mit germanischen Sagen, gedruckt in Frakturschrift, der ihm nach der Hälfte der Lektüre aus Sorge vor dem schlechten Einfluss abgenommen werden sollte.

    Fragen des Lebens

    Überhaupt kam es später zu Einmischungen, die dem Kind das Lesen vermiesen sollten. Die Jugendbücher der Mittelschulzeit verhandelten Themen und regten zu Diskussionen an. Das Kind aber verlor das Interesse und las bald keines dieser Bücher mehr. Heimlich beschaffte es sich "Bravo"-Hefte, beschäftigte sich mit den Ratschlägen von Doktor Sommer und lernte ein paar neue Wörter dazu, aus denen sich dennoch keine Antworten auf die Fragen des Lebens zimmern ließen. Nur Karl May war kühn genug, vorzupreschen, um die Jahre der kindlichen Verweigerung des Bücherlesens zu unterbrechen. Er konnte beispielsweise detailreich erklären, wie man einem feindlich gesinnten Cowboy den Adamsapfel so in die Kehle drücken konnte, dass dieser verlässlich außer Gefecht gesetzt wäre. Hilfreiches Wissen, auch für später, gesammelt und geordnet in Bibliotheken. Von A bis Z, sortiert nach Themen und Fachgebieten, manches gestapelt auf den Beistellwagen der sogenannten Rücksortierung, manches hervorgeholt und ausgestellt, versehen mit den Schlagworten von Relevanz und Aktualität. Das Kind wurde älter und begann, sich im Sprechen dem Dialekt seiner Umgebung anzupassen. Es fuhr im Winter die Berge hinunter und machte im Sommer Sprünge ins Freischwimmerbecken des Waldschwimmbads. Es schaute Vorabendserien im Fernsehen und schrieb Tagebuch. Es war beinah kein Kind mehr, es hörte Musik im Radio und von Musikkassetten, es hatte eine politische Meinung und zählte die Atomkraftwerke Europas auf einer Landkarte, die Greenpeace an die Adresse des erwachsen werdenden Kindes, nennen wir es Teenager, geschickt hatte.

    Moment des Verstehens

    Und dann kamen die Bücher der Erwachsenen, die Literatur. Der Teenager wusste nicht, wo beginnen, er war planlos, unwissend und vorbehaltlos. Freihändig stand er vor einer Wand aus Buchrücken in der Bibliothek des Gymnasiums und griff wahllos ins Regal. Er begann mit Irmgard Keun, Jura Soyfer und Peter Turrinis "Rozznjogd". Mit der einen freien Hand nahm er ein Buch nach dem anderen und legte es auf die andere Hand, auf die Hand, die nun, und für die nächsten Jahre, die Traglast übernehmen sollte. Er fand Handke, ohne ihn gesucht zu haben, fremdelte noch mit "Versuch über die Jukebox" und wurde doch bald auf "Wunschloses Unglück" hingewiesen. Fand Bachmann und Celan, ohne sie gesucht zu haben. Fand Céline, fand Oscar Wilde, fand Alfred Kubin, fand Yukio Mishima, fand den Marquis de Sade. Er fand Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung", nachdem Erich Fried sie nämlich in einem Aufsatz erwähnt hatte. Hatte in seinem Leben das erste Mal einen mehr oder weniger literaturtheoretischen Aufsatz gelesen. Manches waren Empfehlungen, manches entstand freilich erst über das Reden mit Freundinnen und Freunden, über die Hinweise von Eltern und Lehrer. Aber es war, über die Dauer der nächsten Jahre, ein Finden ohne Suchen, ein einhändig-freihändiges Greifen in die Wundertüte der Büchereien. Natürlich lasteten auf der tragenden Hand mitunter auch Enttäuschung, Unverständnis, Ablehnung oder Langeweile beim Lesen mancher Bücher. Vielleicht sucht man das, und findet es selten: einen Moment des Verstehens und eine Erfüllung dieses Wunsches, verstanden zu werden. Eine Form der gedanklichen Berührung, die Verständigung in einer gemeinsamen Sprache, die von denjenigen gesprochen wird, die lesen und schreiben. Das alles musste nicht nur zu diesem vielbeschworenen Eintauchen in Texte führen, es nährte auch die Skepsis der Sprache gegenüber, dem Erzählen gegenüber und nötigte den fast schon erwachsenen Menschen, das Augenmerk auch auf Stil und Form zu legen.

    Bibliothekarische Dramen

    Zum Zwecke des Ausleihens besaß dieser Mensch, der nun in die nächstgelegene Stadt gezogen war, um Philologie zu studieren, Ausweise mit amtlichem Lichtbild für die Universitätsbibliothek und für die Stadtbibliothek. Mithilfe dieser Dokumente verschaffte er sich Zutritt zu den Instituts- und Fachbereichsbibliotheken und zur städtischen Mediathek. Später hinzugekommen waren Ausweise für jede Stadt, in der er sich länger als nur für ein paar Tage aufhielt, Ausweise für Goethe-Institute im Ausland, für College- und Community Libraries. Wie Reisepässe waren sie, die ihm Zutritt gewährten zu fremden Orten, an denen man sich jeweils neu zu orientieren hatte.

    Kleinere Lebenskrisen fanden auch in bibliothekarischen Dramen ihren Niederschlag: verspätete Rückgaben, steigende Leihgebühren, Mahnschreiben, geleistete Zahlungen, Schuldeingeständnisse und Bitten um Kulanz. Freundliche, belesene und hilfsbereite Bibliotheksangestellte und unfreundliche, unbelesene und unbarmherzige Bibliotheksangestellte säumten den Weg zwischen neonhell beleuchteten Regalreihen hindurch bei schlechter Belüftung. Manches wurde später einfacher, der erwachsene Mensch bemühte sich, die Leihfristen einzuhalten und konnte bei gelegentlicher Überschreitung die Mahngebühr zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Recherche mittels Karteikasten wich der Suche im digitalen Bibliothekskatalog, online und von Zuhause aus, und der Mensch klopfte nun Namen, Titel, Stichworte, Jahreszahlen, Verlage, Zweigstellenadressen, Fragen nach Öffnungszeiten und Feiertagsschließungen in die Tastatur seines Computers und fand vieles, was er durchaus auch gesucht hatte.

    Glückliche Zufälle

    Das Wichtigste aber fand der lesende Mensch, ohne danach gesucht zu haben und ohne bewusst und zielgerichtet gesucht zu haben. Er fand es nur, wenn er stundenlang die dicht nebeneinander geschlichteten Bücher in einer sogenannten Freihandbibliothek durchforsten konnte. Er wählte die einzelnen Exemplare dann aufgrund ihres Umschlags, ihres Formats, ihres Papiers, ihres überraschenden Titels. Er entdeckte Bücher, die seine Lieblingsbücher werden sollten, darunter zum Beispiel "Jakob schläft" von Klaus Merz, bloß wegen seines schmalen Buchrückens. Er entdeckte "Ein Würfelwurf" von Mallarmé, gesetzt und grafisch neu interpretiert vom Buchgestalter Klaus Detjen. Er fand den Reprint eines alten Spielzeugkatalogs, der später leider ausgesondert wurde, ohne dass er sich den Titel notiert gehabt hätte, nachdem er eine ganze Serie von Zeichnungen nach dessen Vorlage angefertigt hatte. Er fand Filme und CDs, Graphic Novels, diese und jene Essaybücher in der Abteilung für Essaybücher. Manchmal ist Ausleihe schöner als Besitz.

    Bevor ich selbst mein erstes Buch über ein paar Vögel und Bruchpiloten schrieb, las ich die seltsame, abseitige, unterhaltsame Autobiografie eines kanadischen Bildhauers, der riesige Skulpturen baut und in seinem Leichtflugzeug mit den Gänsen fliegt. Es war mir nur zufällig in der Ornithologie neben den Büchern über die Bestimmung der Singvögel oder über die "Federn, Spuren und Zeichen der Vögel Europas" in die Hände gefallen. Gäbe es die Freihandbibliothek nicht, gäbe es diese glücklichen Zufälle nicht. Finden ohne zu suchen, vorbei am Bibliothekar, an der Bibliothekarin und an der ehemaligen Schulkollegin namens Karin, die indes den alleinigen Zugang zur sogenannten Magazinaufstellung haben. Am Ziel vorbei, am angelesenen Wissen und am Vertrauten vorbei. Man sieht etwas, das man nicht gekannt hat, blättert durch, legt es beiseite oder nimmt es mit nach Hause. Man hat freie Hand über den Präsenzbestand. Die Freihandbibliothek gewährleistet das Bestehen einer schnüffelnden Freiheit: zu wählen, zu denken, sich dabei Zeit zu lassen.

    Freier Zugang

    Die Freihandbibliotheken, die ihre Ursprünge in England und Amerika haben und seit Anfang des 20. Jahrhunderts bestehen, benötigen unsere Aufmerksamkeit und unsere Übung, so wie das freihändige Radfahren oder das Freihandzeichnen eben Aufmerksamkeit und Übung benötigen. Dafür darf alles angefasst werden in einer Freihandbibliothek, man nimmt ein Buch aus dem Regal, findet Lesezeichen und Notizen darin, einen klebrigen Fleck, manchmal auch den Namen und das Datum des Endes der Leihfrist eines anderen Lesers, einer anderen Leserin. Es geht dabei nicht um den überschätzten Geruch von Papier im Gegensatz zum Digitalen, es geht um das Abschätzen der Dimensionen, das Überblicken der Möglichkeiten, es geht um den Umfang, um die Farbe und um das Durchblättern.

    Freihandbibliotheken brauchen den freien Zugang, die Öffentlichkeit und die Universalität. Sie müssen up-to-date sein und gleichermaßen der kulturelle Speicher für das, was aus der Zeit fiele. Das Sammeln und Ordnen von Informationen gewährleisten sie und halten diese für jeden gleichermaßen verfügbar. Sie pflegen einen hohen Präsenzbestand und bieten ein großes Volumen zur Ausleihe. Sie beinhalten Belletristik, Unterhaltung, Bildung und Forschung. Sie benötigen Platz und sollen weiterhin Orte sein, an denen nicht konsumiert werden muss. Sie sollen 24 Stunden geöffnet haben! Sie sind Treffpunkt für unterschiedlichste Menschen, und sollen dabei Ruhe und Konzentration ermöglichen. Keine Bibliothek ohne Bücher! Keine schlecht beleuchteten Regale, Keller oder abgelegenen Abteilungen, wo das vermeintlich Orchideenhafte sich versteckt und wohin die Raritäten verbannt worden sind. Keine Unterschätzung der Menschen, dessen, was und wie sie lesen wollen. Keine Bibliothekare in der Technikabteilung, denen man den Namen des Flugpioniers Otto Lilienthal erst vorbuchstabieren muss, sondern Bibliothekare, die lesen, denken, abstürzen und fliegen können. Die Bibliotheken, in denen sie arbeiten und in denen wir Bücher finden, müssen geschützt werden vor Angriff, Zerstörung und Bücherverbrennung, vor ideologischer und politischer Einflussnahme, vor der Verhöhnung des Intellektuellen und vor dem faden Totreden der Kultur des Lesens.

    Blindes Texte-Raten

    Wir haben übrigens so nebenbei ein Spiel erfunden: Blindes Texte-Raten. Man benötigt dafür eine öffentliche Freihandbibliothek, einen Präsenzbestand, auch eine private Büchersammlung reicht aus. Jeder der mindestens zwei Spieler zieht im Verborgenen einige Bücher aus dem Regal und liest dann eine Seite aus einem der Bücher laut vor, ohne dabei den Umschlag zu zeigen. Das Gegenüber soll Folgendes erraten: Wann wurde das Buch geschrieben? Hat es eine Frau oder ein Mann verfasst? Vielleicht kommt man gleich auf den Namen des Autors oder der Autorin oder kann über die Analyse des Stils etwas über den Text sagen, was zu weiteren Schlüssen verhilft. Wir haben das Texte-Raten über einige Stunden gespielt, abends ein paar Mal, haben dabei viel gelesen, geredet und gelacht. Manchmal lagen wir richtig oder sehr nah an der Antwort, ein andermal waren wir uns so sicher in den Zuschreibungen und irrten uns doch gewaltig. Manchmal hält man das ganz Alte für sehr frisch und umgekehrt. Man findet dabei Bücher, die man noch nicht kannte, Bücher, die man nie gelesen hätte, zu Recht oder zu Unrecht. Und vielleicht findet man in einem der vielen Bücher, zwischen den Seiten, am Ende des Abends sogar eine getrocknete blaue Blume, ohne nach ihr gesucht zu haben. (Teresa Präauer, 17.10.2018)

    Teresa Präauer (Jg. 1979) studierte Germanistik und bildende Kunst. Im Wallstein Verlag erschienen die Romane "Für den Herrscher aus Übersee", "Johnny und Jean", "Oh Schimmi" sowie soeben der Essayband "Tier werden". Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u. a. der Erich-Fried-Preis 2017.

    Link

    Buchpräsentationen, Bücherflohmärkte, Literaturwanderungen, Lesezirkel in ganz Österreich. Das Programm im Überblick: oesterreichliest.at

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