Wie Künstler aus dem STANDARD Kunst machen

    Porträt19. Oktober 2018, 06:00
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    Philipp Schalber hat den Durchblick – ganz wortwörtlich. Der Fotograf sucht im STANDARD nach interessanten Bildzusammensetzungen, die sich ergeben können, wenn man Vorder- und Rückseite gegen das Licht betrachtet

    Eigentlich habe ich einen Fehler gemacht", sagt Philipp Schalber und lächelt verschmitzt: "Ich habe vergessen, mein STANDARD-Testabo abzubestellen und bin dann drauf hängengeblieben." Ein Missgeschick, zu dem noch ein weiteres Übel dazukam, mit dem Printzeitungsleser tagtäglich zu kämpfen haben: Das Papier ist dünn, die Sonne stark, wer einzelne Seiten gegen das Licht lesen will, wird mehr Durchblick bekommen, als ihm recht sein kann.

    Philipp Schalber hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er ging dazu über, den STANDARD detektivisch zu durchforsten – weniger nach tollen Geschichten, sondern nach erstaunlichen Bildzusammensetzungen, die einem Zeitungsblatt entspringen, wenn man es gegen das Licht hält. Wenn der Künstler fündig wird, fotografiert er das Motiv auf einem Leuchttisch. Seit drei Jahren arbeitet Schalber an dieser Fotoserie. Wichtig ist ihm ein strenges Auswahlverfahren. "Es passiert mir nur drei- bis fünfmal im Jahr, dass ein Foto perfekt wird", sagt er.

    foto: urban
    Das Unheil, dem die Mittelmeerflüchtenden gerade entkommen sind, war eigentlich als Drachen-Illustration für Verluste an der chinesischen Börse gedacht: Die Bilder verstärken sich gegenseitig.

    In der Galerie Zeitvertrieb (7. Wiener Gemeindebezirk) stellt Schalber die Fotografien jetzt erstmals aus. Jene Zeitungsblätter, die jeweils als Vorlage dienten, hängen direkt unter den Bildern. So kann jeder selbst überprüfen, wie nahe Schalbers Fotografien am Ausgangsmaterial sind. "Ich füge den Bildern bewusst nichts hinzu, sondern nehme die Motive so, wie ihr Journalisten sie mir liefert. Das Spannendste ist: Es sind Bilder, die eigentlich jeder Zeitungskäufer zu Hause hätte und selbst sehen kann. Man müsste die Seiten nur gegen das Fenster halten."

    Journalistisch haben Vorder- und Rückseite bis auf die Ressortzugehörigkeit eher selten etwas miteinander zu tun. Umso faszinierender ist, welche Bedeutungszusammenhänge der Zufall mitunter dennoch schafft. So korrespondiert etwa ein Foto, das Flüchtlinge zeigt, die nach ihrer überstandenen Mittelmeerüberfahrt ein Selfie von sich machen, mit einem bedrohlichen Ungeheuer im Hintergrund. In Schalbers Fotografie wird das Wesen zum Symbol für das Unheil, dem die Menschen gerade entkommen sind. Tatsächlich aber handelt es sich beim Motiv auf der Rückseite um einen Drachen, der einen Artikel über einen Kurssturz an der chinesischen Börse illustriert.

    Unterschiedliche Thematik

    "Ich liebe es, wenn zwei Bilder mit völlig unterschiedlicher Thematik zu einem verschmelzen und die Aussage sogar verstärken", sagt Schalber. Ein weiteres zeigt etwa einen ernst dreinblickenden Mark Zuckerberg auf der Vorderseite, zu dem sich rückseitig ein Wirrwarr aus Computerspielszenen, Handys und einem Maskierten fügt. Die Symbolik für Datenschutzprobleme, mit denen Facebook laufend zu kämpfen hat, drängt sich geradezu auf.

    Schalber ist 38 und wurde in Wien geboren. Mit oder besser für Zeitungen hat er schon früher gearbeitet, zunächst als Zeitungsbote, dann als Pressefotograf. Den Umgang mit der Kamera brachte er sich autodidaktisch bei. Abseits der STANDARD-Serie macht er aufwendige analoge Kollodium-Fotografien. In Zukunft möchte er sich gerne stärker der Porträtfotografie zuwenden.

    Seine STANDARD-Werkserie wollte Philipp Schalber eigentlich schon beenden, "aber weil mir beim Morgenkaffee am Frühstückstisch immer wieder neue Bilder auffallen, kann ich nicht aufhören", sagt er und lacht. (Stefan Weiss, 19.10.2018)

    Stefan Weiss schreibt seit 2015 für den STANDARD und ist seit August 2018 stv. Leiter des Kulturressorts.

    Die Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Zeitvertrieb findet am 19. 10. um 19 Uhr statt.

    Links:

    • Philipp Schalber arbeitet seit drei Jahren an seiner Fotoserie.
      foto: urban

      Philipp Schalber arbeitet seit drei Jahren an seiner Fotoserie.

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