Die Zeitung fürs Abendritual

    20. Oktober 2018, 12:00
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    Herta und Karl Seelos lesen immer den STANDARD – nebeneinander, abwechselnd, vor allem aber immer: gemeinsam

    Wenn es Abend wird, ziehen sich Karl und Herta Seelos ins Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in Kierling bei Klosterneuburg zurück, um ihr allabendliches Ritual zu beginnen. Es wird gelesen, nebeneinander und miteinander – und das praktisch jeden Abend. Der 87-jährige Karl schnappt sich gerne den Kulturteil, die 86-jährige Herta greift nach der Chronik. Es ist Zeit für den STANDARD.

    Wie lange man das schon so hält? Das weiß keiner der beiden mehr so genau. "DER STANDARD war ein Geschenk von einem unserer Kinder, vor Jahren", erzählt Herta Seelos – und das Paar ist hineingekippt. Rund eine Stunde verbringen die beiden lesend. Sie tragen einander einzelne Passagen vor, da wird berichtet und debattiert. Ist ein Teil ausgelesen, wird getauscht.

    Kleiner Startvorteil

    Wobei sich Karl meist einen kleinen Startvorteil gegenüber seiner Frau verschafft. Er liest nämlich schon beim Frühstück die Überschriften – hat also bereits einen Plan, was er dann abends in Ruhe lesen möchte. "Wenn ich nicht gerade male", wirft er schnell ein. Seine Bilder dominieren die Wände im Wohnzimmer der Familie. "Mein Vater war Maler, mein Großvater auch", erklärt er seine Leidenschaft.

    Seit 59 Jahren sind Herta und Karl verheiratet, davor kannten sie sich auch schon sieben Jahre. Irgendwann sei der im tirolerischen Zirl geborene Karl in ihrem Freundeskreis aufgetaucht, erinnert sich Herta Seelos, die sich selbst als "gestandene Klosterneuburgerin" bezeichnet.

    Nach ihrem Mathematikstudium arbeitete Herta kurz als Lehrerin, hörte dann aber der Familie zuliebe auf: "Wir wollten beide viele Kinder", sagt sie. Gemeinsam hat das Paar sechs Kinder – vier Mädchen und zwei Burschen. Längst gibt es auch Enkel, zwölf nämlich, und drei Urenkel. Karl Seelos war bis zu seiner Pensionierung im Heeresmuseum tätig, in der Ausstellungsgestaltung. Davor hat der gelernte Grafiker als Buchillustrator gearbeitet. "Ich weiß gar nicht mehr, welche Bücher ich illustriert habe", sagt er, "es waren so viele".

    Das "steinalte" (eine Selbstbeschreibung) Ehepaar lebt fleischlos, seit die jüngste Tochter zur Vegetarierin wurde. Ein Auto besitzen die beiden auch nicht. Es gebe ja Fahrräder, und die Busstation befinde sich gleich um die Ecke.

    Die "ZiB" zum Lesen

    Als ihr Fernseher vor ein paar Jahren kaputtging, wurde er einfach nicht mehr ersetzt. "Eine Enkelin wollte bei uns mal fernsehen. Ich habe behauptet, dass ich das Gerät aus dem Fenster geworfen habe", erzählt Karl. Auch einen Computer besitzen die Seelos nicht. Ihre Informationsquelle ist die tägliche Zeitung. "Die 'Zeit im Bild' habe ich ja quasi zum Lesen", findet Herta. Das sei ihr lieber, "weil die Bilder im Fernsehen einen viel zu lang beschäftigen".

    Beide haben ihre Lesevorlieben. So schätzt Karl den "Kopf des Tages", die Seite-1-Kommentare von Hans Rauscher und die "offene, liberale Haltung" am Blatt. Neben der Chronik interessiert Herta auch das ALBUM. Die Tagespolitik ist für beide Pflicht. "Wir lesen selektiv", sagt sie. Das bedeutet auch, dass der Sport wie auch der Wirtschaftsteil ausgelassen werden: "Man muss sich im hohen Alter nicht mehr für alles interessieren." Auch die Artikel der ehemaligen Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid haben beide "gern gelesen".

    Ob man nicht die Gelegenheit am Schopf packen mag, einen Wunsch an den STANDARD zu äußern? "Uns geht nichts ab", findet Herta Seelos, "oder doch, Karl?" Früher habe es mehr "über Kultur gegeben", meint dieser. Das wieder auszubauen "wäre nicht schlecht". Pause: "Aber das ist nur als ganz kleiner Kritikpunkt gemeint", fügt er hinzu.

    Fernsehlos, autolos, fleischlos und ohne Computer – Frau Seelos lächelt: "Wir sind vielleicht Außenseiter, aber glückliche." (Peter Mayr, 20.10.2018)

    Peter Mayr ist Redakteur im Ressort Innenpolitik und Leserinnen- und Leserbeauftragter des STANDARD. Einmal pro Woche bespricht er ein Kinderbuch im ALBUM.

    • Glück ist, wenn man gemeinsam liest: Herta Seelos (86) und ihr Ehemann Karl (87) beim Zeitunglesen. Eine andere Leidenschaft ist der Garten – aber mit streng verteilten Rollen: "Karl kümmert sich, ich genieße", sagt Frau Seelos.
      foto: regine hendrich

      Glück ist, wenn man gemeinsam liest: Herta Seelos (86) und ihr Ehemann Karl (87) beim Zeitunglesen. Eine andere Leidenschaft ist der Garten – aber mit streng verteilten Rollen: "Karl kümmert sich, ich genieße", sagt Frau Seelos.

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