Userin "Oh là là!" sorgt dafür, dass Stimmung im Forum nicht kippt

    Porträt19. Oktober 2018, 16:43
    108 Postings

    "Oh là là!" ist der Nickname einer 45-jährigen Lektorin, die vor drei Jahren eine der Stammposterinnen des STANDARD wurde

    Die 45-jährige Verlagslektorin sagt von sich selbst fast verschämt, dass sie keine Frühaufsteherin sei. Aber wenn sie gegen neun Uhr erwacht, verschwendet sie keine Zeit. Etwa eine halbe Stunde nach dem Aufstehen ist sie das erste Mal im STANDARD-Forum unterwegs. Da sagen sie und andere Stammposter einander erst einmal "Guten Morgen".

    Die Userin, die ihren Klarnamen auch in der Papierzeitung nicht lesen möchte, hat einen Nickname, unter dem sie vielen Leserinnen und Lesern des Forums schon bekannt ist: "Oh là là !" heißt sie da – samt Abstand vor dem Rufzeichen. Das klingt nicht nur zufällig Französisch, denn "Oh là là !" hat Französisch und vergleichende Literaturwissenschaften studiert und ist wohl das, was man als frankophil bezeichnet. Den Ausruf Oh là là! kann man alarmierend, aber auch anerkennend verstehen – "je nach Situation, der passt immer", sagt sie.

    Ihr Erstkontakt mit dem STANDARD-Forum hatte auch etwas mit Frankreich zu tun. Allerdings war das ein schrecklicher, tieftrauriger Anlass. Es war die Nacht der Anschläge im Pariser Bataclan im November 2015, als "Oh là là !" geschockt auf den Liveticker stieß und erstmals begann, die Postings mitzulesen. Die Frau, die auf keinerlei sozialen Medien aktiv war und zuvor nicht einmal irgendwo gechattet hatte, blieb vorerst eine Passive, eine Lesende. "Aber ich fand es angenehm, dass man sich da nach so etwas austauschen kann", sagt sie drei Jahre später.

    "Wir haben den Champagner"

    "Aber zwei Tage später ist dann das Cover von "Charlie Hebdo" erschienen", erinnert sie sich. Ein von Einschüssen durchlöcherter Mann, der Champagner trinkt, war darauf dargestellt. Dazu die Sätze: "Ils ont les armes. On les emmerde. On a le champagne." (Sie haben die Waffen. Wir scheißen auf sie. Wir haben den Champagner.)

    Dieser Comic auf dem Cover hatte natürlich seine Geschichte, hatte doch die Redaktion von "Charlie Hebdo" nur einige Monate zuvor Todesopfer durch einen brutalen Terroranschlag zu verkraften gehabt. Die Zeichnerin des Comics war eine Überlebende. "Ihr Schicksal ist mir sehr nahegegangen, sie war die, die die Terroristen reingelassen hat, und musste dann mit dieser Schuld leben", erinnert sich "Oh là là !" "Aber da waren so viele User, die einen Blödsinn gepostet haben, ohne die Hintergründe zu kennen, sodass ich das Bedürfnis hatte, hier aufzuklären", erzählt sie weiter. Und so entstand ihr erstes Posting als "Oh là là !""Ich hab den Leitartikel von Charlie Hebdo übersetzt und ins Forum gestellt."

    Die Reaktionen darauf seien durchwegs positiv gewesen und so wurde die Frau in der Folge zu einer begeisterten Stammposterin in der STANDARD-Community.

    "Werde auch Mama genannt"

    Positive Reaktionen rufen die Beiträge von "Oh là là !" auch sonst sehr oft hervor. Die Frau ist manchmal ein Garant dafür, dass eine Diskussion nicht aus dem Ruder läuft, sich die Poster gegenseitig nicht zu hart angehen. "Ich werde durchaus auch Mama genannt", schmunzelt die Lektorin, die keine Angst vor einem guten Streitgespräch hat, aber eben gern differenziert: "Das eine ist Streitkultur, das andere ist, wenn man Leute beschimpft – und das finde ich einfach furchtbar."

    Nach ihrem Erweckungserlebnis als Posterin ging es im Dezember 2015 gleich munter weiter, denn da fand die EM-Auslosung in Paris statt. "Oh là là !" war in dem Verlag, in dem sie arbeitet, gerade mit Recherchen zu einem Buch über die Fußball-EM beschäftigt, also thematisch durchaus fundiert und in Schuss, und so las sie mehr und mehr mit. Ab Jänner 2016 wurde sie immer aktiver. Die Foren im Sport schätzt sie besonders. Vor allem das von Usern geführte "#Tennis-Forum+", in dem Poster selbst live Spiele tickern. "Irgendwo auf der Welt ist ja fast immer ein Spiel, und da stehen Leute dann auch extra mitten in der Nacht auf und tickern Spiele – die machen das in ihrer Freizeit und ohne Bezahlung", betont "Oh là là !" Trolle seien hier fast keine unterwegs. Nur einmal habe es ein Problem mit einem gegeben, den man mehrmals sperren lassen musste, weil er irreführende, beleidigende Nicknames verwendete.

    Von "Oh là là !" kann man allerlei über die Foren im STANDARD lernen. Da gibt es nämlich auch solche Dinge wie ein "Off-Topic-Forum" oder etwas Spezielles wie den "Ticker of Love" (kurz ToL), in dem rund 40 Menschen einander sehr regelmäßig freundlich begegnen. "Es ist wie im Kaffeehaus, man trifft sich, man tauscht sich aus, mittlerweile kenne ich da schon fast alle", erzählt die "Mutter" der User und Userinnen, "wir treffen uns aber auch regelmäßig im echten Leben." In der Gruppe, aber auch in Einzeltreffen, um ins Konzert oder ins Theater zu gehen, das habe es da schon öfter gegeben.

    "Das Forum kann belastend werden"

    Immer geht es aber nicht so freundlich zu wie etwa im Ticker der Liebe, in dem Hass verpönt ist. "Mir kommt schon vor, dass es allgemein viel schlimmer geworden ist seit den Anschlägen im Bataclan damals", sagt die Userin der Herzen nachdenklich. "Wenn auf der Welt irgendetwas passiert, heißt es sofort von manchen Leuten, dass es ein Muslim war, ohne dass man Konkretes weiß. Es wird dann gleich wüst drauflosspekuliert. Manchmal wäre es mir sogar lieber, der Liveticker käme etwas später, wenn man mehr weiß." An solchen Tagen kann es auch sein, dass sie einmal "probiere, nicht reinzuschauen". Es sei aber auch zu beobachten, dass die schlimmsten Postings dann nicht unbedingt von Usern kommen, die man oft lese, also nicht von der Stammklientel, sondern von Leuten, die extra zum Thema posten.

    Lustiger geht es da in Foren zum Eurovision Song Contest oder dem Opernball zu: "Die zwei sind für mich die lustigsten. Und natürlich das Tennis-Forum!" Letzteres empfiehlt "Oh là là !" übrigens für jedermann, man müsse sich da gar nicht für Tennis interessieren oder dabei auskennen.

    Was man nicht leugnen könne, sei, dass die Männer unter den Usern, Postern und Tickern immer noch stark in der Überzahl sind, stellt sie nicht ohne hörbares Bedauern fest. "Aber es wird besser, die Frauen werden immer mehr." Für weibliche Wesen, die tickern, gebe es einen schönen gegenderten Begriff, scherzt "Oh là là !": "Zu den Frauen sagt man Tickertanten. Die Männer sind die Tickeranten."(Colette M. Schmidt, 19.10.2018)

    Colette M. Schmidt ist seit 1994 beim STANDARD und war bis 2017 in der Grazer Redaktion. Seit 2017 lebt sie in Wien und ist Redakteurin für Chronik und Panorama. Sie schreibt über Rechtsextremismus, Politik und Kunst und regelmäßig auch TV-Tagebücher und Einträge für ihren Blog "Unter Wienern".

    • Oh Là Là ! wird in der Community gern auch mal "Mama" genannt. Sie bleibt trotzdem lieber anonym.
      foto: matthias cremer

      Oh Là Là ! wird in der Community gern auch mal "Mama" genannt. Sie bleibt trotzdem lieber anonym.

    Share if you care.