Wie es ist, wenn man im STANDARD aufwächst

    19. Oktober 2018, 06:00
    6 Postings

    Wie ist das, als 31-Jährige auf 29 Jahre im und mit dem STANDARD zurückzublicken? Und wie war das nun wirklich mit dem Geld, das Herr Bronner im Bankomat deponiert hat? Eine Mutter-Tochter-Erinnerung

    Oona: Die ersten verschwommenen Erinnerungen an den STANDARD beginnen ein Jahr und drei Monate nachdem die rosa Zeitung gegründet wurde. Im zweiten Redaktionsgebäude in der Herrengasse 1 mit Eingang neben dem ehemaligen Café Griensteidl. Die Redaktion war ein kleines, verschworenes Team. Ich, zwei Jahre alt, kannte jeden beim Namen und verbrachte die Zeit am liebsten bei den Sport-Buben. Dort gab es überzuckerten Kakao und Papier zum Kritzeln. Das Büro der Mama lag im dritten Stock. Das Zimmer befand sich am Ende eines mit Stoff tapezierten ewig langen Ganges, es war klein der Ausblick imperial: über den Michaelerplatz zur Hofburg. Wenn es die Rauchschwaden erlaubten, hatte man auch die Innen- und Außenpolitik im Blick.

    Jutta: Im Jänner 1990 begann ich im STANDARD. Erst als Chronikassistentin, später in der Innenpolitik. Die Redaktion war eben erst von Maria am Gestade in die Herrengasse gesiedelt, alle Studenten hatten die rosa Zeitung unterm Arm. Der STANDARD war cool und neu. Es raschelte im Blätterwald – wie es die Werbung versprach. Wenn man ihn gelesen hat, war man dabei. Ich wollte dabei sein. Vollzeit. Großes Problem: kleines Kind. Der Kindergarten nahm die G'schrappen erst mit vier Jahren auf, und das Wort "Nachmittagsbetreuung" war zu Rudolf Steiners Zeiten noch nicht erfunden, dabei blieb es auch in den 1990er-Jahren. Abhilfe schaffte ein Netzwerk aus Großeltern, Freunden, Kindermädchen. Wenn es riss, kam das Kind in die Redaktion. Nicht ungern. Besonders seit ihr der Begriff "Arbeit" altersgemäß erklärt wurde: "Spielzeug kostet Geld. Wohnen, Essen, Geschenke müssen bezahlt werden. Darum gehe ich jeden Tag, manchmal auch am Sonntag, ins Büro und helfe Herrn Bronner, seine Zeitung zu machen. Als Dank legt er Geld in den Bankomaten." Das war nachvollziehbar. "Ein Pony, einen Hasen, einen Hund und eine Schwester." Diese Wünsche damit abzuschmettern, dass dafür das Geld nicht reiche, funktionierte nicht. Die Antwort der Mini: "Dann soll der Herr Bronner mehr Geld in den Bankomaten legen." Auch nachvollziehbar.

    Oona: Jutta saß im Büro links, gegenüber residierte Gertraud Schneider, Außenpolitikassistentin. Anfangs als Gast geduldet, wurden mir nach und nach immer mehr Aufgaben gegeben. Gertraud schickte mich kopieren oder platzierte mich vor dem Faxgerät, das die Texte der Korrespondenten ausspuckte. Dann mussten sie in Windeseile zu den Assistentinnen gebracht werden, die ihn abtippten und so irgendwie in die Zeitung brachten. Es ging um Sekunden, sagte man zumindest mir. Die fremden Medien mussten geordnet werden. Mangels Lesekenntnis nach Logos, Farben und Wetterbericht. Auch Bestellungen für Automatenkaffee nahm ich entgegen.

    Jutta: Das Kind traf meist zum stressigsten Zeitpunkt ein, kurz vor 17 Uhr. Im Produktionsendspurt, wenn die letzten Seiten fertiggestellt wurden und die Layouter auf Nadeln saßen. Trotzdem hatten die Kollegen immer Zeit für nette Worte oder steckten ihr Süßigkeiten zu. Das gefiel dem Zwerg so gut, dass sie die Redakteure bald Freunde nannte und ihr Stammbuch im Büro durchreichte. Darin gestaltete nicht nur der Sport eine Doppelseite, auch der viel zu früh verstorbene Karikaturist Jean Veenenbos malte ein Krokodil. Zeichner Peter Kufner spendierte die Geburtstagseinladung – zehn Zehen fragten: "Alle zehn da?" Mitschüler wurden von nun an Kollegen genannt.

    Oona: Zur Beruhigung wurde Karl Danninger, ehemals Innenpolitikressortleiter, ein Aquarium geschenkt. Die Fische schwammen bald oben. Lange blieb Buzzo. Der Cockerspaniel war eine richtige Dame. Sie schurlte durch die Gänge, als gehörten sie ihr – schließlich war Buzzo nicht nur Redaktionsliebling, sondern auch angesehene Kolumnistin. Manche behaupten bis heute, eine der besten in der Geschichte des STANDARD. Beißkorb und Leine brauchte die gemütliche Black Beauty nicht, sie war wohlerzogen. Anders Barabas. Beides brauchte Barabas. Manch ein Redakteur näherte sich ihm nur, indem er einen Bürosessel zur Verteidigung vor sich herschob. Die Karriere verbaute sich der Mischling selbst, als er den Herausgeber gegen die Wand stellte, seine Pfoten auf dessen Schultern parkte und knurrte.

    Seither hat sich im STANDARD einiges geändert. Viele haben einen neuen Job oder sind in Pension. Die Frau Mama etwa. Korrespondenten schicken Texte längst per Mail oder schreiben ins Redaktionssystem. Das Büro ist rauchfrei, es gibt keinen Automatenkakao, dafür Hundeverbot. Eines ist nach 30 Jahren gleich: die Freude über Kinderbesuch. (MUTTER: Jutta Kroisleitner, TOCHTER: Oona Kroisleitner, 20.10.2018)

    Oona Kroisleitner begann 2011 im UNISTANDARD zu schreiben, seit 2015 legt ihr Herr Bronner für ihre Arbeit im Chronikressort Geld in den Bankomaten.

    Jutta Kroisleitner war von 1990 bis 2017 Redaktionsassistentin.

    • Anfangs wurden die Texte der Korrespondenten von Jutta  Kroisleitner abgetippt.
      foto: privat

      Anfangs wurden die Texte der Korrespondenten von Jutta Kroisleitner abgetippt.

    • Oona Kroisleitner kam damals immer nachmittags ins Büro.
      foto: privat

      Oona Kroisleitner kam damals immer nachmittags ins Büro.

    • Jean Veenenbos zeichnete ab den 1980er-Jahren für den STANDARD – und 1997 ins Stammbuch.
      foto: privat

      Jean Veenenbos zeichnete ab den 1980er-Jahren für den STANDARD – und 1997 ins Stammbuch.

    Share if you care.