Steinzeitliche Technik war damals innovativ

    19. Oktober 2018, 06:00
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    Metamorphosen technischer Unwägbarkeiten prägen von jeher die Zeitungsproduktion

    Was heute steinzeitlich anmutet, war damals innovativ. Heute, in einer Ära der Reizüberflutung durch akustischen und optischen Sondermüll – von Qualitätskriterien ganz zu schweigen -, in der jede zweite Kaulquappe ungefragt und ungebeten via Twitter, Facebook oder was weiß der Himmel (oder die Hölle) etwas unhinterfragt, unredigiert "publiziert" bzw. sein Innerstes und Äußeres freiwillig der weiten Welt offenbart, ist es schier unvorstellbar, über welche technischen Möglichkeiten respektive Unmöglichkeiten vor 30 Jahren die Zeitungsproduktion verfügte.

    Es war das Zeitalter analoger Fotografie, analoger Telefonie, analogen Fernsehens und analoger Gestaltung. Nachrichten kamen per Telex, Telefax steckte noch in den Kinderschuhen. Schriftarten wurden geschnitzt, Fotos von der Filmrolle in der Dunkelkammer entwickelt etc. Das kreative Chaos des täglichen Produktionsprozesses geriet im Stile virtuoser Improvisation zum Wettlauf gegen die Zeit. Inklusive Le-Mans-Start der Kugelblitzkurierstafetten vom Gestade, von der Gonzagagasse, später vom Michaelerplatz in die Druckerei, wo Fotos gerastert, Texte und Inserate montiert und per Klebeumbruch auf Film belichtet und Druckplatten gebannt wurden.

    Schreibmaschine

    Gemach, gemach, der Gutenberg'sche Bleisatz war auch anno 1988 schon Geschichte. Aber: Artikel wurden auf Schreibmaschine getippt, dann in ein System namens Atex übertragen. Man sah bis zum Schluss nicht, wie das final aussah. Setzer und Metteure montierten einzelne Textblöcke auf Leuchttischen auf die Seite.

    "Wysiwyg" – "what you see is what you get" – kam erst mit ersten Apple-Geräten, deren Bildschirme wie alle anderen einen halben Meter Tiefe aufwiesen! Von der (schneckenartigen) Geschwindigkeit ganz zu schweigen. Unglaublich die virtuellen, Glaubenskriegen gleichenden Gefechte der Administratoren über die Systemwelten. Unfassbar, im Vergleich zum heutigen Wisch & Weg, die Anwender-Unfreundlichkeit.

    Apropos: Ohne allzu viel Einblick in die Eingeweide des Medienkonzerns zu geben, sei hier eine der "schönsten" Antworten eines mittlerweile pensionierten IT-Experten beim Melden eines Problems memoriert: "Mia ham jo eh zuag'schaut, wie's net geht."

    Dass alle Seiten tagtäglich exakt bis zum Zeilenrand, bis zum Satzspiegel und nicht darüber hinaus gefüllt sind, zudem auch noch (halbwegs) pünktlich via Glasfaserkabel bzw. Standleitung in die Druckerei fliegen, ist ein Mysterium, ein kleines Wunder.

    Bleisatz vs. Glasfaserkabel

    Bei "Vorwärts" in der Schlachthausgasse erblickten die ersten Exemplare des STANDARD das Licht der Welt. "Do gengan dem Pudel de Hoa aus!" Ein Jahr später raste die Rotation in Tulln, bei Goldmann. Transport und Logistik waren noch mehr gefordert. "Wird scho' wern" – bis zuletzt.

    Seit 2008 wird bei der Mediaprint gedruckt. Genauer gesagt die auf rosa Papier gedruckten Teile. All-Time-Klassiker wie RONDO, CURE, OPEN HAUS, RONDO mobil oder PORTFOLIO entstanden fast über das gesamte Bundesgebiet verstreut: bei Leykam, bei Goldmann, im NÖ Pressehaus, im tschechischen Breclav etc., etc.

    Zeitung ist aber weit mehr als nur die schreibende Zunft. Es bedarf kreativer Köpfe, die Texte inszenieren, faconieren, in Form bringen, Korrektur lesen, kontrollieren, in die Druckerei schicken, Platten belichten, drucken, Menschen, die fertige Exemplare im Expedit stapeln, verladen, Logistiker und Distributoren, die Abläufe optimieren, allnächtlich tagtäglich adaptieren, Fahrer und Hauszusteller, die das pt. Publikum in aller Früh mit frischen News versorgen. Nicht zu vergessen die guten Geister von Vertrieb, Verwaltung, Anzeigenabteilung, die dafür sorgen, dass die Zeitung auch (aus)finanziert ist. Somit unabhängig ist – von Einflussnahmen jedweder Art und Provenienz.

    Unabhängigkeit und Qualität

    Nur wenn alle Zahnräder mit Respekt vor der Arbeit des anderen zusammenarbeiten, kann man dem demokratischen Auftrag der Suche nach der Wahrheit nachkommen. Gleichgültig in welcher Form. Ob Klassik, Kompakt, E-Paper, Internet-Homepage, egal ob digital am Handy, Tablet oder PC. Nur gemeinsam sind Unabhängigkeit und Qualität gewährleistet.

    Anlässlich der 100. Ausgabe des STANDARD apostrophierte Oscar Bronner in einem Interview das Produzieren der Tageszeitung als "tägliches Happening". Nun ja, den Performance-Charakter von einst mit dem klar prononcierten demokratischen Auftrag, mit der Goldgräberstimmung haben normierte Abläufe, x Workflow-Diskussionen, Fusionen, Innovationen und Neupositionierungen ersetzt. Das 68er, pardon, das 88er-Image des kreativen Chaos, des Happenings, der Nimbus der jungen Wilden ist mittlerweile hoher Diplomatie, minutiöser Planung mit Weitblick gewichen. Aufrechten Ganges, erhobenen Hauptes. Geblieben ist die Leidenschaft. (Gregor Auenhammer, 19.10.2018)

    Gregor Auenhammer, seit 1988 Gralshüter sinnvoller Blattstruktur, seit 2007 Autor mit Schwerpunkten Zeitgeschichte, Kunst & Fotografie.

    • Geburtsstunde, 18. Oktober 1988. Herausgeber Oscar Bronner und Grafiker Peter Frey beim Feinjustieren: Klebeumbruch am Leuchttisch.
      foto: walter wobrazek

      Geburtsstunde, 18. Oktober 1988. Herausgeber Oscar Bronner und Grafiker Peter Frey beim Feinjustieren: Klebeumbruch am Leuchttisch.

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