Wir Journalisten sind Texthauer

    19. Oktober 2018, 06:00
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    Mit dem Medienmachen ist es wie in der Kunst: Man muss bereit sein, die Probleme der Welt aufzuspüren und abzuarbeiten, offen und fair sein, Haltung zeigen, Mut zum Experiment beweisen, Zweifel zulassen, Selbstkritik üben – darum bemühen wir uns jeden Tag

    Zur 30-Jahr-Feier schenkte mir Oscar Bronner vergangene Woche ein Buch. Eine schöne Geste. Genaugenommen ist es ein Katalog zu seiner Bilderausstellung in Wien vor fünf Jahren. Zu der Zeit hatte er sich als Chefredakteur zurückgezogen, war (wieder) zum Berufsmaler und Bildhauer geworden.

    Er malte damals großformatige, expressive Bilder. Die Farben trug er nicht mit dem Pinsel, sondern mit den Fingern auf, die Leinwand flach vor ihm auf einem Tisch. Ingried Brugger schrieb von seiner "Konsequenz, (...) sich an Problemen abzuarbeiten, sie aufzuspüren, zu verfolgen und zu einer Lösung zu führen".

    Das Thema sei "Lebendigkeit" – und wie man "die Komplexität der Welt in Malerei fassen kann".

    Darum geht es bei uns seit 30 Jahren auch beim Zeitung- und Medienmachen, früher nur gedruckt, heute immer mehr in digitalisierter Form. Es handelt sich um ernste und ernsthafte Dinge. Medien sind auch ein Geschäft. Aber im Vordergrund steht ein kreativer Akt, die intensive Befassung mit der Welt, mit der Gesellschaft, mit dem Menschen im Mittelpunkt, der Versuch, all das darzustellen und zu deuten – fast wie beim Malen.

    Dazu muss man im Herzen und im Geist "offen sein", bereit für das Unerwartete, das Unberechenbare. Spaß, Freude, Witz gehören dazu, Wildheit, die Lust nach dem Neuen, das ständige Angehen gegen das Eingefahrene, gegen die Macht. Man muss zupacken, mit den Fingern hineingreifen in Geschichten und Geschichte, sitzt man doch immer wieder vor dem weißen Blatt, dem leeren Bildschirm. Wir Journalisten sprechen vom "in die Tasten hauen". Wir sind Texthauer – wie Bildhauer.

    Es gibt ein Foto in diesem Buch, da beugt sich Bronner arbeitend über ein Bild, genauso wie er sich 1988 im Layout mit seinem ersten Blattmacher Gerfried Sperl über die Druckvorlagen der aktuellen Zeitungsseiten beugte, um das Material, um Form und Inhalt des Gedruckten zu prüfen, bevor es an die Leser ging.

    Experimentieren als Prinzip

    In einem Beitrag in diesem Katalog "über das Entstehen von Bildern und Zeitungen" reflektierte er darüber, wie er zeit seines Lebens schwankte, was er eigentlich sei: Verleger, Herausgeber, Journalist, der er nach dem verflogenen Traum vom Schriftstellersein geworden war? Oder doch Maler, als der er sich immer fühlte, eine Herzensangelegenheit.

    Nicht zufällig war Bronner nach der Gründung von "Trend" und "Profil" respektive deren Verkauf 1975 als Maler nach New York gegangen, um elf Jahre später zur Geburt des STANDARD wieder nach Österreich zurückzukehren. Er habe sogar mit dem Gedanken gespielt, den STANDARD zum Kunstwerk zu erklären, schrieb er weiter.

    Das ist ein spannender Gedanke, der die Entstehung des lachsrosa Blatts als liberale Qualitätszeitung mit internationaler (und vor allem europäischer) Ausrichtung im damals etwas verstaubten Österreich vielleicht besser trifft als viele Beschreibungen der äußeren politischen und wirtschaftlichen Umstände, von denen es viele gibt: Experimente waren nicht nur erlaubt, sondern Pflicht.

    In den 1980er-Jahren waren die Zustände nicht rosig, schon gar nicht liberal und aufklärerisch. Es gab Parteizeitungen, marktbeherrschende Regionalzeitungen, die Krone sowie die Presse, die der Wirtschaftskammer gehörte. Profil war die große Ausnahme, der Falter eine von vielen als lästig empfundene kleine Stadtzeitung.

    Detto die Parteienlandschaft: SPÖ und ÖVP kamen bis zum Einzug der Grünen ins Parlament 1986 und Jörg Haiders Aufstieg mit der FPÖ auf mehr als 90 Prozent der Wählerstimmen. Eine liberale Partei? Fehlanzeige. Österreich hatte ein doppeltes Problem, was für junge aufmüpfige Leute wie die späteren STANDARD-Redakteure kaum auszuhalten war: Das Land war nicht in der Lage, mit kritischem Blick in die NS-Vergangenheit zu schauen. So kam es, dass Kurt Waldheim 1986 zu seiner Wehrmachtsvergangenheit die Unwahrheit und "Ich habe nur meine Pflicht erfüllt" sagen konnte – und trotzdem zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Auch die rot-blaue Regierung unter Fred Sinowatz hatte zuvor einen Skandal produziert: Der SS-Sturmbannführer und "Schlächter von Marzabotto", Walter Reder, wurde nach der Heimkehr vom Verteidigungsminister per Handschlag am Grazer Flughafen begrüßt.

    Auch mit der Zukunft tat sich das neutrale Österreich, dessen verstaatlichte Industrie vor der Pleite stand, schwer: Die EU-Mitgliedschaft war weit weg. Aber im tieferen Untergrund, vor allem bei der jungen Generation an den Universitäten, da brodelte es.

    Kaum war die Zeitung auf dem Markt, griffen vor allem Studierende zu der neuen Lektüre, fanden zehntausende Gefallen am Prinzip der Trennung zwischen Bericht, Analyse und Kommentar. Wir lernten, dem Leser Informationen an die Hand zu geben, damit er sich in der Welt besser orientieren kann. Und nicht, dass wir ihm Orientierung vorgeben.

    Wunderjahr 1989

    Kein Zufall, dass ein in New York lebender Maler schärfer als andere erkannte, dass die Zeit reif sei für dieses Aufklärungsprojekt. Aus der Ferne sieht man klarer.

    Eigentlich hatte ich mich mit dem Herausgeber getroffen, um nochmal über markante Episoden, Gschichtln, aus der Gründungszeit zu reden. Er meinte nur: "Ich schaue nicht zurück, ich schaue nach vorn." So ging es uns allen, als im "Wunderjahr 1989" eine Revolution über Europa hereinbrach und den Eisernen Vorhang sprengte, als (Ost-)Europa zum zweiten Mal nach 1945 von einer Diktatur befreit wurde. Es war wie ein Traum. Und heute? Heute ist das gemeinsame Europa bedroht wie seit Jahrzehnten nicht. Uns stehen weitere 30 harte Arbeitsjahre bevor. (Spurensuche: Thomas Mayer, 19.10.2018)

    foto: matthias cremer
    Thomas Mayer begann im September 1988 als Redakteur in der Innenpolitik und ging 1994 nach Brüssel. 2002 Chef vom Dienst in Wien, seit 2010 leitender Europa-Redakteur.
    • September 1988.  In der Innenpolitik schreiben Thomas Mayer (rechts) und Paul Vécsei die ersten Artikel für den STANDARD.
      foto: walter wobrazek

      September 1988. In der Innenpolitik schreiben Thomas Mayer (rechts) und Paul Vécsei die ersten Artikel für den STANDARD.

    • EU-Wahlkampf 2014: Auf einem Flug von Lissabon nach Athen erklärt Jean-Claude Juncker seine Ziele als EU-Kommissionspräsident.
      foto: privat

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