Zukunftsszenario: "Venedig werden wir verlieren, das ist nicht umstritten"

17. Oktober 2018, 14:43
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Deutsche Studie warnt vor der Gefahr, der Welterbestätten durch den Klimawandel ausgesetzt sind

foto: apa/afp/filippo monteforte
Venedig: Schönheit mit (immerhin noch nicht festgesetztem) Ablaufdatum.

Rom/Kiel – Der Mittelmeerraum ist seit Jahrtausenden eine der Schlüsselregionen der menschlichen Zivilisation – entsprechend viele Welterbestätten aus verschiedenen Phasen der Geschichte sind dort zu finden. Und von diesen sind Dutzende durch den Klimawandel in Gefahr, warnt eine neue Studie: Sie müssen gegen den steigenden Meeresspiegel und Erosion geschützt werden, berichten Forscher um Lena Reimann von der Universität Kiel im Fachmagazin "Nature Communications".

Die Ausgangslage

Bereits jetzt seien von den 49 untersuchten Welterbestätten in niedriggelegenen Küstengebieten des Mittelmeers 37 von einer sogenannten Jahrhundertsturmflut potenziell bedroht – ihr Risiko beträgt in jedem einzelnen Jahr ein Prozent. 42 seien durch mögliche Küstenerosion gefährdet. Bis zum Jahr 2100 könnte das Flutrisiko in der gesamten Region um bis zu 50 Prozent steigen und das Erosionsrisiko um bis zu 13 Prozent – wobei einzelne Denkmäler weit stärker betroffen sein könnten.

Die Gefahr von Überflutungen sei besonders hoch im nördlichen Adriaraum: Die Lagune von Venedig, die Renaissancestadt Ferrara im Po-Delta und die Basilika von Aquileia. In Kroatien zähle die historische Stadt Trogir und die Kathedrale des Heiligen Jakob in Sibenik dazu, erklärte Reimann. Das bedeute aber nicht, dass gesamte Stätten untergehen werden – es könne auch "nur" einen Teil der Bauwerke betreffen.

Erosion ist der Studie zufolge besonders gefährlich für die archäologischen Stätten Tyros im Libanon, Pythagorio und Heraion auf der griechischen Insel Samos und Ephesos in der Türkei sowie in Tarragona in Spanien. Nur zwei untersuchte UNESCO-Stätten, Medina in Tunesien und Xanthos-Letoon in der Türkei, seien von keinem der beiden Risiken bis Ende des 21. Jahrhunderts betroffen, schreiben die Forscher.

Klimamodelle und Lösungswege

Für die Studie nutzten die Wissenschafter vier unterschiedliche Klimaszenarien zum Abschätzen, wie stark der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 ansteigen könnte. Durch die Erderwärmung schmelzen Eis und Gletscher, so erhöht sich der Meeresspiegel. Je mehr dieser steigt, desto höher ist das Risiko. Schutzmaßnahmen, die an einigen Stätten schon ergriffen wurden, seien in der Studie nicht einberechnet worden, sagte Reimann.

Die Forscher zeigen verschiedene Möglichkeiten auf, das Problem anzugehen. Es müsste ein allgemeines Bewusstsein für die Gefahr geschaffen werden. Den Menschen müsste klar gemacht werden, was ein Verlust der Stätten bedeuten würde. Zum anderen könnte besserer Küstenschutz helfen, was aber sehr teuer sei. Ein Beispiel ist Venedig: Dort entstehen Barrieren in der Lagune, die bei Hochwasser ausgefahren werden können.

"Venedig werden wir verlieren"

Doch ob das auf Dauer hilft? "Venedig werden wir verlieren, das ist nicht umstritten", sagte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der zum selben Thema forscht. Die Frage sei nur wann. "Es kann Jahrhunderte dauern." Die Entwicklung sei langsam aber "unaufhaltsam". Es gebe zwar Anpassungsmöglichkeiten. Diese müssten jedoch sehr groß angelegt sein. "Das Mittelmeer kann man aber nicht dicht machen."

Könnte man im Notfall gar das ganze Kulturdenkmal versetzen? In manchen Fällen wie bei der Kathedrale von Sibenik in Kroatien sei das sogar möglich, heißt es in der Studie. Es sei aber keine echte Option, da die Bauten stark mit der ihrer Lage verbunden seien und viele genau deshalb so reizvoll und wichtig seien. Zudem wäre es bei sehr großen archäologischen Anlagen auch gar nicht möglich. (APA, red, 17. 10. 2018)

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