Wie "Medienrebell" Peter Weibel lernte, Automaten zu lieben

    Porträt19. Oktober 2018, 06:00
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    Odessa, Ried im Innkreis, Paris, Wien, New York, Köln, Karlsruhe – und ab dem nächsten Jahr wieder in Wien. Das sind einige der Stationen im turbulenten Leben des Medienkünstlers und -theoretikers Peter Weibel. Sein Werk ist ebenso vielfältig wie sein Werdegang. Dem STANDARD hat er jetzt zwei Geburtstagsgeschenke gemacht

    Seit Jahrzehnten bewegt sich der selbsterklärte Medienrebell Peter Weibel im kreativen Raum zwischen Medien und Kunst, im kommenden Jahr kehrt er nach Wien zurück. Da passt es, dass er mit zwei typischen Weibel-Aktionen zur 30-Jahr-Feier des STANDARD beigetragen hat. Für diese Jubiläumsausgabe entwickelte er einen Marker, über den man via Mobiltelefon auf Beispiele digitaler Wortkunst zugreifen kann. Und der STANDARD-Jubiläumsfeier am Donnerstagabend stellte er zwei seiner interaktiven Installationen zur Verfügung.

    All das fügt sich gut in die Lebensgeschichte des 74-jährigen Medien(kunst)pioniers, Kurators und Theoretikers, der seit fast 20 Jahren das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe leitet, nach jüngstem Ranking die weltweit viertwichtigste Kunstinstitution. Ich treffe ihn in den neuen Räumlichkeiten des 2017 gegründeten "Peter Weibel – Forschungsinstituts für digitale Kulturen" in Erdberg. Dort ist alles frisch renoviert. Nur die Beleuchtungsautomatik funktioniert noch nicht ganz. Im Foyer mit seinem riesigen weißen Besprechungstisch aber leuchten die Lampen.

    Nur sechs verkaufte Bände

    Weibel will "das Buch über Automatentheorie" aus seinem Zimmer holen. Aber halt, ich habe eine Ausgabe des 1974 von Peter Weibel mit Franz Kaltenbeck edierten Bandes aus seiner eigenen Bibliothek mitgebracht: "Studien zur Theorie der Automaten" von Informationstheorie-Begründer Claude Elwood Shannon und John McCarthy, der den Begriff Artificial Intelligence prägte. "Wahnsinn", staunt Weibel, "das Original – eine Rarität!" Damals hatte er den Verlag überredet, den Band in einer Auflage von 1000 Exemplaren herauszubringen. Eine Enttäuschung, nur sechs davon wurden verkauft. "Es war zu früh für ein Buch über Computer mit Formeln drin."

    Der Verleger forderte Kompensation: "Jetzt müssen Sie mir einen Bestseller schreiben." Weibel sah sich außerstande, hatte aber eine andere Idee. Die Rechte für "Kokain", einen Skandalroman von Pitigrilli alias Dino Segre aus den 1920er-Jahren, seien abgelaufen gewesen. "Und damals, 1974 in München mit Rainer Werner Fassbinder, waren alle high auf Kokain." Das Buch kam mit einer Vorrede und einem Nachwort von Weibel heraus. Fassbinder kaufte die Rechte und wollte das Buch verfilmen. "Aber er ist leider am Kokain gestorben, bevor er den Film fertigmachen konnte." Schließlich produzierte Frank Castorf eine Bühneninterpretation von "Kokain". Weibel lacht über den Coup: "Durch die Film- und Theaterrechte habe ich den Verleger langfristig wieder saniert".

    Wenn sein Vertrag mit dem ZKM 2019 ausläuft, will er nach Wien zurückkehren und einen zwölfstöckigen Containerturm inmitten seiner Bibliothek bewohnen. Zusammen mit dem Forschungsinstitut ist das sein Altersexperiment in einem turbulenten Leben. Weibels Familiengeschichte ist eine der generationenübergreifenden Migration von Deutschland nach Zentralasien, vom dortigen Alma-Ata nach Bessarabien (heute Republik Moldau) wo die Mutter geboren ist. Sie übersiedelte während des Zweiten Weltkriegs nach Odessa, wo Peter 1944 zur Welt kam.

    Ohne Pass in Oberösterreich

    Das Kriegsende war keine gute Zeit für Russlanddeutsche. Als die Großmutter erschossen wurde, floh die Mutter mit dem Kind über Polen nach Oberösterreich – als Displaced Person ohne Pass oder Papiere. "Meine Mutter fürchtete, dass sie nach Russland zurückmusste", erzählt Weibel. "Da hat sie zwei Leute gefunden, die sagten, dass sie meine Taufpaten in Polen gewesen wären. Ein polnisches Kind durfte man nicht nach Russland schicken, auch nicht die Mutter. Und weil uns der evangelische Pfarrer einen Taufschein gab, konnten wir bleiben."

    In Ried im Innkreis arbeitete die Mutter als Stiegenputzerin und wurde dann Kellnerin. "Ich bin in einem Lager aufgewachsen und war bis zum 16. Lebensjahr in wechselnden Internaten", sagt Weibel. Lesen hatte er sich schon vor der Schule selbst beigebracht. Im American Information Center am Rieder Hauptplatz schaute er Propagandafilme, entdeckte Mickey Mouse, verschlang Bücher, entwickelte einen "wahnsinnigen Wissensdrang". Mit dem Geld, das er bei einem Kreuzworträtselwettbewerb gewann, leistete er sich im Alter von 14 ein Abo der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Und er hatte den Traum, nach Paris zu gehen: "Als ich 18 war, bin ich in den Zug gestiegen und dorthin gefahren. Ohne Geld, mit gar nichts."

    Wie er an die Kunst geraten ist? "Angefangen habe ich mit 14 als Dichter. Dann wurde ich bis zur Matura moderner Dichter und in Frankreich ein noch modernerer Dichter." In Paris angekommen, rief er die Witwe von Paul Valéry – "damals und bis heute mein Lieblingsdichter" – an, so oft, bis sie ihn empfing. "Ich habe alle Berühmtheiten abgeklappert", bis hin zu Lotte H. Eisner, der legendären Filmautorin und Chefkonservatorin der Cinémathèque française. Sie schenkte ihm 1963 eine Dauerfreikarte für das Filmmuseum: "Dort habe ich meine erste Medienausbildung genossen."

    So modern wie die Wiener

    Ein Jahr lang studierte er französische Literatur, dann reiste der "noch modernere Dichter" zurück nach Wien, wo er entdeckte, dass andere dort genauso modern waren: "Ich habe Lesungen von Friederike Mayröcker, Ernst Jandl und der Wiener Gruppe besucht und mich vorgestellt." Und er fand heraus, dass er durch die Lektüren während seines Parisaufenthalts in puncto Theorie weiter war als die Wiener. "Ich konnte besser als andere erklären, was die machten. Da hat man mich – als 19-Jährigen – eingeladen, ich soll vor den Lesungen Reden halten."

    Er inskribierte Medizin, wollte sich auf Neurologie spezialisieren und später zur Mathematik wechseln. Aber nach drei Jahren hatte er genug von der Heilkunde und studierte gleich "mathematische Logik", die damals "Logistik" hieß, die heutige Informatik. Zur Medienkunst kam er über die Dichtung: "Alle machten Dichtung auf der syntaktischen und semantischen Ebene, aber keiner Arbeiten auf der pragmatischen Ebene – mit Beziehung zum Publikum. Und ich habe gedacht, damit ich einen Schritt weiter gehe, muss ich etwas tun, was das Publikum einbindet." Also mussten die Zuhörer während seiner Lesungen Sätze vorlesen. Außerdem wurden Geräte wie Schreibmaschine, Magnetofon oder Megafon zu Bestandteilen von Weibels dichterischer Arbeit: "So habe ich angefangen, mich ins Mediale zu bewegen."

    Gemeinsam mit Valie Export

    Die Verwandtschaft seiner Werke mit denen von Aktionisten wie Otto Mühl oder Günter Brus kennzeichnet ein markanter Unterschied: "Die haben Malerei in Wirklichkeit verwandelt, aber ich habe Sprache und Filme, also abstrakte Zeichensysteme, in Wirklichkeit verwandelt." Er machte Filme, verdiente Geld mit Jobs in schwedischen Hotels, Auto- und Baufirmen. Seine Zusammenarbeit mit Valie Export wurde legendär. Das war 1968. In diesem Jahr lieferte ihm eine Sondernummer über "Expanded Arts" der Zeitschrift "Film Culture" einen wichtigen Begriff: "Expanded Cinema". Weibel: "Da wusste ich rückwirkend, was meine Aktionen von 1966 und '67 waren."

    Weil Weibel weiterhin parallel Film, Mathematik und Aktionen betrieb und bei Festivals vertreten war, wurde er in den Kreisen der amerikanischen Expanded-Cinema-Filmer bekannt. Seine Karriere startete durch. Als sich in den 1980ern die Computeranimation etablierte, sollte diese auch universitär unterrichtet werden. Ein Spezialist wurde gesucht. Etliche Künstler sprachen sich für Peter Weibel aus, also kam 1984 der Ruf an die New York City University, wo er ein Digital Arts Laboratory gründete. Im selben Jahr wurde Weibel Professor für visuelle Mediengestaltung an der Wiener "Angewandten".

    Ab 1989 leitete er in Köln bis Mitte der 1990er-Jahre das Institut für Neue Medien. Seit 1986 arbeitete er "zwischendurch" für die Ars Electronica, der er 1992 bis 1995 vorstand. Er kannte alle Programmierer und Medienkünstler in den USA und konnte sie zu seiner Ars nach Linz einladen. 1999 übernahm er die Leitung des ZKM. Ans Aufhören denkt er nicht – auch nicht in Wien. (Helmut Ploebst, 19.10.2018)

    Helmut Ploebst ist seit 2003 freier Mitarbeiter und Tanzkritiker des STANDARD.

    • Modern. Moderner. Modernerer: Peter Weibels Karriere als Künstler begann mit der Literatur und führte ihn über den Film, aber auch über Medizin und Mathematik in das weite Land der Medienkunst, wo er neue Standards setzte.
      foto: robert newald

      Modern. Moderner. Modernerer: Peter Weibels Karriere als Künstler begann mit der Literatur und führte ihn über den Film, aber auch über Medizin und Mathematik in das weite Land der Medienkunst, wo er neue Standards setzte.

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