Kritik: Wieso wird bei "Anno 1800" der Sklavenhandel nicht thematisiert?

    17. Oktober 2018, 09:54
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    Bei dem neuesten Ableger des Games thematisiert man die Industrialisierung und spart den Sklavenhandel aus

    Anno 1800 erscheint am 26. Februar 2019 für PC und lässt Spieler die Industrielle Revolution mit all ihren Aspekten nacherleben. So entdeckt man im Lauf der Zeit den elektrischen Strom, sorgt für künstliche Beleuchtung und setzt sich mit Dampf und Treibstoff auseinander. Einen Aspekt aus dieser Zeit lässt Ubisoft bei der historischen Wirtschaftssimulation allerdings aus, und zwar Sklavenhandel.

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    Thema "sehr sensibel"

    Bereits 2017 wurde Creative Director Dirk Riegert im Zuge eines GameStar-Livestreams zu dem Thema befragt. Er erklärte, dass man sich mit dem Thema beschäftigt habe, dieses aber dann doch als "sehr sensibel" eingestuft habe und deshalb "vorsichtig" sein müsse. Allerdings wird der Sklavenhandel durchaus "in irgendeiner Form des Settings aufblitzen", als Sklavenausbeuter kann man aber definitiv nicht spielen.

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    Das Gespräch mit Dirk Riegert mit Gamestar.

    "Feel-Good-Programmatik"

    "Das wäre auch unlauter und würde die Leute durch die Spielmechanik auf einen Weg zwingen, wo man sich unwohl fühlt", erklärt Riegert ferner. Kritisiert wird diese Herangehensweise nun durch den Blog Archaeogames, der sich mit der historischen Authentizität des Mediums Videospiele auseinandersetzt. Der Vorwurf lautet, dass man durch Ausklammerung des Sklavenhandels "Feel-Good-Programmatik" und "Etikettenschwindel" betreibt.

    Stellaris löst dies anders

    "Ist es wirklich besser, ein gesamtgesellschaftliches Phänomen komplett zu verschweigen und zu streichen statt es als ambivalente Spielmechanik zu thematisieren?", wird in dem Blog-Eintrag hinterfragt. Beim Aufbau-Strategiespiel Stellaris sei dies bereits anders gelöst – dort könnte man Bevölkerungsgruppen versklaven, büßt gleichzeitig einen intellektuellen und wissenschaftlichen Rückgang der eigenen Nation ein.

    Was ein Historiker dazu sagt

    Damit würde der Spieler "Sklaverei im Kontext der Spielewelt kritisch reflektieren". Jürgen Zimmerer, ein von Archaeogames befragter Historiker sieht die Herangehensweise von Blue Byte durchaus kritisch: "Ich finde das hochproblematisch. Weil dadurch, dass Anno 1800 als historische Simulation daherkommt, erhebt es ja den Anspruch, die Geschichte abzubilden. Das heißt, gerade die Spieler, die nicht zufällig Geschichte studieren oder nicht Geschichtslehrer sind, die vermuten ja, so war das damals. Und wenn dann so ein entscheidender Faktor, der zum Wohlstand und zur Industrialisierung beigetragen hat, wie die transatlantische Sklaverei und die Sklavenwirtschaft fehlt, dann "lernen" sie daraus, dass es das nicht gab".

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    Auch Thema bei Gamescom

    Eine Anfrage von Archaeogames wollte man bislang nicht beantworten. Bereits auf der Gamescom ließ Ubisoft auch dem STANDARD wissen, dass man bei Anno 1800 das Thema aufgrund seiner Sensibilität aussparen möchte und nicht den Anspruch erhebe, ein historisch 100 Prozent korrektes Spiel zu liefern. (red, 17.10.2018)

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