Wählerströme: Eher wenige AfD-Stimmen kommen von der CSU

    Video15. Oktober 2018, 17:22
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    Die CSU verlor rund zehn Prozentpunkte, die AfD gewann ebenso viele Stimmen. Wanderten die Wähler also von rechts nach ganz rechts? Nein, zeigt eine Auswertung der Wählerströme – sie bietet auch andere Überraschungen

    Es gibt Zahlen, die passen nicht ganz zur großen Erzählung: so etwa nach der bayerischen Landtagswahl am Sonntag. Viel war von den Enttäuschten die Rede und von Bürgern, die den großen Volksparteien abhandenkommen. Und dann gibt es die Daten aus der Wählerstromanalyse, etwa zur größten Wählerwanderung im Vergleich zu 2013. Um 340.000 ehemals Frustrierte geht es – die allerdings nicht mehr allzu frustriert sind. Sie waren der Wahl im Jahr 2013 noch ferngeblieben, heuer machten sie ein Kreuz: und zwar bei der Volkspartei CSU. Die Zahlen, die Infratest Dimap für die ARD erhoben hat, bieten weitere Überraschungen:

    • Die erste davon gibt es erneut bei der CSU. Die hat auch die größte Wählerabwanderung zu verzeichnen, was angesichts des Verlusts von über zehn Prozentpunkten allein noch nicht erstaunlich wäre. Allerdings wanderten die meisten früheren CSU-Stimmen nicht, wie man meinen könnte, zur AfD – sondern ins Grab. 240.000 mittlerweile verstorbene Bayerinnen und Bayern, die 2013 noch die CSU gewählt hatten, konnten dies 2018 wegen ihres zwischenzeitlichen Ablebens nicht mehr tun. Doch auch unter den Lebenden haben andere erfolgreicher im Wählerpool der CSU gefischt als die Nationalpopulisten: 220.000 Wählerinnen und Wähler, die beim letzten Mal die Christlich-Soziale Union angekreuzt hatten, wechselten zu den Freien Wählern (FW). Die AfD folgt erst hinter den Grünen. Diese konnten 190.000 ehemalige CSU-Wähler für sich gewinnen, die AfD nur 160.000.
    • Woher kommen dann die 699.202 Wählerinnen und Wähler, die zu den in Bayern erstmals antretenden Rechten abgewandert sind? Die meisten von ihnen, 192.000 Menschen, haben letztes Mal statt der AfD noch eine der "anderen Parteien" gewählt, die nicht in den Landtag kamen. Um wen genau es sich dabei handelt, ist aus den Daten nicht eindeutig zu eruieren. Nicht mehr angetreten sind in diesem Jahr aber zum Beispiel die NPD, die rechten Republikaner und die populistische Partei Die Freiheit. Diese drei kamen 2013 auf gemeinsam 198.590 Stimmen. Neben den 160.000 ehemaligen CSU-Wählern gingen an die AfD auch 60.000 ehemalige Anhänger der FW und 180.000 frühere Nichtwähler. Die SPD verlor rund 30.000 Stimmen in Richtung weit rechts. Auffällig ist bei der AfD auch: Sie wurde von nur sieben Prozent der Frauen, aber von 13 Prozent der Männer gewählt, so die Daten.
    • Umgekehrt, aber weniger deutlich ist das Bild bei den Grünen. Sie erhielten die Unterstützung von 20 Prozent der Bayerinnen, aber nur von 16 Prozent der Bayern. Sie splitterten sich auf 200.000 ehemalige Parteigänger der SPD, aber eben fast genauso viele – 190.000 – frühere Unterstützer der CSU auf, obwohl diese im Wahlkampf noch unermüdlich darauf hingewiesen hatte, dass es gerade mit den Grünen nur wenige inhaltliche Schnittmengen gebe. Wie im benachbarten Baden-Württemberg, wo die Grünen als stimmenstärkste Partei regieren, sahen es die Wählerinnen und Wähler offenbar anders. Die ehemalige Ökopartei ist also auch in Bayern dabei, sich einen bürgerlichen Anstrich zu geben. In Städten mit über 100.000 Einwohnern hätten die Grünen die Wahl mit 30 zu 25 Prozent vor der CSU gewonnen
    der standard
    Staatswissenschafter Laurenz Ennser-Jedenastik hat für den STANDARD im Winter 2017 erklärt, wie man Wählerstromanalysen berechnet.
    • Worüber sich die deutschen Grünen zusätzlich freuen können: die Altersverteilung. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen liegt die Partei nur noch vier Prozentpunkte hinter der CSU, es steht 27 zu 23 Prozent – obwohl die Christlich-Sozialen laut der Auswertung ganze 90.000 Erstwähler abräumen konnten. Gegenteilig zu den Grünen ist hier einmal mehr das Bild für die AfD. Sie holt unter den ganz jungen Wählern nur sieben Prozent – die schlechteste Alterskohorte für die Rechten. Ihre Wählerbasis war, so wie bei früheren Urnengängen, auch in Bayern im mittleren Alter: Ihren zweitschlechtesten Wert holte die AfD nämlich bei den über 60-Jährigen.
    • Das wiederum unterscheidet sie von der SPD, für die die Altersverteilung noch ungünstiger aussieht. Den besten Wert (14 Prozent) haben die Sozialdemokraten bei den Wählerinnen und Wählern im Pensionsalter, den schlechtesten (sieben Prozent) bei jenen, die zum ersten oder zweiten Mal ihre Stimme abgegeben haben – wenig rote Hoffnung also für eine bessere Zukunft.
    • Bleibt die Frage, wer in Absenz der Roten zur Arbeiterpartei geworden ist. Die Antwort ist wohl Bayern-spezifisch: Es ist die CSU. Sie erhält laut den Daten der ARD 33 Prozent der Arbeiterstimmen und liegt damit vor der AfD, deren mit Abstand bestes Segment (22 Prozent) ebenfalls die Arbeiter sind. Die SPD liegt dort bei neun Prozent. (Manuel Escher, 15.10.2018)
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