Frankfurter Buchmesse: Leitmesse statt Leitkultur

    15. Oktober 2018, 09:00
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    Das Treffen der Verlagsbranche ging am Sonntag zu Ende. Man versteht sich als Plattform für Meinungs- und Redefreiheit. Es geht aber auch um das Geschäft und die Politik

    Gern betonen die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse, dass die fünftägige Veranstaltung weit mehr sei als eine Zusammenkunft der Buchbranche. Man verstehe sich nämlich, so Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nicht nur als "weltweit größten Marktplatz für Ideen und Inhalte", sondern auch als Leitmesse und Trendschau. Sowie als Taktgeber einer Branche, die nicht erst seit der berüchtigten Leserschwundstudie (minus 6,4 Millionen Käufer) einer gewissen Krisenverliebtheit anheimgefallen ist.

    Mehr Mut

    Ob nun im Buchmarkt, der mit weniger Lesern, einbrechenden Auflagen und einem tiefgehenden Strukturwandel durch neue (digitale) Technologien kämpft, tatsächlich eine "Aufbruchstimmung" herrscht, wie Riethmüller vermutet, bleibe einmal dahingestellt. Wahr aber ist, dass die Buchbranche immer noch mehr Umsatz macht als der Film-, Musik- und Games-Bereich zusammen. 9,13 Milliarden Euro waren es 2017. Allein in Deutschland.

    Dass das Buch indes unter dem Motto "A Book is a Film is a Game" nur die Spitze eines umfangreichen, von neuen Technologien getriebenen Verwertungszusammenhangs ist, bildet sich auch auf den 170.000 Quadratmetern der Buchmesse ab. Zwar trifft in den Hallen noch immer der unbekannte Lyriker auf den Großautor, der selbstausbeuterische Kleinverlag auf den literarischen Großkonzern und der Leser auf sein Buch, zunehmend prägen aber technikaffine Jungunternehmer das Messebild. Sie befassen sich mit der Zukunft und den Möglichkeiten, die neue Technologien für Handel, Distribution und Rezeption kultureller Produkte bieten.

    Friedenspreis

    Die Buchmesse ausschließlich als Umschlagplatz für Content oder reines Wirtschaftsereignis zu sehen würde zu kurz greifen. Denn seit Jahren bezieht die Messe politisch Stellung, indem sie sich als Plattform für Meinungsfreiheit und Menschenrechte definiert. Letzteren war heuer, zum 70. Jahrestag der Deklaration der UN-Menschenrechtscharta, ein starker Schwerpunkt gewidmet. Etwa mit einer Rede der nigerianisch-amerikanischen Autorin Chimamanda Ngoi Adichie, die davon sprach, dass es an der Zeit sei, "beim Geschichtenerzählen Mut zu zeigen", und daran erinnerte, dass "wirtschaftliche Überlegenheit nicht moralische Überlegenheit" bedeutet.

    buchmesse

    Ähnliche Überlegungen stellten Aleida und Jan Assmann in ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an, der am Sonntag an das Kulturwissenschafter-Ehepaar verliehen wurde. So forderten die beiden bei Übergabe des Preises, die traditionell als einer der Messehöhepunkte gilt, mehr Solidarität von Europa. Und dies nicht nur im Umgang mit ökologischen Ressourcen, sondern grundsätzlicher.

    Kubitschek doch da

    Es könne nicht angehen, so die Assmanns, dass es "eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen". Apropos Politik und gesellschaftliche Spaltung: Götz Kubitschek, Vertreter der "Neuen Rechten", hatte es 2017 noch geschafft, mit seinem einschlägigen Antaios-Verlag die Messeberichterstattung zu dominieren. Nachdem er ankündigte, nicht an der Messe teilzunehmen, saß er dann doch in den Hallen: am Stand des Loci-Verlags, der Antaios am Mittwoch übernommen hat.

    Auf der Messe blieb es ruhig, allerdings wurde Kubitschek Samstagabend vor einer Pizzeria von Vermummten angegriffen. Seine Frau wurde verletzt, die Polizei ermittelt. Das ist keine gute Nachricht für die Messe, die zum Dialog aufzurufen versucht.

    Neuer Porno-Roman

    Einen PR-Coup der anderen Art setzten indes nach der Absage seines Messefestes der Rowohlt-Verlag und sein umstrittener Chef Florian Illies. Er präsentierte das Buch Weltpuff Berlin, das man aus dem Nachlass des Dichters Rudolf Borchardt geklaubt hat. Es soll sich um einen Porno-Roman "reinsten Wassers" handeln, verspricht die Zeit. Vielleicht ist die Krise doch größer, als man glaubt. (Stefan Gmünder, 14.10.2018)

    • Buch mit Auspuff: Taschen präsentiert bei der Messe ein klobiges Ferrari-Buch. Es kostet 25.000 Euro.
      apa/dpa/arne dedert

      Buch mit Auspuff: Taschen präsentiert bei der Messe ein klobiges Ferrari-Buch. Es kostet 25.000 Euro.

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