Niederlande vor Klassiker gegen Deutschland im Aufwind

    12. Oktober 2018, 15:30
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    Teamchef Koeman scheint Oranje mit einem jungen Team wieder auf Kurs zu bringen. Gegen den DFB hat man zu Hause seit 22 Jahren nicht verloren

    Berlin – Mit dem Spiel zwischen den Niederlanden und Deutschland kommt es im Samstagsschlager der Nations League in Amsterdam (20.45 Uhr, live ZDF) zur Neuauflage eines Klassikers. Während der entthronte Weltmeister eine Niederlage und damit ein Zittern am Dienstag in Frankreich vermeiden will, verspüren auch die Gastgeber Druck. Die Duelle zwischen den Nachbarn waren lange geprägt von gegenseitiger Abneigung bis hin zu offenem Hass. In der jüngeren Vergangenheit hat sich das Verhältnis aber entspannt. DFB-Coach Joachim Löw steht jedenfalls vor einem neuen Rekord.

    Rekordmann Jogi

    Er zieht mit seinem 168. Länderspiel als Teamchef an Sepp Herberger vorbei, bisher stehen 109 Siege, 30 Remis und 27 Niederlagen in seiner beeindruckenden Bilanz. "Holland ist wieder auf einem sehr guten Weg. Sie haben seit einigen Monaten einen neuen Trainer, der lange bei Barcelona gespielt hat. Das sieht man an der Handschrift", sagte Löw über sein Gegenüber Ronald Koeman, der seit Februar im Amt ist.

    "Man will nicht absteigen, man will seine Position behaupten", meinte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff vor dem 41. Duell mit dem Nachbarn. Bei einer Niederlage drohen Deutschland der Sturz in die Zweitklassigkeit und stärkere Gegner in der Qualifikation für die EM 2020. Mit dem ersten Erfolg in den Niederlanden seit 22 Jahren könnte Löw hingegen den Neuaufbau nach dem WM-Debakel in Russland vorantreiben.

    Frankreich führt Gruppe 1 der A-Liga der Nations League derzeit mit vier Punkten vor Deutschland (1) und den Niederlanden (0) an. Der Tabellenerste qualifiziert sich mit den drei weiteren A-Gruppensiegern für das Finalturnier im Juni 2019, der Letzte muss in Liga B absteigen.

    Koeman leitet Generationswechsel ein

    Koeman, Libero in der legendären niederländischen Mannschaft um Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard wurde auserkoren, nach vielen Enttäuschungen den Umschwung einzuleiten. Zwei Endrunden hintereinander hat des Ex-Europameister zuletzt verpasst. Zu den vielversprechenden Anzeichen gehörte der Auftritt von Ajax Amsterdam in der Champions League bei Bayern München (1:1). "Wir haben wieder viele junge Spieler, die auf einem guten Weg sind", sagte Koeman.

    Er ist dabei, aus Talenten ein Team zu formen, das verlorene Anerkennung zurückgewinnt. Abwehrspieler Matthijs de Ligt (19, Ajax) und Mittelfeldlenker Frenkie de Jong (21, Ajax) sind nur zwei Beispiele, die Hoffnung machen. Fünf der 24 Spieler des aktuellen Kaders wurden 1997, zwei 1995 geboren. Niederländische Experten sprechen schon von einer "goldenen Zukunft" und loben den Generationswechsel, den Koeman eingeleitet hat. "Die Niederlande sind traditionell ein großes Fußballland, und das wollen wir auch wieder werden", sagte de Jong.

    Das knappe 1:2 bei Weltmeister Frankreich im September ließ ebenfalls positive Rückschlüsse zu, Koeman wittert jetzt auch gegen den Nachbarn eine Chance: "Deutschland ist nicht so stark wie vor einigen Jahren."

    Pragmatik statt Romantik

    Er setzt auf eine eher konventionelle Spielstrategie, die auf einer stabilen Defensive basiert. Virgil van Dijk (FC Liverpool), Stefan de Vrij (Inter Mailand) und de Ligt sind auf Sicht deren Kernelemente, davor wird de Jong von Giorginio Wijnaldum (FC Liverpool) unterstützt. Der Offensive fehlt allerdings ein großer Name, die Erben eines Arjen Robben, Robin van Persie oder Wesley Sneijder müssen sich noch herausbilden.

    Doch Koeman ist überzeugt von der guten Perspektive, "sonst hätte ich den Job nicht angenommen". Auch dass Koeman kein Verfechter des "Voetbal totaal" ist, brachte ihm bislang keinen Misskredit. Die Niederlande setzen derzeit auf Pragmatismus, und Koeman lebt diesen vor. "Wir haben vielleicht nicht mehr die allerbesten Spieler, aber das heißt nicht, dass wir kein gutes Team aufstellen können", sagte er nach Übernahme seines Traumjobs. Weil Koeman den Bewerb sehr ernst nimmt, können Ajax und PSV, die neun Spieler entsenden, nicht mit Rücksicht seitens Koemans rechnen: "Ich werde für das Spiel niemanden schonen." (sid, APA, red, 12.10.2018)

    Die voraussichtlichen Aufstellungen:

    Niederlande: Cillessen/FC Barcelona (29 Jahre/42 Länderspiele) – Dumfries/PSV Eindhoven (22/2), de Ligt/Ajax Amsterdam (19/9), van Dijk/FC Liverpool (27/21), Blind/Ajax Amsterdam (28/56) – Wijnaldum/FC Liverpool (27/50), de Jong/Ajax Amsterdam (21/2), Strootman/Olympique Marseille (28/42) – Promes/FC Sevilla (26/30), Depay/Olympique Lyon (24/40), Babel/Besiktas Istanbul (31/51). – Trainer: Koeman

    Deutschland: Neuer/Bayern München (32/80) – Ginter/Borussia Mönchengladbach (24/20), Boateng/Bayern München (30/75), Hummels/Bayern München (29/67), Hector/1. FC Köln (28/40) – Kimmich/Bayern München (23/34) – Müller/Bayern München (29/96), Kroos/Real Madrid (28/88) – Brandt/Bayer Leverkusen (22/20), Werner/RB Leipzig (22/19), Sane/Manchester City (22/13). – Trainer: Löw

    Niederlande vs. Deutschland, eine Chronologie:

    • 7. Juli 1974, WM-Finale in München, Deutschland – Niederlande 2:1

    Die Niederlande um "König" Johan Cruyff gehen als klarer Favorit ins Spiel, ihr "Voetbal totaal" begeistert Publikum und Experten. Tage vor dem Finale haben der König und seine Prinzen Besuch von weiblichen Fans im Trainingslager in Hiltrup bei Münster – die Bild-Zeitung veröffentlicht vielsagende Fotos der Stars mit den Schönheiten am Pool. Frau Cruyff macht ihrem Johan deshalb in der Nacht vor dem Endspiel die Hölle heiß. Die Elftal verliert, die "Hiltruper Mädchen" und eine angebliche Schwalbe von Bernd Hölzenbein vor Paul Breitners Elfmeter zum 1:1 waren Schuld. Sagen die Niederländer. "München '74" wird zum Trauma, das – so sagen viele Niederländer – neben der Besatzungszeit (1940-45) die später oft hitzige Atmosphäre erkläre.

    • 18. Juni 1978, WM-Zwischenrunde in Cordoba, Deutschland – Niederlande 2:2

    "Fußball ist Krieg", hat der große niederländische Trainer Rinus Michels einmal gesagt. 1974 verlor er seinen Krieg, 1978 konnte er ihn nicht mehr gewinnen – Ernst Happel hatte ihn beerbt. Deutschland führt 2:1, ehe Rene van de Kerkhof den Traum von der erfolgreichen Titelverteidigung quasi beendet.

    • 14. Juni 1980, EM-Vorrunde in Neapel, Deutschland – Niederlande 3:2

    Deutschland führt nach drei Toren von Klaus Allofs 3:0, hat den Final-Einzug vor Augen, als der 19-jährige Lothar Matthäus sein Debüt feiert. Er kommt für Kapitän Bernard Dietz, der eine Verletzung simuliert, um dem Ausnahmetalent zur Premiere zu verhelfen. "Schwupps, nach drei Minuten hatte er den ersten Holländer umgelegt", erinnert sich Trainer Jupp Derwall später an die Szene, in der Matthäus den Elfmeter verursachte, der zum 1:3 führte. Es reicht trotzdem, Deutschland gewinnt gegen Belgien den zweiten EM-Pokal. Matthäus muss bis zum 18. November 1981 auf sein zweites Länderspiel warten.

    • 21. Juni 1988, EM-Halbfinale in Hamburg, Deutschland – Niederlande 1:2

    "Wir fressen sie auf!", brüllt Oranje-Kapitän Ruud Gullit vorher, Abwehrchef Ronald Koeman ist im Siegesrausch derart aufgeladen, dass er sich mit Thons Trikot den Allerwertesten abwischt, auf der Tribüne zeigt ein Radioreporter den deutschen Kollegen sein entblößtes Hinterteil. "Lothar, Lothar, alles ist vorbei", singt die Elftal in der Kabine, als Franz Beckenbauer zum Gratulieren kommt. Michels, mittlerweile wieder im Amt, bekommt endlich seinen Sieg, in der Heimat kommt es zur größten Massenkundgebung seit der Befreiung von den Nazis 1945. De Telegraaf titelt: "Endlich Rache!" Und der Poet Jules Deelder schreibt: "Sie, die fielen, erhoben sich jauchzend aus ihrem Grab."

    • 24. Juni 1990, WM-Achtelfinale in Mailand, Deutschland – Niederlande 2:1

    Seit "Hamburg '88" ist die Atmosphäre vergiftet, zwei Duelle in der WM-Quali verstärkten dies. "Wir waren ein bisschen wie Kain und Abel – Brüder, die sich gegenseitig fertigmachen", sagt Torwart Hans van Breukelen. Frank Rijkaard spuckt zweimal in Völlers Lockenpracht, das ganze Spiel ist ein Skandal. Sechs Jahre nach "Mailand '90" versöhnen sich das "Lama" und sein "Opfer" bei einem Frühstück auf Schloss Lerbach in Bergisch Gladbach, das eine Molkerei-Firma werbewirksam in Szene setzt. Rijkaard räumt ein, dass er damals wegen "privater Probleme" überreagiert habe, Völler akzeptiert die Entschuldigung. "Die Gage ging an die deutsche Mexiko-Hilfe, damit war der Fall für mich erledigt", sagt er.

    • 18. Juni 1992, EM-Vorrunde in Göteborg, Deutschland – Niederlande 1:3

    Michels' Elftal demontiert die Mannschaft von Berti Vogts, der Völler und Matthäus fehlen, nach allen Regeln der Kunst. Die Deutschen kommen trotzdem ins Finale, wo sie sich gegen Außenseiter Dänemark blamieren.

    • 15. Juni 2004, EM-Vorrunde in Porto, Deutschland – Niederlande 1:1

    Nach vier "Freundschaftsspielen" kommt es erstmals wieder zu einem Turnier-Duell. Die Schweizer Weltwoche schreibt vor dem Spiel vom "dreißigjährigen Krieg, 1974 bis 2004". Völlers Rumpeltruppe spielt gut, doch weil Fabian Ernst die Flanke von Andy van der Meyde nicht verhindert, kommt die Elftal durch Ruud van Nistelrooy noch zum Ausgleich.

    • 15. November 2011, Länderspiel in Hamburg, Deutschland – Niederlande 3:0

    "Krieg gibt es keinen mehr, ich habe da eher Freunde wie Nigel de Jong", sagt Jerome Boateng vor dem Spiel, das die DFB-Elf nach einer Glanzleistung gewinnt.

    Das bestätigt sich bei den beiden letzten Treffen 2012: Bei der EM ist Deutschland dank zweier Tore von Mario Gomez Sieger (2:1), im Herbst gibt es ein 0:0.

    • Bondscoach Ronald Koeman (vorne) schmiedet in den Niederlanden eine neue Einheit.
      foto: imago/vi images

      Bondscoach Ronald Koeman (vorne) schmiedet in den Niederlanden eine neue Einheit.

    • Diese Zeiten sind zum Glück vorbei: Libero Koeman verwendet nach dem Sieg der Niederländer im EM-Halbfinale das Trikot von Olaf Thon in ungebührlicher Weise.
      foto: imago/laci perenyi

      Diese Zeiten sind zum Glück vorbei: Libero Koeman verwendet nach dem Sieg der Niederländer im EM-Halbfinale das Trikot von Olaf Thon in ungebührlicher Weise.

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