Franz Morak singt wieder: Alte Laune, schlechte Welle

    12. Oktober 2018, 17:34
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    Der ehemalige Staatssekretär für Kunst und Medien gibt mit 72 Jahren noch einmal den "schneeweißen New-Wave-Schizo-Punk"

    Wenn Schauspieler singen, geht das selten gut. Wenn Schauspieler in die Politik gehen schon gar nicht. Insofern hat Franz Morak mit seinen 72 Jahren wenig ausgelassen, wenn es darum geht, sich in Umgebungen zu reiten, in denen es nicht gut riecht.

    Dabei hatte es 1980 mit dem Album Morak und dem "schneeweißen New-Wave-Schizo-Punk" inklusive schockierendem Kleines-Mädchen-schlitzt-Sugar-Daddy-Cover von Gottfried Helnwein so gut begonnen. Mit Mitte 30 als pragmatisierter Burgschauspieler den laut Peter Weibel "Maestro des Risiko-Rocks" zu spielen muss man sich als Fixangestellter auch einmal trauen. Der Song Oh, oh, oh, sie erregt mich so gilt heute noch als Klassiker des affirmativen wie hintergründig sozialkritischen Pädophilen-Pop. Gegen ihn lässt sich Falcos Jeanny als heitere Bagatelle abtun.

    foto: gallus rittenberg
    Die lebende, das heißt singende Antithese zu jeder Art von Ruhensbestimmung: Franz Morak, ehemaliger Burgtheater-Star und Ex-ÖVP-Politiker, lässt die Gummipuppen tanzen.

    Danach lieferte Franz Morak bis 1983 noch die Alben Morak'n'Roll und Sieger sehen anders aus ab; gehalten im Soundgewand von Studioknechten, die neben hart rockender Brüskierungsattitüde (Punk Royal?) immer auch Werbejingles, die Musik der Koks-Popper Toto und einen Bausparvertrag für eine aus 154 Synthesizern bestehende Keyboardburg im Talon hatten. Was soll man sagen? Wer damals den Kerkermeister der EAV oder Drahdiwaberl für Punk hielt, der wurde auch von Morak amtlich bedient.

    Reform von innen

    So richtig zum Systemfeind, der die Missstände von innen bekämpft, wurde Franz Morak über eine letzte Station am Theater: Als Personalvertreter ärgerte er Claus Peymann am Burgtheater wegen ersessener Privilegien hiesiger Schauspieler so sehr, dass aus dem Spiel ernst und somit seine Bühnenkarriere beendet wurde.

    He, das ist ein Punkrock-Text! Zwischen 2000 und 2007 mischte er als Staatssekretär die Wanderliederbücher der FPÖ auf. 2008 ging Morak in Frühpension. Was seither geschah, wissen wir nicht. Nächste Woche erscheint jedenfalls 25 Jahre nach seiner letzten Veröffentlichung in einer CD-Box nicht nur das musikalische Gesamtwerk morak/alles. Es gibt auch ein neues Album.

    Musikalisch begleitet und konzipiert vom Altpunk Christian Kolonovits (Ambros, Fendrich, Werger, Gabalier ...) lässt Morak dabei in Songs wie dem titelgebenden Leben frisst rohes Fleisch oder Dandies der Niedertracht noch einmal die aufblasbaren, abwaschbaren, wunderbaren Gummipuppen aus den 1980er-Jahren tanzen. Es ist ein "Tanz auf dem Vulkan".

    Die Stimme Moraks geht dabei im Alter den Weg nach oben. Oben wird es brüchig, dünn und heiser. Darunter tritt Kolonovits mit aus Zurück in die Zukunft gebeamten Synthesizern und Kinderchören (!!!) "Neue Deutsche Welle – das Musical" als Fünfuhrtee für Golden Oldies los, Moderation Udo Huber: "Wi Wa Wahnsinn / Mi Me Meschugge / Ri Ra Ranzig / Schni Schna Schnuppe!" Altersmilde kommt also weder beim Künstler noch an dieser Stelle in Betracht. Ein spätes Meisterwerk des Schockrocks. Was wurde eigentlich aus der Ruhensbestimmung? (Christian Schachinger, 12.10.2018)

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