Deutschlands langer Weg aus der Wohnungskrise

    13. Oktober 2018, 09:00
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    In Ballungsräumen wird es schwierig, leistbare Wohnungen zu finden. Schuld sind hohe Baukosten und teure Grundstücke

    Das deutsche Bundeskriminalamt hatte nach einem Lokalaugenschein grünes Licht gegeben. Der Besuch der Immobilienmesse Expo Real war für Prominenz also gefahrlos möglich. Der angekündigte Bauminister Horst Seehofer (CSU) blieb der Veranstaltung wenige Tage vor der Landtagswahl in Bayern trotzdem fern. Dabei war leistbares Bauen und Wohnen das große Thema.

    Die Wohnungsknappheit wird in deutschen Großstädten zunehmend zum sozialen Problem. In München gingen erst vor einem knappen Monat tausende Menschen auf die Straße, um gegen hohe Mieten und Spekulation zu protestieren. Wenn sogar die Münchner demonstrieren, dann sei die Lage wirklich ernst, meint mancher Brancheninsider.

    Warum das Wohnen so teuer geworden ist, dafür wurden auch auf den Podien der Expo Real viele Gründe gefunden: die hohen Bau- und Grundstückskosten zum Beispiel oder die vielen Normen. "Es ist nicht so, dass wir uns eine goldene Nase verdienen wollen", betonte Peter Jorzick vom Projektentwickler Hamburg Team.

    Große Lücke

    Den hohen Preisen ist auch die deutsche Journalistin Utta Seidenspinner, die in München zur Miete lebt, mit ihrem kürzlich erschienenen Buch "Wohnungswahnsinn" aus Verbrauchersicht auf den Grund gegangen. Mittlerweile habe die Wohnungssituation in München Ausmaße wie in New York angenommen, berichtete sie auf einem Podium: "Dort redet auch jeder von früh bis spät über das Wohnen."

    Die deutsche Regierung beriet sich erst vor einigen Wochen im Rahmen eines Wohnungsgipfels mit Vertretern der Branche und präsentierte im Anschluss einen Maßnahmenkatalog. Das hehre Ziel: 1,5 Millionen neue Wohnungen sollen in den nächsten Jahren entstehen.

    Die Lücke am Wohnungsmarkt ist enorm, das zeigen auch Zahlen des Düsseldorfer Immobilienmaklers Wulff Aengevelt: Allein 70.000 Wohnungen fehlen in München, 64.000 sind es in Hamburg, 59.000 in Berlin. 60.000 Wohnungen müssten in den deutschen "Big Five" pro Jahr fertiggestellt werden, rechnete Aengevelt vor. Tatsächlich sind es aber nur halb so viele.

    Ausländische Investoren

    Noch vor zehn Jahren hätten Immobilien niemanden interessiert, erklärte Immobilienentwickler Jorzick, daher sei für die heutige Situation auch nicht vorgesorgt, in Städten keine vorausschauende Baulandentwicklung betrieben worden. In den 1990er-Jahren hatte es noch geheißen, Deutschland sei fertiggebaut. "Wir werden viele Jahre brauchen, um die fehlenden Wohnungen zu ersetzen."

    Buchautorin Seidenspinner hat einen Schuldigen für die Wohnungsmisere ausgemacht: Sie glaubt, dass auf den angespannten Märkten internationale Investoren Druck ausüben, um ihre Rendite zu erwirtschaften. Auf dem Podium und im Publikum sorgte diese These für Kritik: Marcus Cieleback von der Patrizia Immobilien AG glaubt nicht an eine Dominanz internationaler Investoren. Zahlen würden aber fehlen, kritisierte Seidenspinner.

    Die Marktmacht liege an den fehlenden Wohnungen, so Cieleback: Gäbe es in München mehr davon, dann würden die Mieten nicht so stark steigen. "Und internationale Investoren kommen nicht durch den Heiligen Geist ins Grundbuch", so Aengevelt, mitunter sei sogar die öffentliche Hand der Verkäufer gewesen: "Sich dann hinstellen und beschweren, das geht nicht."

    Viel Politprominenz

    Obwohl Horst Seehofer fehlte, war die Politik in München gut vertreten: Baustaatssekretär Gunther Adler referierte zum modularen Bauen. Der parlamentarische Staatssekretär Marco Wanderwitz betonte, dass durch den Wohngipfel das Thema auf die Agenda gehoben wurde. Der eine oder andere erwartet indes schon die nächste Krise: Derzeit werde auf andere Nutzungen neben dem Wohnen vergessen, warnte Andreas Mattner vom Zentralen Immobilien-Ausschuss. Viele weitere Themen also für die kommenden Jahre. (Franziska Zoidl, 13.10.2018)

    • In Deutschland wurde in den letzten Jahren zu wenig gebaut. Das soll sich nun ändern.
      foto: imago/winfried rothermel

      In Deutschland wurde in den letzten Jahren zu wenig gebaut. Das soll sich nun ändern.

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