Wolf Wondratschek: Unerklärliche Dummheiten des Schicksals

    17. Oktober 2018, 11:37
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    Wehmütig und schön zu lesen: In "Selbstbild mit russischem Klavier" sitzen zwei alte Männer im Kaffeehaus und bilanzieren im Plauderton, sie rechnen ab

    "Im Kaffeehaus. Alle Tische besetzt. Alle Witze erzählt." Das ist ein guter Anfang für ein Buch, das in Wien angesiedelt ist. Und dass es ein Russe ist, ein alternder, des Lebens müder und dem Tode naher Klavierspieler, der mit seinem erzählenden Gegenüber plaudert, einem Schriftsteller, das passt auch. Denn Wien, die Stadt der Musik und der Literatur – wenigstens, was das angeht, sind wir noch ein wenig international.

    Bei all der Melancholie, die man Wien und dem langen Verweilen in Kaffeehäusern von jeher zuschreibt, kann man Wolf Wondratscheks neues Buch Selbstbild mit russischem Klavier nur als wehmütiges Erinnerungsbuch lesen: Zwei alte Männer bilanzieren im Plauderton, rechnen ab: Suvorin etwa, der russische Held, kommt auf "mehr abgelehnte Heiratsanträge als Symphonien".

    So eine Rückschau ist nicht lustig, also tanzen in diesem Buch nur die Kellner, und das auch nur am Anfang. Da wird es schon früh am Morgen gewesen sein, knapp vor der Sperrstunde. Auf gut Wienerisch könnte man sagen: Vor der endgültigen, denn: "Die Gnade eines langen Lebens?", fragt Suvorin einmal, als es wieder um den nahenden Tod geht. "Ich weiß nicht. Nur noch mehr unerfüllte Träume?"

    Das ist der nachdenkliche Ton des Buches, und der ihn anschlägt, ist (trockener) Alkoholiker, er war ein guter, ein leidenschaftlicher Trinker. "Old Russian Tradition" nennt er das. "Wir sind Russen, wir trinken. Trau keinem, der nicht trinkt!" In diese Überzeugung mischt sich aber zwischenzeitlich auch Reflexion: "Sind Russen Trinker, weil sie unglücklich sind?" Bald versteht man, warum Suvorin ohne Regen nicht leben kann.

    "Welche Träume waren es, die Sie als kleiner Junge hatten? Als Sie und ich noch kurze Hosen trugen und Wollsocken, auch im Sommer?" Der ihn das fragt, ist der namenlose Ich-Erzähler, der Schriftsteller. "Seit ich mich in Wien niedergelassen habe, kann ich mich an keinen Tag erinnern, wo ich es eilig gehabt hätte." Auch seine Langsamkeit überträgt sich in die Zeilen des Buches. Beide ergänzen einander in einer Art formlosem Gespräch, die Perspektiven wechseln ansatzlos, beide sind gebildet. Der Leser erfährt nun vieles über Musik, was er zuvor womöglich nicht wusste: wie man Schubert spielt; was es braucht, um ein guter Liederbegleiter zu werden; warum Bach zu spielen "wie Zähneputzen ist, gleichsam Hygiene". Und warum man Schubert nicht langsam genug spielen kann.

    Zu Sowjetzeiten nahm man diesem Suvorin seinen guten Flügel, der "Roter Oktober" hieß, weg, und er musste sich mit einer industriell gefertigten Kiste namens "Estonia" begnügen, die er "Panzer" nannte. Er sah sich damit "schon Stummfilme begleiten". Zu spielen, was niemandem gefällt, wurde fortan seine Ambition. Er hasste den Applaus.

    Und so kennt man auch den Autor Wolf Wondratschek selbst, den in Deutschland geborenen und seit Jahren in Wien lebenden Poeten: sperrig, ruppig, widerborstig, oder noch klischeehafter: wild. Das Raubein (Früher begann der Tag mit einer Schusswunde, 1969) stürzte sich anfangs "ins wahre Leben" und schrieb darüber wie ein Amerikaner, sein reiches Werk umfasst auch zahlreiche Gedichte (Chuck's Zimmer, 1974). In den letzten Jahren haderte er zunehmend mit dem "Betrieb", so versteigerte er ein Buchmanuskript lieber an den Bestbieter, als dass er es verlegen ließ.

    Altersspezifisches!

    In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beklagte der seit heuer 75-Jährige den Zustand der deutschsprachigen Literatur, deren "Abscheu vor einfachen Dingen, überhaupt vor der Trivialität, dem Ordinären und Offenen. Es ist wie ein Widerwille gegen das gewöhnliche Leben." Nun lässt er es selbst deutlich leiser angehen, beinahe zärtlich: "Was für eine schöne Sprache das Deutsche sein kann, wenn man es nicht brüllt. Lauschen! Was für ein Wort."

    Manchmal freilich gerät ihm sein Deutsch dabei allzu gespreizt: "War das der Hände Arbeit?", wird gefragt, und das Wort "Arschloch" traut sich Suvorin nur in den Mund zu nehmen, wenn er sich zuvor formvollendet dafür entschuldigt. Das "pure Leben" beschreibt Wondratschek allenfalls, wenn Altersspezifisches zur Sprache kommt: "Selbst wenn ich meinen Tag in nicht schlechter Laune hinter mich gebracht habe, riecht meine Hose nach Verzweiflung." Da kann man sich etwas vorstellen! Andererseits: Sind Engel wirklich "ein gutes Publikum, das beste, was ein Musiker sich wünschen kann"?

    "Unbegreiflich, wie nutzlos ein Mensch werden kann, ein Mensch wie ich, der am Ende in eine Gedächtnislücke passt, ohne Schuhe, ohne Traum", sagt der Pianist, und in seiner Verzweiflung kommt ihm folgende Einsicht: dass auch der Tod nicht mehr ist als "eine unerklärlich endgültige Dummheit des Schicksals".

    Wondratschek selbst ist noch lange nicht nutzlos. Es tut gut, zwei Abende lang das Phone wegzulegen und etwas so "Schönes" zu lesen. Und doch gibt es diese seltsame Erfahrung mit allem Schönen: dass es auch too much sein kann ... (Manfred Rebhandl, 17.10.2018)

    Wolf Wondratschek, "Selbstbild mit russischem Klavier". € 22,70 / 272 Seiten. Ullstein-Verlag, Berlin 2018

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      foto: lilo rinkens

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