Wolfgang Herrndorf: Die geheimnisvolle Kraft des Schwarms

    Gespräch13. Oktober 2018, 08:00
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    Das posthume Buch "Stimmen" des 2013 verstorbenen Schriftstellers versammelt Texte aus dem Internetforum "Wir höflichen Paparazzi"

    Das letzte, posthum erschienene Buch von Wolfgang Herrndorf (1965- 2013) versammelt zum großen Teil Texte, die für das Forum "Wir höflichen Paparazzi" entstanden sind, wo er meistens unter dem Pseudonym "Stimmen" schrieb, so auch der Titel des neuen Buchs. Tex Rubinowitz, Forumsmitgründer sowie dessen langjähriges Mitglied, und STANDARD-Architekturschreiber Maik Novotny im Gespräch über die "stalinistische Schreibschule".

    Novotny: Wir sollten vielleicht mit dem Anfang anfangen. Du hast das Forum "Wir höflichen Paparazzi" Ende 2000 mit dem Autor Christian Ankowitsch gegründet.

    Rubinowitz: Im Grunde kommt das Forum aus meiner Uridee, Leute zu versammeln, die mir taugen. Max Goldt, Fritz Ostermayer, Leute aus dem Umfeld der Literaturzeitschrift Rabe im Haffmans-Verlag. Das habe ich dann weiter mit Leuten befüllt, das war dann so das Protoforum. Wolfgang Herrndorf hatte ebenfalls im Raben etwas geschrieben und meldete sich 2001 im Forum an.

    Novotny: Du hast das Forum einmal als "beinharte stalinistische Schreibschule" bezeichnet. Das trifft sicher zu. Es war aber keineswegs eine Art Germanistikseminar, auch wenn die meisten literarisch sehr belesen waren. Herrndorf formuliert es in seinem Buch so: "Es gibt keine Literaturtheorie. Es gibt nur die Kunst und den Mist." So war es auch im Forum. Es wurde nicht über Satzbau diskutiert, und niemand nahm grottenöde Studienratsbegriffe wie "Parabel" in den Mund. Es gab auch keinen Kanon, der vorgab, wie man schreiben sollte. Sehr wohl aber einen, wie man nicht schreiben soll. Das Feindbild war das Schwafeln, und das größte Feindbild von allen die damals populäre von der eigenen Literarizität berauschte Literatur, in der aus leeren Wohnungen in Berliner Hinterhöfe geblickt wurde und in der nichts passierte, aber alles irgendwie bedeutsam war. Was man im Forum lernen konnte, war die Kunst des Weglassens, der Reduktion aufs Wesentliche.

    Rubinowitz: Schon, aber das trifft es nicht ganz. Gewollt war auch das lustvolle und fast schon aggressive Abschweifen als Methode, wenn etwas zu dogmatisch auf einem Punkt stand oder langweilig wurde. Niemand ahndete das, was überall sonst immer eingemahnt wird: beim Thema bleiben! Plötzlich ging's um Dosenpfirsiche oder Erbsen. Eben wie der Verlauf eines Abends mit Leuten an einem Wirtshaustisch. Wirtshaustische sind keine Panels. Und klassische Literaturforen sind wie Panels, deswegen sind sie auch bald eingegangen. Uns gibt es nach 20 Jahren immer noch.

    Novotny: Das Abschweifen betraf vor allem die klassischen "Paparazzi"-Geschichten. Auch weil es ja nie wirklich um "Promis" ging oder um Tratsch, das war nur eine Art Köder. Man griff sich irgendetwas aus der Geschichte heraus, das interessant war, und spann das dann fort.

    Rubinowitz: Ich habe auch nie moderiert. Ich wusste ja nicht, wie Foren gehen oder was "Netiquette" sein soll. Zumindest war mir klar, dass man Smileygesichter nicht braucht, um etwas zu ironisieren, das muss über Sprache auch möglich sein. Und mir war auch nicht wichtig, qualitätsvoll zu schreiben, gute Geschichten, wichtiger war mir, die anderen anzustupsen.

    Novotny: Ich glaube, das Forum war in dieser Mischung aus Disziplin und Disziplinlosigkeit auch nur in diesem Zeitraum von circa 1999 bis 2003 möglich: Fast jeder hatte schon Internet, nicht nur die Nerds, aber es hatte sich noch nicht in Social Media zersplittert, es war klein und übersichtlich. Deswegen nahmen die Forumsmitglieder das Medium ohne Scheu in Besitz und gleichzeitig auseinander und erfanden eigene Begriffe wie "Strang" für "Thread". Den Strang als literarische Form hat das Forum dann mehr oder weniger erfunden. Man berauschte sich, wenn eine Eigendynamik entstand. Die große Kunst dabei war, zu wissen, wann man dazu etwas beitragen konnte und wann man lieber den Mund hielt.

    Rubinowitz: Kathrin Passig hat einmal gesagt: So toll sind die Texte eigentlich gar nicht. Das trifft es ganz gut. Es ging um etwas anderes, um diese geheimnisvolle Kraft des Schwarms. Vokabular, Denken, Reaktionen, Interaktionen, Dialoge – auch banale Dialoge, Distinktion, Codes. Trotzdem wollte man sich nicht in die Karten blicken lassen, vielleicht weil, wenn einer reingeschaut hätte, man eben genau das gesehen hätte, was Kathrin meinte: So toll ist das nun auch wieder nicht, daraus generiert ihr so eine Hysterie?

    Novotny: Aber es gab im Forum immer beides. Das kollektive Schreiben am Strang einerseits und Texte, die so stark waren, dass sie für sich standen. Die wurden begeistert aufgenommen, weil sie so konzentriert waren und auf eine Weise mit innerer Spannung aufgeladen, die sich auch bei Wolfgang Herrndorf sehr oft findet. Die Texte im Stimmen-Buch sind genau diese in sich abgeschlossenen Geschichten.

    Rubinowitz: Ja, das Signifikante bei Herrndorf war, dass ein Soziophober plötzlich so eine Freude an diesen vielen Leuten hatte, deren Zahl irgendwann so explosionsartig stieg, dass man Strategien entwickelte, wie man trotz der Massen unter sich bleiben konnte. Eben mit Geheimvokabular, später dann auf Treffen in der sogenannten Kohlenstoffwelt, wo dieses distinktive Vokabular und scheinbar aggressive Verhalten untereinander perfektioniert wurde und wo dann einmal ein Unbekannter, der wüst rausgesnobbt wurde, meinte: "Ich dachte, ihr seid höflich." Vielleicht hat das Herrndorf getaugt, ein kindisches Spiel mit brutalem Ton.

    Diese Umkehrung, wie im Afroamerikanischen aus "hot", als das dann die Weißen übernommen hatten, plötzlich "cool" wurde, nur um sich abzugrenzen. Ich kann das sprachwissenschaftlich nur ahnen, nicht erklären, was das für Sprachmechanismen sind, aber du weißt ja, wie das war, jemanden Arschmakrele zu nennen, war für die einen liebevoll, für die anderen eben unhöflich, weil man ihn nicht wollte.

    Novotny: Kritisiert wurde intern scharf, aber nicht mit literarischen Begriffen wie beim Bachmannpreis, sondern direkt, nicht selten brutal. Das Schimpfwortvokabular des Forums verdient sein eigenes Glossar. Heute hat das sich Schimpfen im Netz zum Shitstorm verselbstständigt, damals waren es punktuelle Grenzübertretungen, die kaum jemand persönlich nahm. Herrndorf war auf eine Weise wie das Forum. Gleichzeitig hart und weich. Fordernd, konfrontativ, und voller Liebe.

    Rubinowitz: So wie seine Empfindung, warum das Forum für ihn so wichtig war: irgendwo angekommen zu sein, ohne so genau sagen zu können, wo. Vermutlich diese Mischung aus Witz, Schnelligkeit, doppelten Böden und Abgrenzung von den Idioten. Als er dann so krank wurde: echtes Kümmern, echte Anteilnahme, dass man sich auf das Forum verlassen konnte wie auf einen großen, wattierenden Organismus.

    Novotny: Du hast Wolfgang Herrndorf 2004 zur Teilnahme am Bachmannpreis gedrängt. Was war dein Impuls? War der Bachmannpreis da im Forum schon präsent?

    Rubinowitz: Na ja, gedrängt nicht, ich habe ihn gefragt, ob er sich das nicht mal zutrauen würde, weil ich seine kurzen Texte im Forum immer sehr mochte. Wir haben die Übertragungen aus Klagenfurt ja ein paar Jahre schon kollektiv kommentiert und gelästert, wenn es allzu manieriert literarisch wurde. Er hat sich anfangs geziert, aber dann doch mitgemacht. Zu Hause an den Rechnern saß der Rest und staunte, dass das tatsächlich möglich war, dass man "unser" Forum auch hinaustragen kann.

    Novotny: Es gab noch weitere Teilnehmer aus dem Forum in Klagenfurt. Hätten die auch ohne das Forum Erfolg als Literaten gehabt?

    Rubinowitz: Ich glaube, nicht in dem Maße. Nach Wolfgang Herrndorf kamen die anderen auf die Idee: Okay, das probieren wir jetzt auch. Sie haben es gar nicht drauf angelegt, etwas aus ihren Preisen zu machen. Das war eine Aufgabe, sich da hinzusetzen und zu lesen und nicht nur im Forum abzulästern. Wolfgang schon eher, aber der war ja so langsam, er hat seine Zeit so vertändelt, bis dann mal ein Buch nach dem Preis erschien, wusste schon kein Mensch mehr von ihm und Bachmann. Erst durch seine Krankheit, so bitter das ist, kamen die Produktivität und dieser überraschende Erfolg. Irgendwann hat er gesagt: "Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer. Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind."

    Vielleicht weil er so intensiv lebte, so bewusst mit dem Tod neben sich, und er plötzlich als Schriftsteller angekommen ist.

    Novotny: Das Forum hat bis heute fünf Preisträger gestellt, davon zwei Hauptpreisträger, Kathrin Passig 2006 und dich 2014. Das Literaturinstitut Leipzig, eine echte Schreibschule, stellte in derselben Zeitspanne ebenfalls fünf Preisträger, aber keinen Hauptpreis. Sind Forumstexte besonders bachmannkompatibel?

    Rubinowitz: Das würde ich nicht sagen. Im Forum wurde nur ausprobiert und gespielt, ohne das Ziel, Literatur zu erzeugen. Wenn einer das versucht hat, ist er ausgelacht worden. Es gab eine eigenartige Diskrepanz zwischen Ehrfurcht vor Literatur und Misstrauen vor Literarizität. Es hatte fast niemand etwas veröffentlicht, und es sah auch nicht so aus, als drängte es alle dazu. Genau das ist aber dann passiert, so als sei da etwas aufgebrochen. Heute sind es vielleicht 50 Bücher, allein oder im Kollektiv. Tatort-Drehbücher, Sachbücher, sogar ein amüsanter Ratgeber, wie man den Bachmannwettbewerb gewinnen kann. Aber warum ist eigentlich niemals jemand auf die Idee gekommen, irgendetwas Buchartiges aus dem Forum selbst, aus seinem kollektiven Schreiben, zu destillieren? Material gäbe es ja genug.

    Novotny: Ich vermute, das ist einerseits an der termitenhaften Basisdemokratie gescheitert. Wenn sich jemand diktatorisch hingesetzt und alles organisiert hätte, wäre das gegangen. Da das aber Stränge waren, in denen fast alle in gleichem Maße beteiligt waren, gab es niemanden, der sich da verpflichtet gefühlt hätte oder besonders publikationseitel war. Bald darauf hatte dann eh jeder Zweite angefangen, sein eigenes Buch zu schreiben. Zu allerletzt – und vielleicht ist das der Hauptgrund – gab es immer eine gewisse Forumsarroganz, die sich gerade daraus speiste, dass es anderen nicht ganz zugänglich war und sich nicht erklärte.

    Rubinowitz: Das tiefe Geheimnis hätte sowieso niemand verstanden, weil es aus hunderten Geheimnissen besteht.

    Novotny: Deswegen erzählen wir in diesem Gespräch ja auch nicht alles. Die besten Sachen verschweigen wir. (13.10.2018)

    Tex Rubinowitz ist Zeichner und Schriftsteller. 2014 gewann er mit dem Text "Wir waren niemals hier" den Bachmannpreis.

    Maik Novotny studierte Architektur und Stadtplanung. Er lehrt am Institut für Raumgestaltung der TU Wien und schreibt für zahlreiche Medien, u. a. den STANDARD.

    Wolfgang Herrndorf, "Stimmen". € 18,- / 192 Seiten. Rowohlt-Verlag, Berlin 2018

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    über Wolfgang

    • Das Forum war wie der Verlauf eines Abends mit Leuten an einem Wirtshaustisch. Und Herrndorf war auf eine Weise wie das Forum: gleichzeitig hart und weich. Fordernd, konfrontativ, und voller Liebe.
      foto: ulrike richter

      Das Forum war wie der Verlauf eines Abends mit Leuten an einem Wirtshaustisch. Und Herrndorf war auf eine Weise wie das Forum: gleichzeitig hart und weich. Fordernd, konfrontativ, und voller Liebe.

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