Ferien im Kanzleramt

    Kommentar der anderen11. Oktober 2018, 17:37
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    Am Samstag will Sebastian Kurz in einer Rede das ein Jahr nach dem Wahlerfolg Erreichte einordnen. Eine aktuelle Kanzlersatire mischt Enid Blyton mit Realpolitik. Ort der Handlung: Schloss Ballhausplatz

    Malerisch räkelte sich das große, schlossähnliche Gebäude im Morgendunst. Mit großen, unsichtbaren Händen zupfte der Herbstwind die Wolken in handliche Portionen und räumte sie von links nach rechts. Die Luft roch nach Schulbeginn und Kreidestaub und Haargel. Vor dem Schloss stand ein schlaksiger Junge, stützte sich auf seinen Trolley und staunte.

    Das war sie also, dachte er: seine neue Heimat. Was für ein prächtiger Bau! Gleich vier Türme erhoben sich hoch in die Luft hinauf, mit flatternden Flaggen: Der Junge legte den Kopf in den Nacken, und seine Augen leuchteten bei dem Gedanken, dass er bald in einem dieser vier Türme wohnen würde. Von dort oben, dachte er, war der Blick bestimmt herrlich! Wie überlegen musste man sich fühlen, wenn man von dort aus auf die übrige Welt heruntersah! Und was für ein vornehmes Stück Architektur das Ganze überhaupt war, ein richtiges ehrwürdiges Palais, wahrscheinlich aus dem Palaisozän: barock verziert mit Giebeln, Stuck und Speckstein, mit Simsen und Pilastern und vergitterten Segmentfenstern, herabzwinkernden Ochsenaugen und Konvexbögen und Spiegelgewölben und Kartuschen aus dem 17. Jahrhundert; wirklich sehr beeindruckend, dachte der Junge mit Kennermiene und wischte die vielen Informationen, die er auf seinem Smartphone darüber gefunden hatte, beiseite.

    Fürs Leben lernen

    Aber auch der Park konnte sich sehen lassen, dachte er. In der Allee aus Lindenbäumen konnte man bestimmt prima Wettlaufen spielen, "Räuber und Gendarm" oder auf und ab wandeln und Abzählreime auswendig lernen. Die Ecke unter der Regenrinne, bei den Mistkübeln – sah sie nicht genauso aus, als würden dort die schlimmen Schüler heimlich ihre Zigaretten rauchen? Und dort oben, hinter den breiten, spiegelnden Fenstern, dort fanden bestimmt die Abschlussprüfungen statt! Gewiss würde dort Blut und Wasser geschwitzt, hoho, würden die Dummen von den Tüchtigen geschieden, wie es sein sollte, und mancher Taugenichts mit Bomben und Trompeten durchfallen! Der Junge freute sich und fühlte sein Herz erwartungsvoll pochen, als säße er selbst bereits vor der Prüfungskommission, und heldenmütige Schauer brandeten ihm über den Rücken.

    Das war es also: Schloss Ballhausplatz. Sein neues Zuhause. Viele große Männer haben hier fürs Leben gelernt, dachte er. Sie sind dort durchs Schultor hineingegangen, so wie ich jetzt, jung und unschuldig, und wenige Jahre später wieder herausgekommen: ernst, erwachsen, bis über beide Ohren angepfropft mit nützlichem Wissen und Kompetenzen und jeder Menge Connections ... Oh, er wollte sich fleißig Mühe geben! Und dann gleich ein Studium absolvieren und hinterher eine Eigentumswohnung, mit einem Planschbecken davor, als Wertanlage. Das war er seinen armen Eltern schuldig.

    Ja – die Eltern. Der Junge zog den Anorak enger um den Brustkorb, in dem es plötzlich ähnlich herbst-, nein, herzbewegend stürmte wie draußen im Freien. Vor ihm lag die neue Heimat – auf unbegrenzte Zeit ... Ach, und er war doch noch niemals länger als zwei Wochen fort gewesen! Sein Herz bäumte sich auf, als ihm die liebe Wohnung einfiel, in der jetzt sein Vater in der Eckbank hockte, bieder, die Pfeife im Gesicht, und seinen Sohn vermisste; und die Mutter daneben, wie sie eine Hand auf der Schulter vom Vater hatte, die Tränen unterdrückte und dabei eine Strumpfhose strickte oder eine Wollhaube, irgendwas Warmes jedenfalls, um es dem Jungen ins Internat nachzuschicken – ja, einhändig, die Mutter konnte das, die Mutter konnte alles ...! Ade, du liebe Wohnung, dachte er jetzt mit Herzquietschen und wischte sich eine Träne von der Nasenspitze; fahr hin, du Kinderzeit, macht's gut, ihr Eltern mein! Ade! Ihr sollt es einmal besser haben als ich. Und es kam ihm vor, als ob es gestern gewesen sei, dass er Abschied genommen hatte; dabei waren es erst fünfzehn Minuten. So schnell war die U-Bahn in Wien.

    "Na, junger Herr?"

    Ein Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr herum. "Na, junger Herr? Gedenken junger Herr näherzutreten?" Der kleine graue Mann mit dem Käppi, der neben dem Schultor auf der Gartenbank kauerte – war der die ganze Zeit schon da gewesen? Der Junge wurde rot. Wie peinlich! Da hatte ihm jemand beim Weinen zugesehen – und noch dazu so ein seltsamer kleiner, höchstwahrscheinlich auch schmutziger und etwas kranker Mann! Klar, das würde wieder gegen ihn verwendet werden, "Verweichlichter Musterschüler im Tränenrausch" oder so, er sah die Schlagzeile schon vor sich – genau wie auf seiner alten Schule, aus der er wegen seiner Nachdenklichkeit, seines großen Herzens für Tiere und seiner leichten Rührbarkeit hinausgemobbt worden war ... Oder vielleicht doch nicht? Der Junge rubbelte seine Augen. Wie ein Schülerzeitungsredakteur sah der Zwerg nämlich eher nicht aus.

    Merkwürdige Erscheinung

    Eben stemmte er sich hoch, schwer atmend und eifrig. Dabei zog er das Käppi herunter und hielt es sich vor den Bauch, wobei ihm mehrere beflissene Geräusche entwichen, "Ah" und "So" und "Hm", um sein Aufstehen akustisch einzurahmen. Nein, begriff der Junge langsam, das war kein Feind. Das war bestimmt kein Redakteur oder sonst ein Intrigant, dafür war der fremde Mann viel zu alt und zu harmlos und auch zu klein mit seiner runden Brille und dem freundlichen Kuckucksgesicht ... Das war niemand, dachte der Junge, höchstens der Hausmeister oder sonst jemand vom Personal. Und er verneigte sich. "Guten Morgen, freundlicher Proletarier", sagte er. "Könnten Sie mir wohl sagen, wie ich in den zweiten Stock komme? Zur Oberprima?"

    Streng genommen hätte er dafür keine Anleitung gebraucht; aber – da war etwas in ihm, das Menschen immer einbinden wollte. Ein Herzensdrang, ein Wille, sich bei anderen zu versichern, dass sein Weg der richtige war. Und außerdem konnte man einfachen Menschen eine einfache Freude machen, indem man ihnen einfache Fragen stellte.

    Im Alten begann es zu denken. "Die Oberprima?", brummte er und streichelte sein Käppi. "Freilich. Wenn junger Herr eintreten, werden junger Herr gleich eine große Anzahl Stufen sehen. Wenn junger Herr sich diese hinaufzubequemen geruhen, über zwei Stockwerke", er trat zutraulich näher, und der Junge wich lächelnd zurück und begann, durch den Mund zu atmen, "dann ist der Klassenraum gar nicht zu verfehlen. Zwei Stockwerke. Junger Herr sind bestimmt, nun ...", er wrang nach Worten und zugleich das Käppi zwischen seinen Händen, "... sind gewiss der Neue, von dem man schon so viel gehört hat?" Der Junge verbeugte sich. "Nur das Beste, hoffe ich.""Auf Schloss Ballhausplatz kommen ohnehin nur die Besten", sagte der Portier freundlich. Er schob seine Kopfbedeckung wieder dorthin, wo sie hingehörte, und der Junge sah eine kleine Feder daran wackeln. Artig verbeugte er sich ein drittes Mal. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, war der Kleine mit dem Käppi verschwunden. Was für eine merkwürdige Erscheinung. Davon musste er unbedingt seinen Eltern erzählen. (Michael Ziegelwagner, 11.10.2018)

    Michael Ziegelwagner schreibt u. a. für das "Titanic"-Magazin. Sein neues Buch "Sebastian. Ferien im Kanzleramt", aus dem dieser Auszug stammt, ist bei Milena erschienen. "Der aufblasbare Kaiser" war 2014 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

    • Der Roman "Sebastian – Ferien im Kanzleramt" von Michael Ziegelwagner ist im Milena-Verlag erschienen.
      foto: milena verlag

      Der Roman "Sebastian – Ferien im Kanzleramt" von Michael Ziegelwagner ist im Milena-Verlag erschienen.

    • Von dort oben ist der Blick herrlich!
      zeichnung: michael ziegelwagner

      Von dort oben ist der Blick herrlich!

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