Wie kann man sich den Populismus erklären? Sogar die Politikwissenschaft hat damit Probleme

Blog16. Oktober 2018, 07:43
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Irgendwie scheinen Trump, Brexit und das gute Abschneiden der FPÖ zusammenzuhängen. Die Frage ist bloß: wie?

Teilweise ist der Umstand, dass sich die Politikwissenschaft scheinbar so schwertut, ein allgegenwärtiges Phänomen wie den Populismus befriedigend zu erklären, dem langen Schatten der Vergangenheit geschuldet. Denn in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erlangten die Erkenntnisse der Politikwissenschaft mitunter einen zweifelhaften Ruf. Damals versuchte sie auf wenige Daten aufbauend aber dafür umso mehr auf Ideologie gestützt, globale Phänomene zu deuten und griff dabei oft daneben. Die großen Welterklärungstheorien – etwa die eher konservativen Systemtheorien und Behavioristen oder die linken Emanzipationstheorien – waren entweder so abstrakt, dass sie für konkrete Vorhersagen ungeeignet waren, oder sie erwiesen sich schlichtweg als falsch.

So gingen die Behavioristinnen und Behavioristen der 50er- und 60er-Jahre davon aus, dass sich Einstellungen und Werte ohne große Probleme in politisches Verhalten und politische Resultate übersetzen ließen, ohne dabei genügend die Rolle der Spielregeln und Institutionen zu bedenken. Systemtheoretiker wiederum glaubten an selbstkorrigierende funktionsrationale Systeme, die weitgehend ohne Ideologie auskamen. Die danach folgenden Emanzipationstheorien verfielen oft in das andere Extrem. Die vielfach auf dem Marxismus aufbauenden Theorien sahen die Politik als weitgehend durch die herrschenden Produktionsverhältnisse vorherbestimmt, wobei der Kapitalismus vielfach als Ursache der Probleme und dessen Überwindung als Allheilmittel angesehen wurde. In jedem Fall kam das Politische zu kurz und wurden politische Entscheidungen als Folgen wirtschaftlicher, systemischer oder soziologischer Faktoren angesehen.

Die Tücken des Forschungssystems

Infolgedessen begann sich danach verstärkt eine besonders auf Empirie und neue Methoden ausgerichtete und an messbaren Problemen orientierte Politikwissenschaft zu entwickeln. Diese als Puzzle-Solving bezeichnete Vorgehensweise strebt vereinfacht gesagt danach, lieber konkretere und überschaubarere Probleme genauer zu erklären als große und abstrakte Phänomene mit entsprechender Unschärfe. Sie scheut daher vor allzu umfassenden Erklärungen und globalen Theorien zurück. Sie hat jedoch auch die Tendenz immer spezifischere Themenstellungen zu bearbeiten, was durch das heutige Forschungssystem noch verstärkt wird.

foto: ap photo/charlie riedel

Um hochrangig publizieren zu können – heutzutage eine Karrierevoraussetzung – müssen Forschungsarbeiten einen monatedauernden internationalen Peer-Review-Prozess durchlaufen, bei dem nicht in allen Teilen schlüssige oder empirisch nicht aufs Genaueste belegbare Aussagen in einer Forschungsarbeit zur Ablehnung der Publikationseinreichung führen. Daher ist es verständlich, dass sich Politologinnen und Politologen, wenn sie heute Erfolg haben wollen, nicht mit breiten Fragestellungen, ungewöhnlichen Ansätzen und gewagten Thesen aufhalten.

Des Weiteren kommt bei komplexen sozialen Phänomenen in der Regel eine Reihe von Faktoren zusammen. In der Politik spielen etwa neben den verschiedenen politikwissenschaftlichen Ansätzen auch jene der Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Ökonomie eine Rolle. Die wenigsten Wissenschafterinnen und Wissenschafter haben die Expertise in mehr als einem Bereich und müssen sich daher auf einzelne Erklärungsansätze beschränken. Interdisziplinäre Forschung mit breiten Teams erfordert in der Regel einerseits viel Geld und Aufwand, wird aber andererseits nicht immer honoriert, weil die methodologisch durchwegs hochspezialisierten guten Fachzeitschriften unvertraute Zugänge und Methoden mangels Expertise entweder ungern bewerten oder eher wenig würdigen.

Jedoch dort, wo die Politikwissenschaft zurücksteckt und der Erklärungsdruck besonders hoch ist, bemühen sich andere Disziplinen, Medien oder sonstige Weltdeuter die entsprechenden Antworten zu liefern. So gelten Globalisierung, Neoliberalismus, die europäische Integration, die Modernisierung, der verkrustete Parteienstaat, die Entwicklung der Post-Demokratie oder die sozialen Medien allesamt als logische Populismus-Erklärungen. Für alle genannten Faktoren lassen sich plausible Beispiele finden, aber eben auch viele Gegenbeispiele. So wählen etwa nicht nur "modernisierungsverlierende" Arbeiterinnen und Arbeiter populistische Parteien und Donald Trump findet durchaus unter der besser gebildeten Mittelschicht seine Wählerschaft. Globalisierungsgewinnende Staaten erweisen sich als genauso Populismus-anfällig wie negativ Betroffene. Populismus findet sich zudem auch in Ländern, die für ihre Transparenz, Effizienz und Bürgernähe bekannt sind wie etwa die skandinavischen Staaten. Und natürlich gab es den Populismus bereits lange vor dem Internet, wie die Österreicherinnen und Österreicher aus eigener Erfahrung wissen.

Warum die Ursachenforschung so schwierig ist

Grundsätzlich muss nochmals festgehalten werden, dass es sich beim Populismus um ein vielschichtiges und heterogenes Phänomen handelt, das sehr stark durch die jeweilige politische Kultur und die Umstände vor Ort geprägt ist. Es gibt keine zwei genau gleichen populistischen Parteien. Selbst in unseren unmittelbaren Nachbarländern unterscheiden sich die Alternative für Deutschland (AfD) und die Schweizerische Volkspartei in vielen Punkten. In Italien stehen sich mit der Lega Nord und der Fünf-Sterne-Bewegung sogar zwei sehr unterschiedliche, populistische Parteien gegenüber. Alle diese Gruppierungen unterscheiden sich wiederum von der FPÖ und die Bandbreite dieses Phänomens lässt sich in den hier angefügten unterschiedlichen medialen Darstellungen ablesen, von Clownerei bis Nationalismus, von rechtem Biedersinn bis zum autoritären Führer siehe dazu auch meinen letzten Blogbeitrag.

Cover des "Economist".
Darstellung einer nationalistischen Familie am Cover der "FAZ Woche".

Ein Hauptproblem bei der Ursachenforschung ist vereinfacht gesprochen, dass zu viele mögliche Einflussfaktoren auf wenige aber insgesamt sehr unterschiedliche Fälle treffen. Das bedeutet, dass konkrete Wahlergebnisse in den USA, Serbien oder den Philippinen hausgemacht und Ähnlichkeiten reiner Zufall sind. Der Aufstieg der FPÖ in Österreich lässt sich allein aus der österreichischen politischen Situation gut begründen. Um dies als Teil eines globalen Phänomens schlüssig erklären zu können, bedarf es der selektiven Ausblendung österreichspezifischer Faktoren und der Identifikation staatenübergreifener Gemeinsamkeiten. Das geht im Vergleich mit den Nachbarländern oder Westeuropa noch einigermaßen, doch je höher die Vergleichsebene und je unterschiedlicher die Länder, desto höher der Abstraktionsgrad und desto weniger Gemeinsames findet man, um daran eine einheitliche Erklärung aufzuhängen. Irgendwie scheinen Trump, Brexit oder das gute Abschneiden der FPÖ zusammenzuhängen, die Frage ist bloß wie?

Die Wahl der Erklärungsebene

Eine weitere Schwierigkeit ist die Wahl der Erklärungsebene. Man kann versuchen ein politisches Phänomen, etwa einen Wahlerfolg, mit den Motiven der Wählerinnen und Wähler zu erklären – das lässt sich mit Umfragedaten erheben, die dann mit anderen Motiven und Charakteristiken der jener in Zusammenhang gebracht werden. Das allein erklärt jedoch noch nicht, warum eine bestimmte Partei bei Wahlen erfolgreich ist. Dabei ist auch entscheidend, wie gut eine Partei relativ zu den anderen aufgestellt ist, wie effektiv sie wahlkämpft oder wie stark die politischen Gegner sind. Das kann daher nur auf einer höheren Analyseebene, etwa jener der Parteien oder gar des Parteiensystems, verstanden werden. Je nach Analyseebene treten andere Ursachen in den Vordergrund. Das heißt, in jedem dieser Fälle kann die Forschung richtige Ergebnisse und wichtige Erkenntnisse liefern, aber dennoch nicht das Phänomen zu Gänze erklären.

Warum daher ein politisches System immer stärker von populistischer Politik bestimmt wird, hängt nicht nur von vielen verschiedenen Faktoren ab, sondern in der Regel auch von unterschiedlichen Ursachen und Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen. Beispielsweise scheint der große Zulauf zur AfD im Osten des Landes, etwa in Sachsen, damit zu tun zu haben, dass die dort ehemals sehr starke Partei Die Linke, die aus der im Osten gegründeten PDS hervorgegangen war, zunehmend zu einer im Westen Deutschlands populären Partei wird. Somit entsteht politischer Entfaltungsraum für eine neue Partei im Osten, was die im Westen gründete AfD ausnützt. Diese sehr spezifische mit der Deutsche Wiedervereinigung verknüpfte Sachlage, lässt sich jedoch nicht direkt mit Entwicklungen in anderen Ländern vergleichen, wo radikal rechtspopulistische Parteien ebenfalls auf dem Vormarsch sind.

Angebot und Nachfrage

Ein weiterer Aspekt ist, dass es nachfrageseitige und angebotsseitige Ursachen gibt. Menschen können beispielsweise eine bestimmte Politik fordern, also "nachfragen". Wenn es jedoch kein entsprechendes Angebot etwa in Form eines Trump oder einer Marine Le Pen gibt, kann es auch zu keinen populistischen Wahlsiegen kommen. Das bedeutet, dass sich die Politikwissenschaft mit beiden Ursachenformen auseinandersetzen muss. Viele Erklärungen zum Populismus gehen vom Wutbürgertum und vom frustrierten Wahlvolk aus. Dennoch erklärt dies nur bedingt die gegenwärtige Politik. Umfragen zeigen, dass politische Unzufriedenheit nichts Neues ist, dass jedoch die Konsequenzen heute anders sind.

Ursachenketten und notwendige Bedingungen

Des Weiteren gibt es oft ganze Ursachenketten. So etwa mögen unmittelbare Ursachen – wie die diversen Krisen der letzten Jahre oder politische Skandale – Auslöser tieferer, seit längerem existierender Probleme sein. Der Wahlsieg Trumps kann somit unmittelbar mit dem Medienhype, dem Veränderungswunsch in jener Zeit und dem schlechten Wahlkampf von Hillary Clinton erklärt werden. Dahinter steht jedoch auch ein Prozess struktureller Entfremdung demokratischer Wählerschichten von ihrer eigenen Partei, welcher bereits seit den 1990er-Jahren bemerkbar ist. Gerät ein Erosionsprozess einmal in Gang, wird irgendwann ein Kipppunkt erreicht und Wahlen gehen verloren. Die Forschung muss stets versuchen unmittelbare und länger wirkende Ursachen auseinanderzuhalten. Außerdem ist das Zusammenspiel momentaner und langfristiger Faktoren aus der Gleichzeitigkeit der Gegenwart heraus schwierig zu bewerten. Hier sind Politikwissenschafterinnen und Politikswissenschafter gegenüber Historikerinnen und Historikern klar im Nachteil.

Ein anderes Problem sind sogenannte notwendige Bedingungen. Diese müssen erfüllt sein, damit sich ein Effekt überhaupt einstellt. Unter einer notwendigen Bedingung versteht man beispielsweise den Umstand, dass die österreichische Arbeiterschaft für die FPÖ oft erst dann mobilisierbar wird, wenn deren Bindung an ihre Stammpartei SPÖ ausreichend erodiert ist. Die Bedingung, die den Effekt, etwa den Wahlsieg einer populistischen Partei, möglich macht, kann jedoch selbst gänzlich anderen Gründen entspringen, die sich der Populismusforschung nicht unmittelbar erschließen. Beispielsweise scheinen ostdeutsche Wählerinnen und Wähler die AfD besonders deswegen zu unterstützen, nicht weil sie sich primär sorgen, von Ausländern unterwandert zu werden, sondern weil sie sich gegenüber den Westdeutschen zurückgesetzt fühlen und die AfD als eine ihnen gewogene Protestpartei gegen eine vom Westen dominierte Politik ansehen.

Der Populismus als dynamisches Phänomen

Letztlich verbreitet sich das Phänomen auch durch gegenseitiges Lernen und das Kopieren erfolgreicher programmatischer Formeln ("winning formulas"), griffiger Kommunikation und eines bestimmten Rollenverständnisses populistischer Politikerinnen und Politiker. Europaweit kopieren Parteien selbst die Plakatinhalte wie nachstehende Abbildungen gut zeigen.

foto: reuters/ruben sprich
Plakat zur Schweizer Abstimmung zum Minarett-Verbot 2009.
foto: reuters/jean-paul pelissier
Der Front National verwendete 2010 ein adaptiertes Sujet, um gegen den Islam mobil zu machen

Das wiederum verdeutlicht die Bedeutung der Kommunikation und Medien und verweist einmal mehr darauf, dass die Politikwissenschaft der Frage des Populismus nur in Verbindung mit anderen Sozialwissenschaften auf die Spur kommen kann.

Bei aller Ungeduld, dass die Forschung rascher zu Ergebnissen komme, muss uns auch bewusst sein, dass es sich hierbei um eine komplexe und dynamische Materie – also ein sich ständig veränderndes Zielphänomen – handelt, welches politikwissenschaftlich nur schwer fassbar und definitiv zu erklären ist. Letztlich sollte bedacht werden, dass die hier beschriebenen Herausforderungen für nichtpolitikwissenschaftliche Erklärungsversuche mindestens ebenso, wenn nicht in einem noch größeren Ausmaß, gelten. Dennoch gibt es gerade jetzt in der Politikwissenschaft neue vieldiskutierte Erklärungsansätze, die jedoch erst im nächsten Populismus-Blog vorgestellt werden. (Reinhard Heinisch, 16.10.2018)

Reinhard Heinisch ist seit 2009 Professor für Österreichische Politik in vergleichender Perspektive an der Universität Salzburg, wo er auch den Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie leitet. Er ist Träger des Wissenschaftspreises des M. Lupac Stiftung des österreichischen Parlaments und hat 2017 das Buch "Political Populism, A Handbook" veröffentlicht.

Die inhaltliche Verantwortung für den Beitrag liegt beim Autor.

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