AMS-Vorstand Kopf: "Was die EDV gar nicht abbilden kann, ist die Motivation"

    Interview10. Oktober 2018, 19:12
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    Das Arbeitsmarktservice experimentiert mit neuen Betreuungsformaten für Langzeitarbeitslose. Der AMS-Chef sieht Computer als Unterstützung, nicht als Ersatz für die eigenen Betreuer

    STANDARD: Warum soll das AMS einen Algorithmus bekommen?

    Kopf: Wir wollen das AMS effizienter machen. Wir forschen schon lang zu verschiedenen Dingen. Es geht darum zu schauen, welche Fördermaßnahmen wie wirken. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder auch teure Förderinstrumente für Menschen verwendet, die relativ wenig Output hatten. Auf der anderen Seite haben wir sicher auch immer wieder Förderinstrumente für Menschen genutzt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch allein eine Arbeit gefunden hätten. Wir werden zusehends gemessen an der Frage, wie effizient wir sind, und auch uns ist das ein Anliegen. Mit modernen wissenschaftlichen Methoden können wir das besser erfüllen.

    STANDARD: Mit diesem System wird es möglich, Arbeitslose in drei Kategorien einzuteilen: jene mit hohen Chancen, jene mit niedrigen und jene mit mittleren Chancen ...

    Kopf: Wir haben ein Arbeitsmarktmodell entwickelt, das die Chancen unserer Kunden anhand von mehreren Dutzend Indikatoren berechnet. Sehr stark einfließen wird die bisherige Erwerbskarriere, also: Wo, wie viel und was habe ich in den letzten Jahren gearbeitet, wie lange war ich arbeitslos, was habe ich verdient. Wie ist es in meiner Region, wie alt bin ich, wie schaut meine gesundheitliche Situation aus, will ich Teilzeit oder Vollzeit. Die Arbeitsmarktchancen von Menschen einzuschätzen ist komplex, noch dazu bei wenig Zeit und begrenzten Ressourcen. Hier mehr Information zur Unterstützung unserer Beraterinnen und Berater einzusetzen wird nützlich sein.

    foto: istock
    Auch das AMS wird künftig die Daten seiner Kunden im Detail auswerten.

    STANDARD: Werden damit die AMS-Berater ersetzt?

    Kopf: Nein. Selbstverständlich haben die Letztentscheidung über die individuelle Einordnung unserer Kundinnen und Kunden auch in Zukunft unsere Beraterinnen und Berater. Ein ganz wesentlicher Faktor, den wir in der EDV gar nicht abbilden können, ist zum Beispiel die Motivation. Die Lebenseinstellung eines Menschen, wie engagiert er ist oder auch kurzfristige Änderungen am Markt haben einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Das kann kein Computer beurteilen. Die menschliche Komponente wird also entscheidend bleiben. Meine Kolleginnen und Kollegen vor Ort treffen ja auch schon heute laufend solche Einschätzungen, und nun geben wir ihnen ein Assistenzsystem dazu.

    STANDARD: Führt das neue System nicht dazu, dass Personen im niedrigen Segment, denen das Programm wenig Perspektive einräumt, auch weniger Fördermittel bekommen? Die Effizienzsteigerung entsteht ja erst dadurch, dass man Personen mit hohen Chancen, die es selbst schaffen, und auch jene mit niedrigeren Chancen weniger fördert. Gibt man damit Letztere nicht auf?

    Kopf: Das tun wir nicht und wollen wir auch nicht. Ziel ist es auch, mit dem gleichen Geld mehr Personen fördern zu können. Wir haben beschränkte Ressourcen und wollen sie besser nutzen. Die Idee ist, bestehende Förderinstrumente bei den unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich einzusetzen. Facharbeiter-Intensivausbildungen sind zum Beispiel in der Gruppe der sehr arbeitsmarktfernen Personen im Verhältnis zu den Kosten wenig effektiv. Seit über einem Jahr erproben wir in allen Bundesländern ein neues Beratungs- und Betreuungsformat für Menschen, die besonders arbeitsmarktfern sind, also seit mindestens zwei Jahren keinen Job finden. Das Betreuungsformat ist für uns ganz neu. Eines dieser Projekte läuft in Graz. Das Herzstück dort ist ein offener Raum, wo Kunden jederzeit kommen können, wo es Computer für sie gibt und Möglichkeiten zum Austausch. Dazu kommt, dass sie separat gecoacht werden oder auch diverse Weiterbildungen erwerben können.

    Die Letztentscheidung über die individuelle Einordnung bleibe beim AMS-Betreuer, verspricht AMS-Chef Johannes Kopf.

    STANDARD: Was wurde bei diesem Versuch festgestellt?

    Kopf: Wir haben erfahren, dass wir mit deutlich reduzierten Kosten im Rahmen dieses Programms ähnlich viele Menschen in Beschäftigung bringen wie mit langfristigen und oft teuren Ausbildungsprogrammen, die wir anbieten. Das bedeutet, dass wir künftig mehr Menschen so unterstützen können.

    STANDARD: Aber heißt das, künftig, mit dem Algorithmus, soll es für arbeitsmarktferne Personen nur noch solche niederschwelligen Angebote geben?

    Kopf: Wir setzen derzeit öfter geförderte Beschäftigungsprojekte bei ganz Schwachen ein und sind dann oft unglücklich, dass wir zu sehr hohen Kosten im Vergleich relativ wenige Arbeitsaufnahmen bei dieser Personengruppe haben. Mit dem neuen System werden wir noch besser steuern können, wo und wie wir fördern müssen, um effektiver zu sein. Aber auch die Betroffenen selbst sind – wie erste Auswertungen zeigen – mit unseren neuen Betreuungsangeboten sehr happy. Bei dieser Art der externen Betreuung können wir auch die Kontaktdichte dieser Gruppe mit AMS-Betreuern reduzieren und unsere eigenen Beratungsressourcen stärker auf andere Personen konzentrieren. Damit experimentieren wir momentan. Aber wir sind noch immer in einer Art Entwicklungsphase, aktuell ist das neue Betreuungssystem weder in den Zielen des AMS noch in den Budgetvorgaben umgesetzt.

    STANDARD: Wie gut funktioniert das System?

    Kopf: Wir haben anhand von Daten aus den vergangenen Jahren die Prognosequalitäten ausgewertet, und die Treffergenauigkeit liegt derzeit bei mindestens 85 Prozent – also mit dieser Wahrscheinlichkeit ist eingetreten, was der Algorithmus vorhergesagt hat. Wichtig ist aber zu sagen, dass die empfohlene Einteilung der Arbeitslosen in die drei Kategorien an vielen Stellen bewusst durchbrochen wird. Sie ist etwa durchbrochen durch jedes arbeitsmarktpolitische Ziel: Wenn es einen Extraschwerpunkt für Langzeitarbeitslose gibt, werden alle Instrumente auch für Menschen mit niedrigen Chancen eingesetzt. Auch jede anderslautende Beraterentscheidung durchbricht diese Systematik. Wenn der AMS-Betreuer aufgrund seiner Erfahrung sagt: Nein, ich glaube aber an Herrn Mayer und seine Möglichkeiten, dann kann er den Kunden jederzeit hochstufen. Auch Jugendliche werden immer das gesamte Förderangebot bekommen. Für alle unter 25 gilt die Ausbildungsgarantie. (András Szigetvari, 10.10.2018)

    Johannes Kopf (45) ist seit 2006 Vorstand des AMS. Davor war er im Kabinett von Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein (ÖVP) tätig.

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