Portugal: Mit Debatten und Teigtaschen gegen Gebühren

    15. Oktober 2018, 07:41
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    Steigende Mieten und Studiengebühren bringen viele portugiesische Studierende in finanzielle Bedrängnis. Ein studentisches Kollektiv in Lissabon organisiert nun regelmäßig Debatten zu Bildungskosten

    Mário reicht eine frittierte Teigtasche aus einer Kiste, die er vor sich durch die Pink Street in Lissabon herträgt – "Pink", weil der Asphalt rosa eingefärbt ist. Ein Club reiht sich hier an den nächsten, und das hungrige Partyvolk freut sich über die selbstgemachten Snacks. So verdient sich Mário in der Nacht seinen Lebensunterhalt. Untertags studiert er Jus an der Universität Lissabon, seinen Nachnamen will er im Zusammenhang mit dem nächtlichen Snackverkauf nicht in der Zeitung lesen. Es ist drei Uhr morgens, Mário hat noch eine ganze Kiste zum Verkauf.

    Für Studierende wird es immer schwerer, sich ein Studium in Lissabon zu finanzieren. Die Mieten steigen rasant, und die finanzielle Situation vieler portugiesischer Familien hat sich seit den Krisenjahren zwar verbessert, doch mit einem Durchschnittsgehalt von 1107 Euro – oder gar einem Mindestgehalt von 580 Euro – im Monat kann man sich das Leben in Lissabon nur schwer leisten.

    Studiengebühren gibt es in Portugal seit 1991. Damals betrugen sie nur 6,50 Euro im Jahr und waren als Zuschuss gedacht. 1992 wurden sie auf 250 Euro erhöht. Sie sollten angesichts der stark steigenden Zahl der Studierenden einen Beitrag zum Unibudget leisten. Seitdem stiegen die Gebühren rasant. Heute betragen sie bis zu 1073 Euro im Jahr – abhängig von Universität und Studiengang. Das klingt nicht viel, doch verglichen mit dem Einkommen und den Preisen in Lissabon fallen sie stark ins Gewicht, sagt Beatriz Ribeiro (21), die an der Universidade Nova de Lisboa Politikwissenschaft studiert.

    Besuche an Schulen und Unis

    "Einige meiner Freunde mussten ihr Studium abbrechen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Andere konnten gar nicht erst anfangen", sagt Ribeiro. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, gründete sie im Oktober 2017 die Bewegung Cancela a Propina. Jeden Monat organisieren die Studierenden ein bis zwei Debatten an den Universitäten, besuchen Schulen und organisieren Demonstrationen, um ihre Argumente gegen Studiengebühren zu verbreiten. Hundert Studierende engagieren sich derzeit bei der Organisation, sagt Ribeiro – eine feste Mitgliederliste gibt es nicht.

    "Das Recht auf Bildung für alle und gleiche Chancen beim Universitätszugang sind in der Verfassung verankert", sagt Ribeiro. Die Gebühren würden diesem Prinzip widersprechen und den Zugang zu Bildung vom Einkommen abhängig machen.

    Große Fortschritte

    Während die portugiesische Wirtschaft seit der Schuldenkrise große Fortschritte gemacht hat, mangelt es weiterhin an qualifizierten Arbeitskräften. Das führt unter anderem zu relativ niedrigen Produktivitätsraten, heißt es in einem Länderbericht der Europäischen Kommission von 2018.

    Auch die portugiesische Regierung hat es sich zum Ziel gesetzt, an dem Problem zu arbeiten und Innovation und Produktivität zu fördern. Das steht im Regierungsprogramm 2015-2019. Davon solle die gesamte Bevölkerung profitieren. Von der Umsetzung solcher Versprechungen sei nicht viel zu spüren, sagt Rita Dias (22), die am ISCTE-Universitätsinstitut Lissabon öffentliche Administration studiert. Ihre Mutter habe als Lehrerin ein gutes Einkommen und könne sie finanziell unterstützen. "Sonst könnte ich nicht in Lissabon studieren", sagt sie.

    Familien tragen Kosten

    Die Kosten werden hauptsächlich von den Familien getragen, sagt Joaquim Ramos Silva, Professor an der Fakultät für Wirtschaft und Management an der Universität Lissabon. Studienkredite aufzunehmen sei nicht üblich.

    Der Staat investiert unterdessen proportional weniger in die Universitäten, kritisiert João Rodriguez, Präsident der Universitätsorganisation Federação Académica de Lisboa. Die Studiengebühren würden als Substitution für das Budget, das früher vom Staat kam, verwendet. Die Zahl der Studierenden ist bis 2003 schnell gestiegen und ist seitdem auf einem ähnlichen Niveau. Laut der Statistikdatenbank Pordata lag sie 2012 bei 311.574 und ging 2017 auf 302.596 zurück. "Das hängt damit zusammen, wie viel ein Studium kostet", sagt Rodriguez. Zudem würden viele nicht mehr glauben, dass sich ein Studium finanziell lohne. Etwa gäbe es Master-Absolventen mit einem Einkommen von rund 750 Euro. "Familien sehen Unis als etwas Teures, in das sie nicht investieren wollen, weil es keinen Profit bringt", sagt er. Von 100 Menschen, die die Schule abschließen, würden 40 an die Uni gehen. Davon würde knapp die Hälfte den Bachelor abschließen.

    Viele Stipendien

    Während Portugal vergleichsweise sehr viele Stipendien vergibt – fast 20 Prozent der Studierenden erhalten laut Pordata finanzielle Unterstützung -, beschweren sich viele über große administrative Probleme im Zusammenhang mit den Zahlungen. In einem Bericht des Informationsnetzwerkes Eurydice heißt es zudem, hohe Stipendien sollten nicht isoliert betrachtet werden und richten sich zudem nur an eine Minderheit der Studierenden, während im Vergleich dazu in nordischen System alle von Förderungen profitieren.

    Studierende kritisieren währenddessen, dass zu wenig Geld für die Universitäten ausgegeben wird. "Die Regierung sagt, sie hat kein Geld. Aber es ist einfach eine Frage der Prioritäten", sagt Ribeiro. Vor allem angesichts des Preisanstiegs in Lissabon und Porto müsse die Finanzierung der Universitäten neu überdacht werden. (Alicia Prager aus Lissabon, 14.10.2018)


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