Nach Mord an Journalistin Marinowa Verdächtiger in Deutschland gefasst

    10. Oktober 2018, 13:30
    105 Postings

    Laut dem Staatsanwalt besteht kein Zusammenhang zwischen der Tat und der journalistischen Arbeit des Opfers

    Sofia – Im Fall der ermordeten bulgarischen Journalistin Viktoria Marinowa ist ein Verdächtiger in Deutschland festgenommen worden. Der 1997 geborene Bulgare Sewerin K. sei am Dienstagabend gefasst worden, sagte Bulgariens Innenminister Mladen Marinow am Mittwoch. Der Zugriff erfolgte laut deutschen Behörden in Stade bei Hamburg. Bulgarische Ermittler gehen nicht von einem politischen Mord aus.

    "Wir verfügen über genug Beweise, die diese Person mit dem Ort des Verbrechens und dem Opfer in Verbindung bringen", sagte Marinow. So hätten die Ermittler DNA-Spuren K.s am Tatort gesichert. Marinowas Leiche war am Samstag in der nordbulgarischen Stadt Russe gefunden worden. Die 30-Jährige wurde vergewaltigt, sie starb durch Schläge auf den Kopf und Ersticken.

    Verdächtiger wurde bereits geuscht

    Nach Angaben des bulgarischen Generalstaatsanwalts Sotir Zazarow lebte der Verdächtige in Marinowas Nachbarschaft. K., der bereits wegen Mordes und Vergewaltigung in einem weiteren Fall gesucht wurde, habe sich am Sonntag über Rumänien nach Deutschland abgesetzt.

    Am Dienstagabend sei der Verdächtige dann nach Hinweisen bulgarischer Behörden in Stade aufgespürt und von Spezialkräften festgenommen worden, teilten die Generalstaatsanwaltschaft in Celle und das Landeskriminalamt in Hannover mit. Bulgarien hatte mit einem europäischen Haftbefehl um den Zugriff ersucht. "Von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Festnahme sind nur wenige Stunden vergangen", erklärte Niedersachsens LKA-Präsident Friedo de Vries.

    Auslieferung

    Die Generalstaatsanwaltschaft in Celle prüft nun die Voraussetzungen für die Auslieferung und betreibt das weitere Verfahren. Dazu gehört auch, dass sie beim zuständigen Oberlandesgericht einen Haftbefehl für den Verdächtigen beantragt.

    Die bulgarischen Behörden traten Spekulationen entgegen, dass es einen Zusammenhang zwischen Marinowas Ermordung und ihrer Arbeit als Journalistin gibt. "Zum derzeitigen Stand gehen wir nicht davon aus, dass der Mord in Verbindung mit der beruflichen Tätigkeit des Opfers steht", sagte Generalstaatsanwalt Zazarow. "Die Beweise, die wir derzeit haben, lassen auf einen spontanen Angriff schließen, um das Opfer sexuell zu missbrauchen", sagte Zazarow. "Aber wir untersuchen weiterhin alle Hypothesen."

    "Abscheuliche Dinge über Bulgarien"

    Regierungschef Boiko Borissow prangerte vor diesem Hintergrund die Reaktionen ausländischer Medien und Politiker nach dem Mord an. "Innerhalb von knapp drei Tagen habe ich abscheuliche Dinge über Bulgarien gelesen", sagte er. "Wir als Land haben es nicht verdient, derart durch den Schmutz gezogen zu werden, während alle nicht nur mit 100 Prozent, sondern mit 1.000 Prozent (an der Aufklärung) arbeiteten."

    Bulgarien steht im weltweiten Pressefreiheit-Ranking von Reporter ohne Grenzen derzeit auf Platz 111 und hat damit die schlechteste Bewertung aller EU-Staaten. In dem Land ist auch Gewalt gegen Frauen weit verbreitet.

    Aufklärung gefordert

    Die EU hatte zuvor eine rasche Aufklärung des Falls urgiert und die Bedeutung der Pressefreiheit betont. Kommissionschef Jean-Claude Juncker äußerte sich am Mittwoch erleichtert über die Festnahme. Diese demonstriere die Entschlossenheit der bulgarischen und europäischen Ermittler.

    Marinowa arbeitete für den privaten Lokalsender TVN, der am 30. September ihre Interviews mit zwei investigativen Journalisten ausstrahlte. Diese berichteten über ihre Recherchen zur mutmaßlichen Veruntreuung von EU-Geldern in Bulgarien durch Geschäftsleute und Politiker. Am Montag kündigte die EU-Kommission Ermittlungen der Behörde zur Betrugsbekämpfung (Olaf) wegen der Vorwürfe an. (APA, 10.10.2018)

    • Viktoria Marinowa wurde ermordet. Bulgarien vermutet ein Sexualdelikt und sieht keinen Zusammenhang mit ihrer Arbeit als Journalistin.
      foto: ap/dvorski

      Viktoria Marinowa wurde ermordet. Bulgarien vermutet ein Sexualdelikt und sieht keinen Zusammenhang mit ihrer Arbeit als Journalistin.

    Share if you care.