Kritik an neuem Schulgesetz: "Spätstarter kommen unter die Räder"

    9. Oktober 2018, 17:26
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    Bildungswissenschafter lesen der türkis-blauen Regierung die Leviten: Die Novelle zur Wiedereinführung von Noten und "Sitzenbleiben" in der Volksschule enthalte keine wissenschaftlich fundierte Begründung

    Wien/Graz – Manchmal entstehen Gesetze auf gar sonderliche Weise: Ein Anruf im Ministerium, einige E-Mails dorthin genügen, und schon wird eine Novelle auf den Weg geschickt.

    Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hat diesen "volksnahen" Zugang zu Gesetzesänderungen in einem TV-Interview ganz unbefangen bestätigt. Faßmann sagte sinngemäß, viele Eltern hätten im Ministerium angerufen und nach einer Wiedereinführung von "Ziffernnoten" in der Volksschule verlangt. "Es gab viele Wünsche nach Noten, viele E-Mails, in denen erzählt wurde, dass die Kinder unglücklich sind und keinen Smiley wollen, sondern sie wollen am Ende wissen, wo sie stehen." Ergo: Faßmann brachte eine Gesetzesnovelle in Begutachtung, in der unter anderem abermals Noten in der Volksschule bis zum Ende des 1. Semesters der 2. Schulstufe eingeführt und auch das "Sitzenbleiben", das Wiederholen einer Klasse, wieder en vogue werden sollen.

    Im Ministerialentwurf für das "Pädagogik Paket 2018" fällt auf, dass er keinerlei wissenschaftlich begründeten Ansatz enthält, der die Wiedereinführung von Noten und das Sitzenbleiben in der Volksschule aus pädagogischen Gründen untermauern würde. "Das hätte mich auch gewundert", sagt Bernhard Hemetsberger vom Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien. Es existiere seines Wissens keine einzige wissenschaftlich fundierte Studie, in der die Wiedereinführung von Noten in der Volksschule oder das Sitzenbleiben als sinnvolle pädagogische Maßnahme begründet werde. Hemetsberger beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte der Notengebung in Österreich und hat dazu entsprechende Publikationen vorgelegt.

    Noten sagen nichts aus

    Wenn die Regierung jetzt von "Bildungspolitik" spreche, sei das "einigermaßen übertrieben". Das Vorhaben sei eine sozialpolitische Maßnahme, keine pädagogische. "Die Notendebatte ist im Grunde bereits seit den 1980er/1990er-Jahren wissenschaftlich abgeschlossen", sagt Hemetsberger im Gespräch mit dem Standard. Der seit Jahren allgemein anerkannte wissenschaftliche Standard: Noten sind keine treffgenauen Leistungsbestimmungen, sondern nur Augenblicksbewertungen, die nichts über weitere Entwicklungen aussagen. "Es macht keinen Sinn, an einem Punkt zu messen. Wir müssen die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten der Kinder berücksichtigen. Sitzenbleiben wiederum kann schulische Entwicklungen zunichtemachen und richtet mehr Schäden an", sagt Hemetsberger."

    Susanne Moosbrugger, die seit vielen Jahren an steirischen Volksschulen unterrichtet, möchte das alles "als Praktikerin doppelt unterstreichen": "In den ersten Klassen beobachten wir oft bis zu drei Jahre Entwicklungsunterschiede bei den Kindern. Hier mit Noten und Sitzenbleiben zu intervenieren, ist fatal."

    "Randgruppen werden ausgegrenzt"

    Faßmann argumentiert, auch die Kinder würden Noten einfordern. "Mitnichten", wendet Wissenschaftler Hemetsberger ein. "Wenn sich Minister Faßmann auf Schüler bezieht, die ihre Leistungen in Form von Noten mitgeteilt bekommen wollen, ist das eher ein Erwachsenendiskurs, der auf die Kinder übertragen wird. Ein intrinsischer Wunsch der Kinder nach Noten ist höchst unwahrscheinlich." Das sei eher "eine Erfindung", um diese gesellschaftspolitisch motivierte Reform im Schulwesen durchzusetzen. Es gehe bei diesem "Pädagogik Paket" für ihn darum, Trennlinien zu ziehen, Differenzierungen zu schaffen, "um Menschen ausschließen zu können".

    Migrantenkinder und andere Randgruppen könnten mit dem Notensystem besser ausgegrenzt werden. "Mit Noten ist leicht zu argumentieren, dass sie Extraschulungen, Sonderbehandlungen benötigen. Dies ist sogar im vorliegenden Ministerialentwurf nachzulesen: Mit der Ziffernbeurteilung sei ein "etwaiger Förderbedarf klarer ableitbar".

    "Wütend und verzweifelt"

    Der neue "Notenparagraf" macht die erfahrene Volksschulpädagogin Moosbrugger "wütend und verzweifelt". "Das widerspricht allem, was wir seit Jahrzehnten machen. Alle wissenschaftlichen Befunde sagen uns, dass Noten nichts aussagen, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln und wir darauf Rücksicht nehmen müssen. Kinder spüren sehr wohl, wo sie stehen, auch ohne Noten. Schlimm wird das für die Spätstarter, die kommen jetzt unter die Räder."

    Sie halte es "für ein Armutszeugnis des Ministers, dass er ohne wissenschaftliche Begründung eine Entscheidung von solcher Tragweite trifft, eine Entscheidung, die uns in die 50er-, 60er-Jahre zurückwirft" , sagt Moosbrugger.

    "Notwehrreaktion"

    Und natürlich wisse man jetzt schon, wer die schlechten Noten bekommen werde, geht Moosbrugger mit Hemetsberger d'accord: "die Randgruppen". Es werde wohl so etwas wie eine Notwehrreaktion der Lehrer geben. Vielleicht, schmunzelt Moosbrugger, haben halt die Kinder in Zukunft lauter Einser. (Walter Müller, 9.10.2018)

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