Bildung ist kein Leistungssport

    Kommentar der anderen9. Oktober 2018, 16:24
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    Wer das Lernen über Noten zum Wettkampf macht, produziert Verlierer. Die Grundschule aber muss Leistungsfreude fördern

    Die Schule, insbesondere die Grundschule, ist eine gesellschaftliche Basisinstitution, in der neben Familie und Kindergarten der Grundstein für erfolgreiches Lernen und Weiterlernen gelegt wird. In der Grundschule geht es um die Grundlegung der Bildung, um ein festes Fundament, das mitentscheidend dafür ist, ob wir später im Privatleben, im Beruf und in der Gesellschaft eher unsichere und inaktive oder sich selbst etwas zutrauende und zupackende Menschen werden. Grundlegung heißt also Grundeinstellungen zu sich selbst und zur Welt gewinnen, aber natürlich auch Grundkenntnisse.

    Leistungsfreude aufbauen

    Verstehen wir Lernen als einen aktiven, selbstgesteuerten Prozess, der auf vorhandenen Erfahrungen aufbaut, sich individuell und in sozialen Bezügen vollzieht, muss Unterricht so gestaltet werden, dass die Lernenden ihr Wissen über die Welt durch eigenes Handeln aktiv konstruieren können. Auf diesem Weg benötigen Kinder und Jugendliche regelmäßig die Erfahrung des Könnens und wertschätzende, lernförderliche Rückmeldungen durch die Lehrer. In der Montessori-Pädagogik werden Schüler grundsätzlich unter dem Prinzip der Individualisierung und Differenzierung begleitet. Der im Zielparagrafen (§ 2 SCHOG) aller Lehrpläne formulierte Anspruch einer Erziehung zum "selbsttätigen Bildungserwerb" wird konsequent umgesetzt.

    Eine zentrale Aufgabe der Grundschule besteht darin, die Entwicklung der Leistungsfreude und Leistungsfähigkeit aller Schüler zu unterstützen. In der Montessori-Pädagogik besteht der unbedingte Anspruch, die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder zu berücksichtigen, für das einzelne Kind erreichbare Ziele anzustreben, zur Anstrengung zu ermutigen und Möglichkeiten eigenständigen Lernens in der Gemeinschaft mit anderen zu organisieren. Da Leisten-Wollen auf der Erfahrung des Leisten-Könnens aufbaut, müssen Schüler regelmäßig die Erfahrung machen: Ich kann etwas, und ich kann es gut. So erleben Kinder Lernen und Leisten von Anfang an als wertvolle Bereicherung, als tiefe Befriedigung, die das Selbstvertrauen hebt und das Vertrauen in sich und die eigenen Fähigkeiten stärkt. Lerntagebücher oder Portfolios, aber auch regelmäßige Lerngespräche sind hier hilfreiche Unterstützungsmittel.

    Sackgasse Notensystem

    Die so wertvolle Bereicherung des eigenen Wissens und Könnens darf nicht durch Noten ersetzt werden. Noten führen leicht zur Entkoppelung von der Sache, da sie keinen Sachbezug ausweisen. Lernen um der Note willen verdrängt das Lernen aus Sachinteresse. Noten widersprechen einem pädagogischen Leistungsverständnis, da sie keine Entwicklungsperspektive beinhalten, nicht objektiv sind, kaum Auskunft über die tatsächliche Leistung geben und Kinder schnell in die Guten und die Schlechten eingeteilt werden. Die langjährigen Erfahrungen von unzähligen Lehrern, die Formen der alternativen Leistungsbeurteilung einsetzen, zeigen, dass eine sekundäre Motivation nicht erforderlich ist, um die Anstrengungsbereitschaft von Schulkindern aufrechtzuerhalten. Das Notensystem ist eine Sackgasse im Schulsystem. Auch Leistungsstudien wie Pisa zeigen keine Vorteile für Schulsysteme, die früh benoten.

    In Klassen mit alternativen Leistungsbeurteilungsformen können positive Effekte auf das Lernklima in der Klasse sowie auf die Einstellungen, die Selbstwahrnehmung, die Motivation und das Leistungsverhalten der Schüler festgestellt werden. Hier steht die Entwicklungsfunktion der Leistungsrückmeldung beziehungsweise -bewertung im Mittelpunkt. Es findet der zurückgelegte Lernweg, gemessen am individuellen Leistungsvermögen und bezogen auf die individuell erreichbare fachliche und personale Entwicklung, eine angemessene Berücksichtigung. Das noch nicht Erreichte wird so zurückgemeldet, dass das Kind dies als konstruktive Hilfe wahrnehmen und annehmen kann.

    Die Entwicklungsfunktion zielt auf die bestmögliche Bildungsentwicklung aller Schüler, was bedeutet, dass mit dem einzelnen Kind erreichbare Ziele angestrebt werden und das Kind zur Anstrengung ermutigt wird. Stets gilt es, Möglichkeiten eigenständigen Lernens zu stärken, personale und sachbezogene Kompetenzen zu fördern, individuelle Fortschritte zu würdigen und für die Kinder sichtbar zu machen.

    Die Grundschule muss sich also mit aller Entschiedenheit von dem in unserer Gesellschaft immer noch verbreiteten Trugschluss frei machen, dass Bildung unter Wettkampfbedingungen besonders gut gelinge. Bildung ist kein Leistungssport, proklamiert etwa der deutsche Grundschulverband seit Jahrzehnten.

    Pädagogische Leistungskultur

    Wer das Lernen über Noten zum Wettkampf macht, produziert notwendigerweise Verlierer – und diese stehen von Anfang an fest. Nun soll mit dem Pädagogikpaket ab der zweiten Schulstufe wieder durchgehend das Notenzeugnis eingeführt und durch eine Beschreibung ergänzt werden. Tatsache ist: Die Note hebelt die Beschreibung aus, zwei unvereinbare Systeme treffen aufeinander.

    Die alternative Leistungsbeurteilung als Schulversuch nach vierzig Jahren zu beenden macht Sinn, nun müsste sie, wie die meisten Forscher zu diesem Thema seit Jahren fordern, als durchgängige Form übernommen werden! Entwicklungsberichte in Form von Pensenbüchern, Lernfortschrittsdokumentationen in Kombination mit Kind-Lehrer-Eltern-Gesprächen haben sich bewährt, sie sind Ausdruck einer pädagogischen Leistungskultur und helfen, das Denken in konkurrierenden Notenstufen zu überwinden, sie sind stärkenorientiert, ohne Defizite auszublenden. (Franz Hammerer, 9.10.2018)

    Franz Hammerer ist Erziehungswissenschafter und Mitglied im Vorstand von Montessori Österreich.

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