Die menschliche US-Chiffriermaschine im Zweiten Weltkrieg

    Video10. Oktober 2018, 13:12
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    Der 92-jährige Thomas Begay ist einer der letzten noch lebenden Navajo-Indianer, die einen Geheimcode entwickelten, den keiner knacken konnte

    Es war nicht ganz einfach, ein Interview mit Thomas H. Begay zu führen. Nicht, dass man ihm jedes Wort aus der Nase ziehen musste. Im Gegenteil, der Mann hatte viel zu erzählen. Aber während wir redeten auf der Plaza von Santa Fé, der Hauptstadt New Mexicos, verging keine Minute, in der Thomas H. Begay nicht irgendeine Hand schütteln sollte. Ständig kam jemand, der ihm danken wollte für seinen Dienst beim Militär. "Thank you for your service, Sir!"

    Nun stehen Menschen in Uniform in den Vereinigten Staaten generell ziemlich hoch im Kurs, egal, wie unpopulär die jüngsten Kapitel amerikanischer Militärmacht auch gewesen sein mögen, der Krieg im Irak oder der in Afghanistan. Und Begay trug nicht nur ein Uniformhemd, eines in kräftigem Gelb, er trug auch eine silberne Tapferkeitsmedaille, eingefasst von türkisblauen Steinen. Dazu eine feuerwehrrote Mütze, auf der in Goldlettern stand, dass er Iwo Jima überlebt hatte.

    "The Greatest Generation"

    Mit dem Einsatz im Zweiten Weltkrieg gehört er zu einer Generation, der sie zwischen Miami und Seattle allenthalben Bewunderung entgegenbringen. "The Greatest Generation": Der Begriff sagt ja schon alles. Hinzu kommt, dass Begay, 92, einer der letzten noch lebenden Codetalker ist. Einer der letzten von rund 400 Navajo-Indianern, die sich in einem auf ihrer Sprache aufbauenden Geheimcode verständigten, den niemand je knacken konnte.

    u.s. dept. of veterans affairs
    Video des US-Kriegsveteranenministeriums über Thomas Begay.

    1941, nachdem Japan den Flottenstützpunkt Pearl Harbor angegriffen und die USA dem Kaiserreich den Krieg erklärt hatten, stand die amerikanische Generalität vor einem Problem. In kürzester Zeit dechiffrierten die Japaner sämtliche verschlüsselten Botschaften. Dann kam ein Missionarssohn namens Philip Johnston – er lebte lange in einem Indianerreservat – auf die Idee, sich des Vokabulars der Navajo zu bedienen. Begay, der damit aufgewachsen war und erst in der Schule Englisch lernte, wo er dann übrigens nur noch Englisch sprechen durfte, war einer der Funker, ohne die Johnstons Einfall graue Theorie geblieben wäre.

    Ein Geheimnis bis 1968

    Begonnen hatte es im Frühjahr 1942 mit 29 Navajo-Indianern – heutzutage werden Indianer in den USA als Native Americans bezeichnet -, die man im kalifornischen San Diego an dem geheimen Projekt arbeiten ließ. Ein Kriegsschiff nannten sie lo-tso (Wal), ein U-Boot besh-lo (Eisenschiff), besh-be-cha-he stand für Deutschland, ni-ma-si (Kartoffel) für Handgranate. Erst 1968, dies nur als Fußnote, wurde der Schleier des Geheimnisses gelüftet, bis dahin hatten sie zu schweigen.

    Von alledem erzählt Thomas Begay, kerzengerade, das Kreuz durchgedrückt, ohne sich auch nur einmal zu setzen. Aufgewachsen in Two Wells, einem Weiler in der trockenen Hochebene New Mexicos, unterschrieb er 1942 bei der Marineinfanterie. Genauer: Da er erst 16 war, musste seine Mutter ihren Daumenabdruck auf das Papier setzen. Aus dem Krieg zurückgekehrt, durfte er nach wie vor nicht wählen, denn erst 1948 gestand New Mexico Ureinwohnern das volle Wahlrecht zu.

    Dazwischen lag eine Schlacht, der in Amerika markante Denkmäler gewidmet wurden, die Schlacht um Iwo Jima. Johnny Cash hat den daran beteiligten Indianern eine bittere Ballade gewidmet: Sie handelt von Ira Hayes, einem Stammesangehörigen der Pima, der auf einem Berggipfel der Pazifikinsel das Sternenbanner hisste, um in seiner Heimat in Elend und Alkohol zu versinken. Und auch wenn Thomas Begay von Iwo Jima erzählt, fehlt jedes Heldenpathos.

    "Ich hatte Angst. Wahnsinnige Angst. Mein Körper war klamm, ich fühlte nichts. Eigentlich bist du ganz allein mit dir, während jemand versucht, dich zu töten." Nach der Landung am 19. Februar 1945 habe sein Trupp binnen 48 Stunden mehr als 800 Nachrichten abgesetzt, "und keine einzige war falsch". Wurde Begay ein Zettel mit einem Funkspruch auf Englisch gereicht, übersetzte er ihn in seine Sprache. Der Navajo, der die Botschaft empfing, übertrug sie zurück ins Englische. "Wir waren menschliche Chiffriermaschinen, nur dass es bei uns viel schneller ging als an einer Maschine."

    Anfangs, erinnert sich Begay, habe die Armee gründlich nachgeforscht, ob es in Japan oder Deutschland Anthropologen gab, die sein Volk studiert hatten und dessen Sprache verstanden. Fehlanzeige. Damit kamen die Navajos überhaupt erst ins Spiel. Als Begay Ende der 1960er erstmals Farbe bekennen durfte, begann er mit seinen Kameraden um öffentliche Anerkennung zu kämpfen.

    Begays letzter Kampf

    In einer Ledermappe hat der alte Mann seine Geschichte archiviert. Urkunden, Briefe, Zeitungsartikel. Und Fotos. Begay mit Al Gore, dem Vizepräsidenten, Begay bei einer Rede vor dem Kongress, der ihn 2001 mit einer Medaille ehrte, Begay neben Donald Trump. Dem gab er im Weißen Haus seine Visitenkarte, die Trump in die Kameras hielt wie eine Trophäe. Seit Jahren kämpft Thomas Begay für ein nationales Museum, das die unglaubliche Geschichte der Codetalker würdigt. Sein letztes Gefecht. (Frank Herrmann aus Santa Fé, 10.10.2018)

    • Dass Thomas Begay im Krieg wichtige Dienste für die USA geleistet hat, erkennt man an der kaum zu übersehenden Tapferkeitsmedaille.
      foto: frank herrmann

      Dass Thomas Begay im Krieg wichtige Dienste für die USA geleistet hat, erkennt man an der kaum zu übersehenden Tapferkeitsmedaille.

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