Nobelpreisträger Wieschaus: "Die DNA ist ein Kochbuch"

    Interview10. Oktober 2018, 07:00
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    Dinge einfach halten – das ist das Erfolgsrezept des Nobelpreisträgers Eric Wieschaus. Der Biologe von der Princeton University über Fliegen und Menschen, Gott und Gene

    Wie wird aus der Eizelle ein vollständiges Lebewesen – und welche Rolle spielen dabei die Gene? Diese Fragen konnte Eric Wieschaus durch Experimente mit der Taufliege Drosophila melanogaster beantworten. Dafür erhielt er gemeinsam mit Christiane Nüsslein-Vollhard und Edward Lewis im Jahr 1995 den Medizinnobelpreis. Vergangene Woche war der Pionier der Entwicklungsbiologie am IST Austria in Klosterneuburg zu Gast.

    STANDARD: Herr Wieschaus, letzte Woche erhielten die beiden Krebsforscher James Allison und Tasuku Honjo den Medizinnobelpreis. Was sagen Sie dazu?

    Eric Wieschaus: Das ist ein wundervolles Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung funktioniert: Die beiden haben in den 90ern das Verhalten von T-Zellen aufgeklärt. Dass diese Forschungen Jahrzehnte später zu Anwendungen in einem ganz anderen Feld, nämlich zur Immuntherapie gegen Krebs, führen würden, war nicht vorherzusehen.

    STANDARD: Wie war das eigentlich, als Sie 1995 von der Zuerkennung des Nobelpreises erfuhren?

    Wieschaus: Das Komitee kontaktiert die Nobelpreisträger üblicherweise erst 15 Minuten vor der offiziellen Verkündigung. Das heißt für Amerikaner wie mich: mitten in der Nacht. Das Telefon klingelte, meine Frau hob ab und sagte: "Da ist irgendein verrückter Schwede für dich." Der Mann am Telefon erklärte mir kurz, dass ich den Medizinnobelpreis erhalten hätte und zur Verleihung nach Stockholm kommen müsse. Dann legte er auf. Ein paar Minuten später rief Christiane Nüsslein-Vollhard an – sie hatte ebenfalls soeben den Nobelpreis bekommen – und sagte, das Nobelkomitee habe sie darum gebeten, mir nochmals alles zu erklären. Ich glaube, ich habe einen ziemlich verschlafenen Eindruck gemacht. Als ich meinen Eltern vom Nobelpreis erzählte, antworteten sie: "Wir haben das erwartet." Obwohl sie eigentlich gar nicht wussten, was ich im Labor mache.

    STANDARD: Hatten Sie es erwartet?

    Wieschaus: Absolut nicht. Unsere Experimente waren wichtig – aber es gab so viele wichtige Experimente: Die Biologie ist ein Dschungel, es hätte locker zehn bis 15 verdiente Nobelpreise in diesem Jahr geben können.

    STANDARD: Apropos Experiment – Sie haben einmal gesagt: "Ich weiß nicht, was ihr machen wollt. Aber eines kann ich euch sagen: Macht es mit Taufliegen."

    Wieschaus: Was ich meinte: Die Wissenschaft ist immer schwierig, deshalb sollten wir die Dinge im Labor so einfach wie möglich halten. Modellorganismen wie Drosophila haben einen großen Vorteil: Mit ihnen hat man gute Chancen, dass die Experimente auch zu Ergebnissen führen.

    STANDARD: Ist es nicht erstaunlich, dass Versuche an diesen kleinen Fliegen auch zu Einsichten über die Vorgänge im menschlichen Körper führen?

    Wieschaus: Als ich jung war, war mir noch nicht klar, wie weit die Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Arten reichen. Niemand wusste das zu dieser Zeit. Wie sich herausstellte, ist der molekulare Werkzeugkasten aller Tiere mehr oder weniger der gleiche. Das Hedgehog-Gen, das ich (mit Christiane Nüsslein-Vollhard) in Fliegen entdeckt habe, wurde später in vielen anderen Arten entdeckt, auch beim Menschen. Und es steuert dort die gleichen Prozesse, etwa die Erneuerung von Stammzellen. Das ist tatsächlich erstaunlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass eine Fliege ziemlich anders aussieht als ein Mensch. Auf der Ebene der Gene sind einander Mensch und Fliege dennoch sehr ähnlich.

    STANDARD: Vor 50 Jahren galt die DNA noch als eine Art Blaupause des Lebens. Davon ist man mittlerweile abgekommen. Was wäre aus Ihrer Sicht ein besseres Bild?

    Wieschaus: Die DNA ist eine Informationsressource. Angenommen, Sie möchten in der Küche ein Gericht zubereiten, dann nehmen Sie wahrscheinlich ein Kochbuch zur Hand und wählen eines der Rezepte aus. So ist das auch mit der DNA. Im Erbmaterial sind die Rezepte für 20.000 Proteine festgeschrieben, und die Zellen verwenden diese Information. Wie sie das tun, ist immer noch nicht ganz klar. Die DNA selbst ist jedenfalls nicht lebendig. Lebendig ist die ganze Zelle, die von den vielen Tausend genetischen Möglichkeiten Gebrauch macht. Übrigens sind ja auch Kochbücher nicht das Entscheidende in der Küche: Es kommt darauf an, was man mit der Information macht.

    STANDARD: Der Louisiana Science Education Act erlaubt es öffentlichen Schulen in den USA, auch Gegenthesen zur Evolution zu unterrichten, also etwa kreationistische Ideen. Sie haben als einer von über 70 Nobelpreisträgern eine Petition gegen dieses Gesetz unterschrieben: Ihr Kommentar dazu?

    Wieschaus: Wissenschaft geht davon aus, dass es für alles eine natürliche Erklärung gibt. Wenn bei einem meiner Experimente etwas schiefgeht, dann habe ich entweder einen Fehler gemacht oder irgendetwas nicht verstanden. Aber ich glaube nicht, dass eine übernatürliche Kraft dafür verantwortlich ist. Das mag für manche Menschen eine Option sein – und das sollte auch erlaubt sein, aus religiösen wie aus philosophischen Gründen. Was ich aber nicht will, ist, dass so ein Ansatz im wissenschaftlichen Unterricht an Schulen gelehrt wird. Wissenschaft soll Wissenschaft bleiben, das ist der Kern der Petition.

    STANDARD: Die USA verfügen über die weltbesten Forschungsinstitutionen, andererseits gibt es in der breiten Bevölkerung eine stark ausgeprägte Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Warum?

    Wieschaus: Das ist ein interessantes Problem, das sich vermutlich nicht auf die USA beschränkt. Aber Sie haben recht: Bei uns ist der Gegensatz stärker ausgeprägt. Ich glaube, dass das öffentliche Schulwesen in Europa einen viel höheren Stellenwert hat. Es ist schrecklich, das über mein Heimatland sagen zu müssen: Bei uns bekommen die Lehrer zu niedrige Gehälter, Schulen werden über die Steuern der Gemeinden finanziert. Das bedeutet, dass das Budget einer Schule fünfmal so hoch sein kann wie das einer anderen. Die USA gelten als Land der unbeschränkten Möglichkeiten, doch die Statistiken zeigen anderes: Die gesellschaftlichen Aufstiegschancen sind in Europa viel höher.

    STANDARD: Die Wissenschaftsskepsis der Amerikaner könnte natürlich auch etwas mit dem Stellenwert der Religion zu tun haben: Sie hätten als bekennender Atheist vermutlich kaum Chancen, Präsident der USA zu werden, oder?

    Wieschaus: Stimmt wohl (lacht) – was für ein schrecklicher Job! Was den Stellenwert der Religion betrifft: Ja, der Glaube ist in unserem Land noch immer sehr wichtig. Er gibt dem Leben der Menschen eine Bedeutung. Ich wurde auch religiös erzogen, aber es war einfach nichts für mich. Religion hilft mir bei den großen Fragen der Menschheit – nach Tod, Leid und Liebe – nicht weiter. Das ist schwer zu akzeptieren. Aber als Wissenschafter habe ich immerhin gelernt: Ich verstehe viele Dinge nicht. (Robert Czepel, 10.10.2018)


    Eric Wieschaus (71) ist ein US-amerikanischer Molekular- und Entwicklungsbiologe. Der Medizinnobelpreisträger promovierte in Yale und lehrt und forscht seit 1981 an der Princeton University.

    • "Als Wissenschafter habe ich immerhin gelernt: Ich verstehe viele Dinge nicht",  sagt Eric Wieschaus. Der bekennende Atheist setzt sich dagegen ein, dass kreationistische Ideen an US-Schulen unterrichtet werden dürfen.
      foto: heribert corn www.corn.at

      "Als Wissenschafter habe ich immerhin gelernt: Ich verstehe viele Dinge nicht", sagt Eric Wieschaus. Der bekennende Atheist setzt sich dagegen ein, dass kreationistische Ideen an US-Schulen unterrichtet werden dürfen.

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