Das Jahr 1968 in der Stahlstadt ob der Enns

    10. Oktober 2018, 14:00
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    In den Linzer Museen Lentos und Nordico wird die Frage "Wer war 1968?" so kenntnis- wie aufschlussreich beantwortet

    Der Niederschlag aus den Schornsteinen der verstaatlichten Stahlküchen trug Linz früh das Image physiognomischer Verlebtheit ein. Grau und staubig sei Oberösterreichs Hauptstadt. Derartige Vereinfachungen brachten sogar die Bewohner von Linz, sonst freundlich gelassen, auf die Palme. "In der Sahara staubt's auch", bemerkte dazu trocken der berühmte SPÖ-Bürgermeister Franz Hillinger.

    So nimmt es höchstens Zugereiste wunder, dass sich die Umwälzungen von 1968 gerade in Linz nachhaltig auswirkten. In den Museen Lentos und Nordico läuft die von Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer blitzgescheit kuratierte Ausstellung Wer war 1968?. Zu der Kooperation von Stadt- und Landesinstitutionen gesellt sich nunmehr auch die Stadtgalerie mit Beiträgen zur Architektur.

    Für den Linzer Urknall im Erwärmungsklima der Protestkultur sorgte ausgerechnet ein kommunales Anliegen. Studenten beschwerten sich lautstark über eine Fahrpreiserhöhung der Öffis. Die betraf sie umso nachdrücklicher, als in Linz seit 1966 an der universitären Peripherie auch Soziologie gelehrt wurde.

    Gegen die Repression

    Und so konstatiert auch Kurator Schöllhammer die – zunächst stillschweigende – Implementierung von Moderne-Stützpunkten im Unicolor-Stadtbild. Österreichs größte Industriestadt war durch das Fortleben ständischer Kreise bürgerlich-repressiv. Andererseits machten sich diverse Einzelkämpfer, bald auch Künstlergruppen (wie Haus-Rucker-Co) um die Entwicklung einer autochthonen Szene verdient.

    Es empfiehlt sich aus kognitiven Gründen, den Linzer Ausstellungsrundgang im Nordico zu beginnen. "Geschichte ist möglich" (Harun Farocki) hallt als Merksatz durch die Räume. Mit Schlagworten wie "Öffnet die Heime!" wurde massive Kritik an der schwarzpädagogischen Erziehungswirklichkeit geübt. Frauenrechtlerinnen wie Renate Janota gaben Zeitschriften heraus. Darin agitierten sie voller Verve für ein Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper, notfalls auch vor dem Kadi.

    Wie immer waren es Prozesse der Selbstermächtigung, die aus Linz einen ungewöhnlich fruchtbaren Boden für progressive Tendenzen machten. Die Linzer Kommunisten hatten "realistische" Autoren wie Franz Kain in ihren strammen Reihen. Umgekehrt wurde im Kreis um Heimrad Bäcker (1925-2003) die experimentelle Literatur eigensinnig weiterentwickelt.

    Formenvielfalt der Sprache

    Bäcker arbeitete sich beispielhaft an einer Jugendtorheit ab. Als blutjunger Mann hatte er Texte der Hitler-Verehrung verfasst. Anders als die Fusseneggers dieses Landes stülpte Bäcker daraufhin sein Denken um. Er bemächtigte sich der Mittel der konkreten Poesie, um fortan die Formenvielfalt der Sprachzeichen unter die Lupe zu nehmen. Mit großem Ernst machte sich der Dichter-Verleger an die Archivierung von Zeugnissen des NS-Terrors. Ein ganzer Raum im Lentos ist der Gegenständlichkeit der Schürfarbeit in Mauthausen und Gusen gewidmet. Metallstücke bilden zusammen mit Schwellenholz Zeichen für eine Grammatik des Grauens.

    Bäcker-Freunde wie Josef Bauer und Fritz Lichtenauer hielten Buchstaben aus Metall und Karton in die stark stickstoffhaltige Linzer Luft. Es waren oberösterreichische Künstler, die Anschluss an die Exponenten des Prager Frühlings suchten und kurzzeitig fanden. Aus der nüchternen Beharrlichkeit ihres Heimatbewusstseins bezogen die Linzer Modernen enorme Energien. (Ronald Pohl, 10.10.2018)

    • Noch nicht Lennon, sondern Linz im Blick: Yoko Onos "Eye Blink" (1966)
      foto: mumok/ roth

      Noch nicht Lennon, sondern Linz im Blick: Yoko Onos "Eye Blink" (1966)

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