EBU-Direktor: "Die Leute werden uns vermissen, wenn es uns nicht mehr gibt"

    9. Oktober 2018, 15:49
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    Noel Curran, Generaldirektor der European Broadcasting Union, will Geld aus dem EU-Innovationsfonds

    Wien – Wie kann man europäische Inhalte am besten zu den Usern bringen? Das ist der Schwerpunkt des zweiten Tages der EU-Medienkonferenz in Wien. Vor allem ging es darum, IT-Giganten aus den USA zurückzudrängen. Denn dass sich die Europäer immer mehr Netflix und Youtube zuwenden, liege vor allem an der technischen Überlegenheit der Silicon-Valley-Konzerne, war man sich großteils einig.

    Europa sei stark im Content, sagte Guillaume de Posch, früherer CEO der RTL-Group und Präsident des Europäischen Privatsenderverbands ACT. Netflix habe sich am Markt als "Low Pay-TV" positioniert – nicht gratis, aber viel billiger als Pay-TV-Sender wie HBO oder Sky. Wolle man Netflix Konkurrenz machen, müsse man Netflix in dieser Marktlücke einengen, Free-TV-Sender also kostenpflichtige Angebote anbieten und Pay-TV günstiger werden.

    Einfallende Schattenboxer

    Ein größeres Problem als mit Netflix habe er mit Facebook und Google, die de Posch wörtlich als "Schattenboxer", die in Europa "einfallen", bezeichnete. Der Wettbewerb finde derzeit auf einer schiefen Ebene statt.

    "Wir brauchen einen Wake-up-Call", sagte Noel Curran, Generaldirektor der European Broadcasting Union (EBU), in der öffentlich-rechtliche Sender vereint sind. Man müsse sich der Bedrohung durch die Technologiekonzerne erst bewusst werden, in der Branche habe es noch nie so eine Konzentration von Umsätzen gegeben.

    Innovationsförderung für Medien

    Netflix investiere zwar viel in Produktionen, auch in Europa, räumte Curran ein. Das Streamingunternehmen konzentriere sich dabei aber auf gewinnbringende Formate, heißt: Dramaserien. Öffentich-rechtliche Rundfunkanstalten würden hingegen nur einen sehr kleinen Anteil in Unterhaltung stecken, dafür in investigativen Journalismus, Nachrichten oder Kultur, was wenig profitabel ist. "Was immer man über uns sagt, die Leute werden uns vermissen, wenn es uns nicht mehr gibt", sagte Curran. Als "Fehler" bezeichnet er den Umstand, dass kein Teil des 87 Milliarden schweren EU-Innovationsprogramms Horizon 2020 für Medien vorgesehen ist. Er will einen eigenen Medieninnovationsfonds.

    Den freiwilligen Verhaltenskodex für Internetplattformen, den Curran als Mitglied der High Level Expert Group on Disinformation mitausgearbeitet hat, bezeichnet er als "große Enttäuschung". Selbstregulierung funktioniere zwar in manchen Bereichen, in manchen Ländern – aber nicht bei den Plattformen.

    Eine gewisse Art Regulierung

    Stattdessen will er eine "Art Regulierung" für Facebook und Co, die für mehr Transparenz in Bezug auf Algorithmen und Datenverwendung sorgen soll. Ähnlich vage bleibt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz in einem gemeinsamen Hintergrundgespräch. Er ist für "eine gewisse Regulierung" auf europäischer Ebene. Der Kritik von Condé-Nast-Chef Wolfgang Blau, dass die EU eine medienpolitisch defensive Haltung einnehme und damit Innovation verhindere, schließt sich Wrabetz teilweise an. "Defensive Regulierung wird nicht alles leisten können", sagte er.

    Im öffentlich-rechtlichen Bereich soll es hingegen zu einer "Entfesselung" kommen. "Wir werden nur mit den Plattformen konkurrieren können, wenn wir für jede Innovation nicht drei Jahre mit den verschiedensten Behörden diskutieren müssen", sagte Wrabetz. Auch Currans Idee eines Medieninnovationsfonds kann Wrabertz etwas abgewinnen. Mit Re- beziehungsweise Deregulierung und Fonds sei es aber nicht getan. Der ORF müsse sich selbst Richtung Plattformunternehmen bewegen. Viel stärker müsse man auf Streaming, Cloud, IPTV und Blockchain setzen, um beim nächsten Technologiesprung dabei zu sein.

    Die einstigen Erzfeinde Öffentlich-Rechtliche und Private zeigen sich angesichts der schier übermächtigen Feindbilder auch auf europäischer Ebene befriedet. "Kooperation" ist das Gebot der Stunde. Ideen für ein "Europa-Youtube" kommentierte de Posch aber wenig euphorisch: Der "paneuropäische Zugang" sei nicht immer praktikabel. Curran nannte die Vision einer gemeinsamen Plattform "ambitioniert", zeigte sich aber abwartend, wie sie zu realisieren sei. (red, APA, 9.10.2018)

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    • EBU-Chef Joel Curran und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.
      foto: orf/thomas jantzen

      EBU-Chef Joel Curran und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.

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