Resilienz und Empathie: Was wir in Zukunft können müssen

    5. Dezember 2018, 09:35
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    Je rasanter der Wandel, desto mehr Kompetenzen sollen Führungskräfte haben. Soft Skills werden künftig wichtiger als das fachliche Know-how

    Eine Glaskugel wäre von Vorteil. Darin sollte sich klar zeigen, was in fünf, zehn Jahren die besten Chancen auf dem – wie auch immer dann aussehenden – Erwerbsarbeitsmarkt hat. Aus den Buzzwords, die herumfliegen, wird man ja wenig schlau. Zu viel scheint zu massiv im Umbruch, in Digitalisierung, in Automatisierung. Je nach Szenario kann man sich ja aus einem breiten Portfolio aussuchen, ob es den Wunschberuf dann überhaupt noch gibt oder wie er inhaltlich aussehen könnte.

    Verlass ist nicht wirklich auf konkrete sogenannte Hard Skills, also das fachliche Können – abgesehen vom breiten Feld der technischen Kompetenzen. Auch wenn Firmen noch Callcenter mit leiblichen Agents in Niedrigsteuerländern einrichten, auch wenn die Klage über den Facharbeitermangel so laut wie kaum je zuvor ist: Wieso sollte bei immer clevereren Chatbots und rasant zunehmender Roboterisierung das alles noch stimmen, um künftig auch solcherart Geld zu verdienen?

    Diese berechtigten Zweifel können auch die Zukunftsexegeten und Arbeitsmarktspezialisten nicht ausräumen. Das mag ein Grund dafür sein, dass die sogenannten Soft Skills "in den Fokus" (wie es rundum heißt) rücken. Alibaba-Gründer Jack Ma hat das radikal formuliert: Wir müssen künftig können, was Maschinen nicht können. Empathie, verbindende und fühlend verstehende Kommunikation, Kunst, Kreativität. Sonst haben wir keine Chance, sagt er. Eigentlich geht es um Menschlichkeit, wenn die Chance lautet, dass Maschinen uns das abnehmen, was uns am Miteinander hindert. Das klingt eigentlich sehr schön. Esoteriker würden es sogar "Aufstieg" nennen wollen. Zumindest einer, der von der schmutzigen, harten, immer gleichen elenden Erwerbsarbeit erlöst.

    Schrittweiser Wandel als Konstante

    Ob das so schnell geht? Immerhin ist in diesem Zusammenhang "Disruption" ein beliebtes Schlagwort. Glaublich eher die Szenarien, nach denen wir in zehn Jahren noch nicht dort halten, bedingungsloses Grundeinkommen und Gleichverteilung noch nicht verwirklicht sind, die Arbeit der Transformation vom Klimawandel bis zur Produktion noch nicht abgeschlossen ist. Sondern schrittweiser Wandel die Konstante der kommenden Jahre ist.

    Für die Arbeitswelt, die Beschäftigungsfähigkeit verschafft das dem Imperativ des lebenslangen Lernens den großen Auftritt: offen sein für Neues, das auch lernen, sich in ganz neuen Umwelten und Umfeldern bewegen und auskennen können, das zu einem Berufsinhalt formen, die eigene Profession damit bereichern und weiterentwickeln. Ausdauer, Neugier und auch Unabhängigkeit, innere Flexibilität gehören da in den Rucksack. Ein hoher, sehr hoher Anspruch an Individuen – vor allem an solche, denen jahrzehntelang gelehrt wurde, zu gehorchen, auszuführen und stillzusitzen. Es gibt die allwissenden Lehrer, die in schnellen Kursen alles frontal hineinstopfen, nicht – und dieses neue Lernen kann so auch nicht funktionieren. Abgesehen davon, dass die Kosten dafür nicht mit Seminarbudgets zu befriedigen sind. Eigenverantwortung wird neben nötiger ordnungspolitischer Umstellung aller Bildungssysteme notwendig. Der Ruf danach tönt ja schon lange.

    Biegen statt Brechen

    Das bringt das zweite große Schlagwort ins Spiel: Resilienz. Je weniger Berechenbarkeit, je weniger Verlässlichkeit, je kürzer die Halbwertszeit des konkret Gelernten, desto höher muss die permanente Anpassungsleistung sein. Immer biegen, statt zu brechen. Wenn Sicherheit zunehmend nur noch in einem selbst liegt, unternehmerische Organisationsformen zunehmend auf agilen Modus umstellen, die Grenzen zwischen Firmen und ihren Umwelten in Innovation und Produktion zunehmend fallen, dann fällt auch sicheres Terrain. Sich auf den Track-Record der Vergangenheit zu berufen wird zunehmend nutzlos. Wer braucht morgen noch, was ich gestern toll gemacht habe?

    Außerdem kommen immer mehr andere in mein Spiel. Mehr Menschen, mehr Kompetenzen, Roboterfreunde und Fremde, die ich noch nie gesehen habe. Womit sich die Frage der Zusammenarbeit neu stellt. Hier kommt die Zukunftskompetenz Empathie ins Spiel. In ihrem Gefolge sind Teamfähigkeit und eine neue, umfassende Kommunikationsfähigkeit gefragt.

    Und wie soll das alles gehen, wenn die Komplexität weiter steigt? Kreativität ist also die nächste Schlüsselkompetenz, um die es gehen wird. Weniger in künstlerischer Hinsicht, mehr in dem, was jetzt als "Out of the box"-Denken daherkommt. Wem also kreativ einfällt, wie noch nie Dagewesenes in einen Lösungskontext zu bringen ist, hat gewonnen. Wer andere ins Boot holen kann, vermittelt Verhandlungsführung, Überzeugungskraft, Mitarbeiterführung – der ist überhaupt gut gerüstet. Bestens dann, wenn sich Entscheidungsfähigkeit dazugesellt hat.

    Idealbilder für 2030

    Solche Listen der Zukunftskompetenzen sind alle ähnlich. Das Weltwirtschaftsforum reiht "Lösen komplexer Probleme" auf Platz eins vor "kritisches Denken", vor "Kreativität". Von Linkedin befragte Vorstände ranken "funktionsübergreifende Kompetenzen" vor "Verhandlungsführung" und "Mitarbeiterführung". So sind die perfekten Mitarbeiter für 2030 mit Zeug zum Führen also schon geboren.

    Bei den Hard Skills liegt die Sache ähnlich: Datenanalyse und Interpretation führen gemeinsam mit Wissensmanagement die verschiedenen Listen der Zukunftskompetenzen. Allgemeine Digitalkompetenz, Unternehmensführung und natürlich eine Literacy in allen medialen Techniken halten auch ganz oben.

    Da werden sich viele fragen, wie relevant das für sie ist. Etwa im Handwerk. Oder in Berufen mit besonders spezifischer Fachexpertise – beispielsweise im Mergers-&-Acquisitions-Geschäft der Anwälte. Bedingt relevant, aber nicht wurscht, lautet die gemeinsame Antwort der Zukunftsexegeten. Es werde keine Tätigkeit unberührt bleiben von Digitalisierung, Automatisierung und künstlicher Intelligenz.

    Schon heute könne ja kein Kfz-Mechaniker der alten Schule nach Aufklappen der Motorhaube einen Tesla schnell reparieren, lautet ein Beispiel. Dazu braucht er andere Kenntnisse, muss mit anderen Werkzeugen rangehen. Und der (richtig gut bezahlte) M&A-Spezialist in der Sozietät wird dann weiter ein Star sein, wenn er seine elektronischen Rechtsassistenten (die schon im Einsatz sind) mit den geeigneten Programmen ausstattet, die ihm in Minuten liefern, was er wissen muss, um auf einer höheren Ebene agieren zu können.

    Mehr Kundenkontakt

    Dort wiederum haben die Soft Skills ihren Auftritt. Denn, so ebenfalls der gleichlautende Tenor der Prognosen: Kundenkontakt wird mehr. Das laufende Beispiel Handel scheint das zu bestätigen: Automatisierung bei gleichzeitigem Beschäftigungszuwachs und deutlicher Verlagerung in die Beratung.

    Bei allen Fragen nach der Richtung des beruflichen Weges bleibt interessanterweise die alte Regel gültig: Was will ich machen, was interessiert mich, was kann ich gut, und was kann ich mir vorstellen, täglich zu tun? Wie das dann im Jobprofil genau heißt, wer alles mitmacht und welche Arbeit Menschen, welche Maschinen machen, lässt sich so genau nicht sagen. Das kann künftig aber auch nicht die einzige Grundlage der Lernentscheidung sein. (Karin Bauer, 5.10.2018)

    • Je mehr Maschinen ins Spiel kommen, desto wichtiger werden Soft Skills.
      foto: getty images

      Je mehr Maschinen ins Spiel kommen, desto wichtiger werden Soft Skills.

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