Digitalisierung benötigt fächerübergreifende Studien

    20. Dezember 2018, 07:21
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    Im digitalen Zeitalter werden die Schnittstellen wichtiger, die Grenzen der Disziplinen öffnen sich. Das zeigt sich auch in den Studienprogrammen

    Ohne Medizin ist ohne Technik kaum mehr vorstellbar. Im Pflegebereich kann smarte Unterstützung ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Marketing und PR kommen ohne Big Data nicht weit. In der Produktion werden immer mehr Arbeitsabläufe automatisiert. Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen auch an den Hochschulen immer mehr. In den verschiedenen Studienprogrammen finden sich immer öfter auch Inhalte aus anderen Studienrichtungen. Technisches Know-how wird jedenfalls in allen Jobs gefragt sein. So auch im Berufsfeld des Juristen. Fest steht, dass auch im Rechtsbereich viele hochstandardisierte Arbeiten durch Automatisierung wegfallen werden. Aber durch die Digitalisierung treten ständig neue Rechtsfragen auf.

    Die Arbeit werde spannender und auch menschlicher, sagt Nikolaus Forgó, Leiter des Instituts für Innovation und Digitalisierung des Rechts an der Uni Wien. Die Arbeit werde aber nicht weniger, sondern qualifizierter. "Das Lernen der Paragrafen wird auch in Zukunft Teil des Studiums sein", sagt er. Und: Die Herrschaft des Rechts dürfe trotz technischer Veränderungen jedenfalls nicht aus der Hand gegeben werden, denn dadurch würde das rechtsstaatliche Prinzip verlorengehen, ergänzt Forgó.

    Neue Jobs

    Erst seit zehn Jahren unter den Berufsbildern zu finden ist der Daten-Scientist. Er avancierte gleich zum "sexiest job" des 21. Jahrhunderts. Aus der Masse an Daten gilt es, sinnvolle Informationen zu gewinnen. Dafür braucht es Analysefähigkeiten, Fachexpertise und Programmierkenntnisse, besonders wichtig ist Kommunikationsstärke. Viele Universitäten und Fachhochschulen haben eigene Studienprogramme dazu entwickelt. Die Angebote werden laufend erweitert. Im Herbst starteten beispielsweise erstmals an der FH St. Pölten das Bachelorstudium "Data Science and Analytics" oder an der FH Kufstein der Masterstudiengang "Data Science & Intelligent Analytics".

    Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung spielt auch im Gesundheitsbereich eine große Rolle. Dementsprechend erweitern Hochschulen ihre Studienprogramme oder entwickeln neue Angebote, die sowohl technisches als auch medizinisches und gesundheitliches Know-how vermitteln. An der FH Joanneum in Graz gibt es zum Beispiel im Bereich der angewandten Informatik das Masterstudium eHealth, bei dem Studierende lernen, moderne Gesundheitsinformationssysteme zu entwickeln. An der FH Burgenland widmet sich das Masterstudium "Gesundheitsmanagement und Integrierte Versorgung" an der Schnittstelle von Gesundheitswissenschaften und Sozialwesen neben den neuen Aufgaben des Pflegepersonals durch Automatisierung auch dem Umgang mit Patienten.

    Neue Anforderungen

    Durch künstliche Intelligenz und Robotisierung sind auch im Bereich Technik und Naturwissenschaften neue Qualifikationen gefragt. Neue Studienplätze werden bevorzugt in diesen Bereichen ausgebaut. Die Wirtschaft schlägt dennoch Alarm. Laut Prognosen der Industriellenvereinigung (IV) brauchen die produzierenden Unternehmen in Österreich rund 60.000 Fachkräfte pro Jahr. Allein heuer würden 10.500 bis 11.000 fehlen. In den rund 3000 Industrieunternehmen sind aktuell an die 420.000 Mitarbeiter beschäftigt.

    Auch die Experten vom Wirtschaftsberatungsunternehmen EY erwarten eine Verschärfung des Fachkräftemangels in Österreich. "Der Arbeitsmarkt etwa für Akademiker und Facharbeiter ist vielerorts leergefegt. Das könnte für den Standort Österreich zu einem echten Problem und zu einer Innovations- und Wachstumsbremse werden", sagt Gunther Reimoser von EY Österreich. Probleme bei der Fachkräftesuche haben Unternehmen in ganz Österreich – unabhängig vom Bundesland. Allerdings zeige sich ein klares Ost-West-Gefälle: Während die Situation in den östlichen Bundesländern noch vergleichsweise gut sei, kämpfe der Westen Österreichs mit den größten Problemen. Zu den gefragtesten Mitarbeitern zählen Mechatronikabsolventen. Das Studium ist an der Schnittstelle von Mechanik/Maschinenbau, Elektronik/Elektrotechnik und Informatik/Informationstechnik angesiedelt. Zwar will nur ein Drittel der produzierenden Betriebe im laufenden Geschäftsjahr in Roboter oder Maschinen investieren, das Know-how darüber ist dennoch gefragt. In Österreich gibt es insgesamt 19 Studienprogramme für Mechatronik. Viele von ihnen wurden inhaltlich überarbeitet. An der FH Technikum Wien wurde beispielsweise der Schwerpunkt Robotik integriert, bei anderen kann dieser als Vertiefungsfach gewählt werden.

    Neue Angebote

    Schon jetzt ist der Anteil an Studienplätzen, die Studierende für die digitale Transformation rüsten sollen, hoch. Seit Herbst gibt es 450 zusätzliche Studienplätze an den FHs. Für den weiteren Ausbau fehlen derzeit noch konkrete Zahlen, aber die Richtung soll beibehalten werden. Die FH St. Pölten hat sich das Studienangebot, das für die Anforderung der Industrie 4.0 ausrüstet, näher angeschaut. Was den tertiären Sektor betrifft, zeige sich, dass sich FHs dem Thema Industrie 4.0 eher widmen. Das habe aber auch damit zu tun, dass FHs insgesamt anwendungsnäher angelegt sind und rascher auf die Anforderungen der Wirtschaft reagieren. Zudem können FH-Curricula schneller angepasst werden. Von den insgesamt 21 Fachhochschulen in Österreich bieten 15 Industrie-4.0-relevante Studiengänge an. Das größte Angebot gibt es an der FH Oberösterreich. Interdisziplinarität, Durchlässigkeit, fachbereichsübergreifende Wissensvermittlung und interkulturelle Kompetenz stehen neben dem Fachwissen für die Industrie 4.0 bei den Studienprogrammen ebenfalls in den Lehrplänen.

    Von den insgesamt 34 Universitäten in Österreich bieten zehn Industrie-4.0-relevante Studienprogramme an. Nicht zuletzt wegen der Technischen Universitäten in Wien und Graz werden in diesen Städten mit 53 Prozent mehr als die Hälfte der relevanten Studien angeboten. Bei den Universitäten sei der Spezifizierungsgrad geringer, heißt es vonseiten der Studienautoren, der Fokus liege auf einer möglichst umfassenden Ausbildung in den jeweiligen Grundlagen. (Gudrun Ostermann, 20.12.2018)

    • Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen auch an den Hochschulen immer mehr. In den verschiedenen Studienprogrammen finden sich immer öfter auch Inhalte aus anderen Studienrichtungen
      foto: getty images

      Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen auch an den Hochschulen immer mehr. In den verschiedenen Studienprogrammen finden sich immer öfter auch Inhalte aus anderen Studienrichtungen

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