Was Bildung nachhaltig vermitteln muss

    Gastkommentar3. Jänner 2019, 09:00
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    Paradoxien aushalten und nicht jeden Müll glauben, der einem aufgetischt wird – das sind Kompetenzen, die gelehrt werden sollten

    Welche Bildung braucht Nachhaltigkeit? Die Leitfrage dieses Textes ist doppeldeutig, und das passt wunderbar zum Thema. Sie kann bedeuten: Welche Bildung braucht es, damit nachhaltige Entwicklung gelingen kann? Man kann sie aber auch so lesen: Welche Art von Bildung verdient es, dauerhaft gefördert zu werden? Diese zweite Frage kann man mit der ersten beantworten: Diejenige Bildung braucht Dauerhaftigkeit und Unterstützung, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt. Bildung, die Nichtnachhaltigkeit fördert, sollte man nicht fördern.

    Wenn Ihnen das zu kompliziert und zu ungerade ist, sind wir mitten im Thema. Denn dieses Thema ist kompliziert – und, soweit ich das beurteilen kann, mit Initiativen unter der Überschrift "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BnE) nicht befriedigend zu bearbeiten. Im Gegenteil: "BnE" ist – ebenso wie die Nachhaltigkeit allgemein – nicht selten eine von der Gesellschaft weitgehend abgekoppelte Produktionsstätte für Bullshit-Bingo, bei der engagierte Selbstbespiegelung oft wichtiger ist als reale Wirksamkeit. Angesichts der Weltlage und der dramatischen nichtnachhaltigen Entwicklungen könnte man sagen: "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ist nett – ob dabei die Bildung herauskommt, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt, ist mindestens zweifelhaft.

    Auch pädagogische Anleitungen zum ökologischen Verhalten sind schön – vor allem, wenn sie auch noch gesundheitsfördernd sind. Dass man damit den großen Transformationsschritten näherkommt, die für eine nachhaltige Entwicklung notwendig sind, ist unwahrscheinlich. Es besteht eher die Gefahr der Überforderung und Frustration, wenn man schon Kindern und Jugendlichen einredet, dass ihre Pausenjause und ihr Freizeitverhalten der Weltrettung zu dienen haben.

    Was wirklich zählt

    Was dann? Digitalisierung! Nein, auch dieses Schlagwort bringt uns nicht wirklich weiter. Die Beiträge zu diesem Thema schwanken bekanntlich zwischen hysterischer Technikbegeisterung und nicht weniger hysterischer Technikfeindlichkeit. Das Thema ist – nicht zuletzt aufgrund der sträflichen Vernachlässigung seiner ökologischen Dimension – natürlich höchst nachhaltigkeitsrelevant. Dennoch sollte es nicht Schwerpunkt von Bildungsbemühungen sein, die auf Nachhaltigkeit abzielen.

    Nein, die bei weitem wichtigsten Bildungsthemen für eine Nachhaltigkeit sind Kritikfähigkeit und Ambiguitätstoleranz. Zugespitzt: Paradoxien aushalten und nicht jeden Müll zu glauben, der einem aufgetischt wird – das sind Kompetenzen, die Bildung auf allen Ebenen vermitteln muss, will sie zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Unsere Welt ist im Ausnahmezustand: Nachhaltigkeit kann nur entstehen, wenn Wirtschaft und Gesellschaft transformiert werden – hier geht es um Veränderung. Gleichzeitig können wir in Zukunft nur frei und nachhaltig leben, wenn die Errungenschaften der westlichen Lebensweise (z. B. Demokratie, Meinungsfreiheit, Pluralismus) gesichert werden – hier geht es um Verteidigung.

    Wahrheit und Fake erkennen

    Diese und andere Paradoxien der Gegenwart auszuhalten, Ambiguitätstoleranz auszubilden, Wahrheit und Fake auseinanderzuhalten, Kritik zu üben und auszuhalten – diese Kompetenzen sind hier und heute für eine wirklich nachhaltige Entwicklung wohl wesentlich wichtiger als noch so gut gemeinte Bestrebungen, Menschen zu umweltfreundlichen Konsumenten zu machen.

    Es ist gleichsam umgekehrt wie beim berühmten Brotaufstrich, der bekanntlich nur drin ist, wenn es draufsteht: "Nachhaltigkeit" ist sehr oft "drin", wenn von ihr gar nicht die Rede ist. Wissen über soziale, ökologische und wirtschaftliche Dinge sind auch 2018 wichtig – noch wichtiger ist es in unserer komplexen Gegenwart, auf Basis der skizzierten Kompetenzen Kritik zu üben und notfalls Widerstand zu leisten. Ich kann mir kaum einen wirksameren Beitrag zur Nachhaltigkeit vorstellen als eine Bildung, die diese Fähigkeiten vermittelt. (Fred Luks, 3.1.2019)

    Fred Luks ist Volkswirt, Manager, Publizist, Redner und Moderator. Im April ist sein jüngstes Buch "Ausnahmezustand" bei Metropolis erschienen. Sein Blog: www.fredluks.at

    • Wissen über soziale, ökologische und wirtschaftliche Dinge ist auch 2018 wichtig – noch wichtiger ist es in unserer komplexen Gegenwart, auf Basis der skizzierten Kompetenzen Kritik zu üben und notfalls Widerstand zu leisten, sagt Fred Luks.
      foto: nick albert

      Wissen über soziale, ökologische und wirtschaftliche Dinge ist auch 2018 wichtig – noch wichtiger ist es in unserer komplexen Gegenwart, auf Basis der skizzierten Kompetenzen Kritik zu üben und notfalls Widerstand zu leisten, sagt Fred Luks.

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