Entnahmeboxen: "Heute" klagt "Österreich" und umgekehrt

    9. Oktober 2018, 13:40
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    Der Vergleich zwischen der Mediengruppe Österreich und den Wiener Linien sorgt für rechtliche Nachspiele. Eva Dichand fordert eine Offenlegung des Deals

    Wien – Was einst das Derby Simmering gegen Kapfenberg war, ist heute der Kampf zwischen den Dichands und Wolfgang Fellner. Damals ging es in Wien um den Fußball, heute geht es um Geld. Und mittendrin steht Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Er soll als Schiedsrichter fungiert und den Deal zwischen den Wiener Linien und Wolfgang Fellners Mediengruppe Österreich rund um die Entnahmeboxen in den U-Bahnen orchestriert haben, kritisieren die einen, während die anderen eine Beteiligung Ludwigs verneinen. Genauso wie der angebliche Drahtzieher selbst. Er habe mit alldem nichts zu tun, beteuerte Ludwig am Montag.

    Der Vergleich zwischen Wolfgang Fellners Mediengruppe Österreich und den Wiener Linien über die Zeitungsentnahmeboxen in den Wiener U-Bahn-Stationen erzürnt jedenfalls die "Kronen Zeitung" sowie "Heute" – "Österreichs" Boulevardkonkurrenz – gleichermaßen und sorgt für ein rechtliches Nachspiel. Nicht nur eines.

    Keine Diskriminierung mehr

    Der STANDARD berichtete bereits vergangene Woche über die Einigung im jahrelangen Rechtsstreit vor den Kartellgerichten. Die Mediengruppe Österreich fühlte sich gegenüber Konkurrent "Heute" jahrelang bei den Entnahmeboxen benachteiligt, die im Bereich der U-Bahn-Stationen stehen. Am Dienstag betätigte die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) den Vergleich, ohne zu erwähnen, ob es zu Zahlungen an die Mediengruppe Österreich gekommen ist. "Die Wiener Linien sichern zu, die Mediengruppe Österreich gegenüber der Tageszeitung 'Heute' oder anderen Mitbewerbern in Zukunft nicht zu diskriminieren", ist eine zentrale Aussage. Am Status quo ändert sich nichts. Der gesamte Bescheid ist auf der BWB-Homepage nachzulesen.

    "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand klagt im Gefolge des Streits "Österreich" wegen Ehrenbeleidigung, unlauteren Wettbewerbs und Kreditschädigung, kündigte sie am Dienstag in ihrer Gratiszeitung an. Der Grund: "Österreich" habe "Heute" sowie deren Herausgeberin in einer "unverantwortlichen Entgleisung" mit "Unwahrheiten verunglimpft".

    "Österreich": Millionen-"Geschenk" an die Dichands

    "Österreich" bezeichnete in dem Artikel "Stadt Wien schenkte Dichands 10 Millionen Euro", der am Sonntag erschien, Eva Dichand als "traditionell geldgierig" und rechnete die Inseratenausgaben der Stadt Wien für die "Kronen Zeitung" und "Heute" zusammen: "Exakt bekamen Eva und Christoph Dichand vom Wiener Steuerzahler sagenhafte 9.860.680 Euro überwiesen", heißt es mit Verweis auf die Medientransparenzdatenbank, die Anzeigen öffentlicher Unternehmen erfasst. Christoph Dichand ist Herausgeber und Chefredakteur der "Kronen Zeitung".

    Hinter dem Rechtsstreit steht der Kampf um Reichweiten und damit üppige Inseratengelder in Wien. Alleine die Stadt Wien schaltete im Jahr 2017 Werbung im Wert von 17,7 Millionen Euro. Trotz eines Rückgangs von 22 Prozent gegenüber 2016 bleibt Wien unangefochtener Spitzenreiter bei den Werbeausgaben, die Bundeshauptstadt gab 1,8-mal mehr Geld aus als alle anderen Bundesländer zusammen.

    Dem STANDARD sagt Wolfgang Fellner, dass er bereits am Montag Klagen gegen "Krone" und "Heute" wegen "nachweislich falscher Berichterstattung" eingebracht habe: "Die gesamte 'Heute'-Berichterstattung ist falsch", so Fellner.

    "Mehreren Millionen Euro" für das "Krawallblatt"

    "Österreich" fühlte sich gegenüber "Heute" jahrelang bei den Entnahmeboxen benachteiligt und soll laut dem Vergleich ausständige "Miet- und Reinigungskosten" erlassen bekommen haben sowie einen "höheren Betrag für angeblich entstandene Schäden", schreibt "Heute" und bringt die Zahl von fünf Millionen Euro ins Spiel. Die "Kronen Zeitung" wiederum schrieb von "mehreren Millionen Euro" für das "Krawallblatt". Fellners Antwort, ob die Summe stimme: "Völlig falsch!" Eva Dichand möchte jedenfalls eine Offenlegung des Vertrags erzwingen.

    Ludwig fällt in Ungnade

    Laut "Kronen Zeitung" und "Heute" hat Bürgermeister Ludwig im Hintergrund die Fäden gezogen. So schrieb die "Krone": "Die Stadt schenkt dem Billig-Verleger mehrere Millionen an Steuergeld. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) muss bei der Renovierung seines Büros auf eine Goldader gestoßen sein." Und in "Heute" war am Dienstag zu lesen, dass der Vergleich auf "direkten politischen Druck" des Bürgermeisters zustande gekommen sei. Bereits am Freitag schrieb die Gratiszeitung: "Da Charakter in Österreich (dem Land) leider keine Pflichtimpfung im Mutter-Kind-Pass ist, bekommen viele, vor allem Politiker, Männerschnupfen, wenn sich Fellner bei ihnen meldet, und knicken ein. Nun auch, besonders peinlich für jemanden, der neu im Amt ist, Michael Ludwig."

    Auf STANDARD-Anfrage bestreitet Fellner, dass Ludwig Druck auf die Wiener Linien ausgeübt habe: "Das ist natürlich völliger Unsinn", so Fellner, denn: Der Deal sei "ausschließlich zwischen Wiener Linien und Mediengruppe Österreich verhandelt" worden: "Und das schon lange vor Ludwigs Amtsantritt."

    Zahlen für Inserate

    Wenn es um Reichweiten und Inserate geht, verweist Fellner auf die Österreichische Auflagenkontrolle (ÖAK), die dokumentiert, welches Medium wie viele Exemplare pro Ausgabe verbreitet, also in Umlauf bringt: "Selbstverständlich werden alle öffentlichen Gelder nach der verbreiteten Auflage vergeben (etwa die Presseförderung per Gesetz), weil sie die einzige auf Fakten basierende 'Währung' ist." "Heute" argumentiert hingegen, dass für die Werbewirtschaft nur die Media-Analyse von Interesse sei.

    Auflagenkontrolle

    Unter der Woche verbreiteten im Jahr 2017 "Österreich" (341.741) und "Heute" (339.538 Stück) in Wien im zweiten Halbjahr fast gleich viele Exemplare. Im ersten Halbjahr 2018 überholte "Österreich" mit 364.939 Exemplaren in Wien "Heute" mit 338.546. Als "auflagenstärkste Zeitung" hätte "Österreich" das "meiste Inseratengeld der Stadt Wien erhalten müssen", schreibt die Zeitung, aber: "Im ganzen Jahr kassierte Eva Dichand 5,1 Millionen, 'Österreich' verbuchte 3,5 Millionen."

    Media-Analyse

    Wer die Zeitungen tatsächlich liest, erfasst die Media-Analyse. Sie basiert auf Umfragen und wird halbjährlich veröffentlicht. Laut Media-Analyse für das Jahr 2017 ist in Wien seit Jahren schon "Heute" an der Spitze – mit zuletzt 30,2 Prozent, gefolgt von der "Krone" mit 24,8 Prozent anno 2017 und "Österreich" mit 15,6. Der "Kurier" hat hier 14,1 Prozent, DER STANDARD 13,3 und "Die Presse" 7,7 Prozent.

    "Heute" sieht auch den STANDARD benachteiligt

    "Nicht gelesene Exemplare einer Tageszeitung" seien für die Werbewirtschaft "völlig irrelevant", schreibt "Heute" am Dienstag: "Viel mehr ist wahr, dass die Tageszeitung 'Österreich' im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern wie STANDARD, 'Kurier' und auch 'Heute' deutlich überhöhte Inseratenbuchungen der Stadt Wien und anderer öffentlicher Stellen in den letzten Jahren bekommen hat." Eva Dichand fordert, dass der "Vergleich mit den Wiener Linien und die der Tageszeitung 'Österreich' zugestandenen Zahlungen offengelegt werden". Der gesetzliche Hebel dafür soll im Wettbewerbsrecht liegen.

    Wiener Linien: Keine Angaben zu Zahlungen

    Im Gespräch mit dem STANDARD sagt Wiener-Linien-Geschäftsführerin Alexandra Reinagl, dass sie froh sei, dass der Vergleich den "jahrelangen Rechtsstreit" beendet habe. Ob und wie viel Geld dabei geflossen sei, wollte sie nicht sagen: "Zu vertraglichen Details möchte ich nicht Stellung nehmen." Die Einigung sei zwischen den Wiener Linien und der Mediengruppe Österreich als Verfahrensparteien sowie der Bundeswettbewerbsbehörde erfolgt. Bürgermeister Ludwig habe seine Hände nicht im Spiel gehabt.

    Eingangsbereich gehört zu Wiener Linien

    "Österreich" drängt seit seiner Gründung 2006 auf ähnlich viele Boxen in den U-Bahn-Stationen wie "Heute". Klargestellt wurde von der Bundeswettbewerbsbehörde neben der künftigen Gleichbehandlung von "Heute" und "Österreich", dass fünf Meter im Eingangsbereich der Stationen, die eigentlich mehrheitlich der Stadt gehören, von den Wiener Linien zu vergeben sind. Etliche "Österreich"-Boxen – die Gratiszeitung firmiert seit kurzem als "oe24" – stehen bereits jetzt an solchen Standorten.

    Ändern müssen die Wiener Linien somit nichts: Denn mit dem Status quo, also den "aktuell der Mediengruppe Österreich von den Wiener Linien gewährten Standorten, ist eine Gleichbehandlung mit den der Tageszeitung 'Heute' am relevanten Markt zur Verfügung gestellten Standorten hergestellt", wurde festgehalten.

    Sollte "Heute" aber in Zukunft weitere Plätze "im Nahbereich der U-Bahn-Eingänge" für Aufsteller erhalten, werden die Wiener Linien der Mediengruppe Österreich "gleichwertige Standorte anbieten, soweit dies zur Sicherstellung eines gleichwertigen Entnahmepotenzials erforderlich ist". Und die sollen "vorzugsweise" nebeneinander sein. (Oliver Mark, APA, 9.10.2018)

    • Der Schein eines friedlichen Nebeneinanders trügt: Das Match zwischen "Heute" und "Oe24" um die Entnahmeboxen geht weiter.
      foto: standard/cremer

      Der Schein eines friedlichen Nebeneinanders trügt: Das Match zwischen "Heute" und "Oe24" um die Entnahmeboxen geht weiter.

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