"Die Blitzmädchen": Auf Like-Suche im Nazischick

    15. Oktober 2018, 11:04
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    "Die Blitzmädchen" wollen die Rolle der Frau im Zweiten Weltkrieg authentisch darstellen, verschweigen jedoch die NS-Verbrechen

    Es gibt viele Mittel und Wege, sich auf Instagram, Facebook oder anderen sozialen Medien breitenwirksam zu inszenieren. Manch einer schwört darauf, schön belichtetes Essen oder nicht wirklich geheime Geheimtipps für Reisende zu posten, und lukriert damit beträchtliche Follower-Zahlen. Andere wiederum schwören auf die altbewährte Sex-sells-Regel. Auf besonders perfide, grenzgängerische Art und Weise versuchen "Die Blitzmädchen" seit ein paar Monaten in sozialen Medien die Rolle der Frau in der Wehrmacht im Nazischick als schöne, heile und perfekte Welt nachzuzeichnen. Mit ihrem bewussten Spiel an der Grenze zur NS-Verherrlichung erreichen sie tausende "Fans".

    "Da ich mich schon seit einiger Zeit mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftige und mich insbesondere auch für die Aufgaben der deutschen Frau in dieser Zeit interessiere, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diese so authentisch wie möglich darzustellen", stellt sich etwa Margarete aus dem Norden Deutschlands auf der Facebook-Seite vor.

    foto: apa/afp/francois nascimbeni
    Anlässlich des 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkriegs spielen deutsche "Reenacter" die Schlacht um Verdun von 1916 nach.

    Als "Reenactmentgruppe" bezeichnen sich die drei jungen deutschen Frauen, die für ihren Onlineauftritt Nachrichtenhelferinnen des deutschen Heeres darstellen und für ihr hauptsächlich männliches Publikum posieren. Das englische Wort reenactment bezeichnet dabei die Neuinszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse in möglichst authentischer Weise. Vor allem in den USA erfreuen sich etwa Wiederaufführungen von Bürgerkriegsschlachten großer Beliebtheit.

    Frei von jeder Authentizität

    Von einer "möglichst authentischen" Darstellung der Rolle der Frau in der deutschen Wehrmacht sind "Die Blitzmädchen" jedoch weit entfernt. Viel eher verherrlichen und romantisieren sie die Rolle zahlreicher zwangsrekrutierter, aber auch freiwillig zum Dienst gemeldeter Frauen während des Zweiten Weltkrieges. Rund 500.000 Wehrmachthelferinnen waren ab 1939 als Nachrichten-, Stabs-, Flak- und Luftwaffenhelferinnen aktiv. Aufgrund des Blitzabzeichens in Runenoptik wurden die Frauen meist abschätzig "Blitzmädchen" genannt. Mindestens 20.000 von ihnen sollen laut Schätzungen in Kriegsgefangenschaft oder durch Tieffliegerangriffe, Bombardments und Partisanenüberfälle gestorben sein.

    foto: friedrich / deutsches bundesarchiv
    Der Traum vieler "Blitzmädchen": ein Auslandseinsatz wie jener dieser Nachrichtenhelferinnen im besetzten Paris 1940.

    Das treibende Argument hinter der Rekrutierung der Frauen, so wurde es ihnen zumindest beigebracht, war stets, "Männer für die Front freizumachen", schreibt die deutsche Historikerin Rosemarie Killius. Dass seitens der jungen Mädchen nun die Rolle der Wehrmachthelferin schöngeredet wird und die grausamen Verbrechen der diktatorischen Naziherrschaft sowie der Holocaust keinerlei Erwähnung in den Postings der "Blitzmädchen" finden, empfindet Killius im STANDARD-Gespräch als "oberflächlich und dumm", wenn man sich die Reaktionen in den sozialen Medien darauf anschaue, sogar als "gefährlich". Killius, die im Rahmen eines Buchprojektes einst selbst zahlreiche Wehrdiensthelferinnen interviewt hat, stören dabei weniger die "faktischen Ungenauigkeiten", sondern vor allem die Schönfärbung einer grausamen Zeit der deutschen Geschichte.

    Wenn das Entscheidende weggelassen wird

    "Für die meisten Frauen im Dienste der Wehrmacht war es eine grausame Zeit", sagt Killius. Rund ein Drittel der Frauen habe sich damals freiwillig zum Dienst gemeldet, vor allem, weil man ihnen einen Auslandseinsatz in Paris versprach und zu Hause oft ein weit tristerer Arbeitsalltag drohte. Es wurde letztendlich meist ein körperlich und seelisch äußerst anstrengender Posten im Osten Europas, wo vor allem beim Rückzug nach der absehbaren Niederlage Nazideutschlands viele der Frauen in Gefangenschaft gerieten oder starben. In den Jahren nach dem Krieg wurde die Rolle der Wehrmachthelferin kaum thematisiert. In Killius' Buch sprachen erstmals einige einerseits vom Stolz, ihren Dienst für das Vaterland geleistet zu haben, aber auch von der großen Kameradschaft unter den Frauen. Mit zunehmendem Alter habe sie aber zusehends die Scham ergriffen, einem verbrecherischen Regime gedient und zu wenig zu dessen Unterdrückung unternommen zu haben. Dass nun junge Mädchen für ein wenig Aufmerksamkeit diese Zeit verherrlichen, empört auch eine 98-jährige ehemalige Wehrmachthelferin gewaltig, wie diese dem STANDARD bestätigt.

    foto: screenshot / faksimile / facebook: die blitzmädchen
    Die "Blitzmädchen" geben Tipps für eine authentische Wehrdiensthelferinnen-Frisur. Der Blitz an Ärmeln, Kragen und Schiffchen ist obligatorisch.

    "Die Blitzmädchen" jedoch zeigen weder Scham noch Verständnis für die Gräueltaten der Nazis. Zwar streiten sie diese nicht offen ab und verleugnen sie auch nicht, auch zeigen sie keinerlei verbotene Zeichen wie etwa die doppelte Siegrune der SS oder das Hakenkreuz, dennoch spielen sie ganz bewusst mit jener Optik und lassen alle Grausamkeiten der Nationalsozialisten bei ihren Bildern einfach außen vor. Zudem erklären sie unwissenden ausländischen Website-Besuchern gerne einmal im freundlichen Ton, dass aufgrund des Verbotsgesetzes viele Abzeichen nun einmal nicht hergezeigt werden dürften. STANDARD-Anfragen wollte man nicht beantworten, es bestehe "kein Interesse", hieß es.

    Neben dem einschlägigen Publikum mit teils rassistischen, sexistischen und hetzerischen privaten Profilen, das auch auf zahlreichen ähnlichen Plattformen fleißig kommentiert, fällt bei der Durchschau der öffentlichen Social-Media-Profile der "Blitzmädchen" vor allem die Besinnung auf deutsche Werte und deutsche Dichter auf. Dort finden sich neben äußerst streitbaren Persönlichkeiten mit antisemitischen Tendenzen wie Ernst Moritz Arndt auch immer wieder Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Auch die zahlreichen angeblichen Freizeitaktivitäten (Kerzen gießen, in der "Wehrmacht"-Zeitung über das Weltgeschehen informieren, Frühlingsspaziergänge) sind laut Historikerin Killius reine Schönfärberei einer verbrecherischen Zeit. (Fabian Sommavilla, 15.10.2018)

    Update 16.10: Mittlerweile wurden die betreffenden Seiten bei Instagram und Facebook offline genommen. Der Grund dafür ist bisher noch nicht bekannt.

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