E-Autos auf Busspuren sind kontraproduktiv

    Kommentar der anderen7. Oktober 2018, 16:15
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    Ein paar fachliche Anmerkungen zu Verkehrsminister Hofers Plänen

    Wer in Wien emissionsfreie E-Mobilität nutzen möchte, der steigt auf die Öffis um und nicht ins E-Auto ein. 80 Prozent unserer Fahrgäste sind mit U-Bahnen, Straßenbahnen und Elektrobussen rein elektrisch und abgasfrei unterwegs. Wer von umweltfreundlicher Mobilität spricht, muss über den weiteren Ausbau von und den Vorrang für den öffentlichen Verkehr reden. Da schafft das als Heilsbringer postulierte E-Auto keine Abhilfe. Die Öffnung von Busspuren für E-Autos wäre ein Rückschritt für nachhaltige Mobilität in Städten. Warum?

    Ein Gelenkbus der Wiener Linien befördert 100 und mehr Menschen umweltfreundlich von A nach B. Bei einer durchschnittlichen Besetzung von 1,2 Personen je Pkw braucht es dafür über 80 Autos. Es ist egal, ob der Pkw mit herkömmlichem Motor oder E-Antrieb unterwegs ist. Es fehlt schlicht der Platz, den diese Autos brauchen. Der Verkehr ist einer der Klimasünder. Der Trend zur Urbanisierung führt zu wachsenden Städten und mehr Verkehr. Nur eines bleibt gleich: Die verfügbare Fläche für Verkehr, Wohnen, Industrie et cetera ist begrenzt. Umso wichtiger ist es, diese möglichst effizient zu nutzen.

    Der öffentliche Verkehr nutzt Fläche bis zu 20-mal effizienter als der Pkw. Ein Gedankenspiel: Würden alle Wiener ihre Wege mit den Öffis zurücklegen, könnte man rund 500 Hektar Fläche gewinnen. Das entspricht etwa 700 Fußballfeldern, die man für Grünflächen, Parks, Spielplätze oder zum Flanieren nutzen könnte.

    Klimaschutz

    Öffentlicher Verkehr ist ein wesentlicher Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz. Und damit auch für die Lebensqualität in Städten wie Wien. Wer auf die Öffis umsteigt, spart bis zu 1500 Kilogramm CO2-Emissionen pro Jahr. Das entspricht 8300 gefahrenen Pkw-Kilometern – etwa der Entfernung von Wien nach Johannesburg.

    Ein Mittel, den öffentlichen Verkehr zu stärken, sind Busspuren. Sie ermöglichen ein rasches Vorankommen im Verkehr – wie "busfreundliche" Ampelschaltungen. Sie ermöglichen eine schnelle Weiterfahrt im Kreuzungsbereich, damit sich Busse nicht hinter der Autokolonne einreihen müssen. Diese "grüne Welle" sorgt dafür, dass Intervalle eingehalten werden und Fahrgäste pünktlich ans Ziel kommen. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Autos – egal ob mit Elektroantrieb oder nicht – auf der Busspur unterwegs sind, desto langsamer wird der öffentliche Verkehr. Und desto teurer. Es braucht zusätzliche Fahrzeuge und mehr Personal, um dichte Intervalle zu halten – die Kosten steigen. Beides macht öffentlichen Verkehr unattraktiver.

    Knapp eine Milliarde Fahrgäste nutzen die Wiener Öffis jährlich. Tendenz steigend – auch dank Beschleunigungsmaßnahmen wie Busspuren. Um noch mehr Menschen für die umweltfreundlichen Öffis zu gewinnen, brauchen Busse und Straßenbahnen Vorrang gegenüber dem Pkw. Sonst steigen bald wieder mehr Menschen von den Öffis auf den Pkw um und sorgen so für mehr Stau und mehr CO2-Emissionen. Über nicht erreichte Klimaziele braucht sich dann keiner mehr zu wundern. (Günter Steinbauer, 7.10.2018)

    Günter Steinbauer ist Geschäftsführer der Wiener Linien.

    • Sollen E-Autos auf die Busspur?
      foto: apa/hans klaus techt

      Sollen E-Autos auf die Busspur?

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