Rendi-Wagner in der Steiermark: Kurzvisite bei der roten Basis

    Reportage7. Oktober 2018, 09:00
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    Auf ihrem Weg, ihre Partei näher kennenzulernen, ließ sich die neue SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner an die steirische Parteibasis führen: ins Elin-Motorenwerk bei Weiz. Ein für sie spürbar ungewohntes Terrain – und eines, wo der Unmut über Vorgänger Christian Kern längst noch nicht verraucht ist

    Strahlend wie dieser Oktobermorgen springt sie aus dem schwarzen Dienstwagen und eilt auf die kleine Frauenrunde zu, die vor dem Eingangstor zur Weizer Elin-Maschinenfabrik wartet. Und die Frauen lachen zurück: "Endlich eine Frau an der Spitze der SPÖ, sie bringt den Umschwung", sprudelt es aus der Weizer Vizebürgermeisterin Iris Thosold heraus. Der einzige Mann, der zum roten Frauenkreis stößt, der städtische Finanzreferent Ingo Reisinger, lässt sich mitreißen: "Ich war schon immer begeistert von ihr. Sie ist sympathisch und hoch kompetent. Sie bringt den Schwung, ich glaub, es könnte gut werden."

    Seine Euphorie trübt allerdings ein kleiner Schatten. Es "könnte" gut werden, sagt er im Konjunktiv. Und diese verbleibende Unsicherheit ist spürbar. Auch hier beim ersten Besuch Pamela Rendi-Wagners bei der roten Basis, bei den Arbeitern im hoch technologisierten Elektromaschinenwerk im oststeirischen Weiz. Da knistert noch nichts, keine Funken, die überspringen. Respekt, das ja, aber es bleibt distanziert.

    foto: alexander danner
    Im Eiltempo absolvierte die
    neue SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner
    am Freitag auf Einladung des
    steirischen SPÖ-Chefs Michael Schickhofer einen Betriebsbesuch in der Industrieanlage Elin in Weiz – ein noch recht vorsichtiger "Erstkontakt" mit der roten Basis.

    Wie lange Rendi-Wagners Weg an die Basis der Partei wohl noch sein wird und welche emotionale Entfernungen da noch überwunden werden müssen, lässt sich – vor dieser Metallindustrie-Kulisse in Weiz – gut anhand der Kurzcharakteristik ihrer Persönlichkeit im deutschen, sozialdemokratischen IPG-Journal (Internationale Politik und Gesellschaft) der Friedrich-Ebert-Stiftung verdeutlichen:

    Bisher seien die roten Spitzenfunktionärinnen in Österreich "entweder aus dem nach wie vor stark maskulinen Gewerkschaftsflügel oder aus der roten Frauenbewegung" rekrutiert worden, "die aparte und modebewusste Rendi-Wagner" wirke "mit ihrer gewählten Ausdrucksweise, ihrem femininen Geschmack und ihrem coolen brünetten Bob" aber eher "wie eine französische Universitätsprofessorin denn eine Austro-Genossin".

    Bei allem Bemühen und Strahlen der neuen SPÖ-Chefin vor den Arbeitern: Die Welten scheinen noch ein Weilchen zu brauchen, um zusammenzuwachsen.

    "Was machen Sie denn da?", fragt die mit weißem Blazer gewandete SPÖ-Chefin in der Montagehalle. "Einen Draht." "Aha." Und schon pilgert der kleine Betriebsbesuchstross, dessen Mehrheit aus Medienleuten besteht, die Landesparteichef Michael Schickhofer eingeladen hatte, zum nächsten Montageplatz.

    Elin produziert Komponenten für alle Arten von Energiesystemen: Lüfter, Schleifringläufergeneratoren, Drehstrom Kurzschlussläufer-Motoren. Rendi-Wagner zeigt sich – wie wohl jeder Besucher – beeindruckt von den technologischen Mons trositäten aus Eisen und Stahl. Für Gespräche mit den Arbeiterinnen und Arbeitern, um die Stimmung an der Basis nach den chaotischen Tagen an der Parteispitze auszuloten – dazu bleibt bei diesem auf eine halbe Stunde limitierten Betriebsbesuch bis auf ein "Hallo" und "alles Gute" kaum Zeit. Die Blitzkontakte wirken noch recht spröde und unsicher. Einige "Schöpfer" in der Halle sind sauer, dass sich die Parteichefin nicht mehr Zeit nimmt.

    "Man kommt sich verarscht vor"

    "I hob sie jo net amol gesehen", ärgert sich einer, der sich an den Drähten einer großen Spule zu schaffen macht. Der Kollege, der an einer zweiten Spule die Drähte umwickelt, mischt sich laut ein: "Also das war jetzt ja a richtige Sauerei, die hat ja überhaupt nix geredet mit uns. Das war nur a große Show. Da hab ich mir schon mehr erwartet. Dann die ganzen Paparazzi, die da mit war’n. Für uns hat sich eigentlich niemand interessiert. Na ja die SPÖ ist ja schon lang keine Arbeiterpartei mehr. Man kommt sich verarscht vor."

    foto: alexander danner
    Als Quereinsteigerin muss Rendi-Wagner jetzt um Akzeptanz bei der Basis werben.

    Da klinkt sich der jüngere Montagearbeiter ein: "Mia ist des an und für sich ja wurscht, ob da eine Frau oder ein Mann an der Parteispitze ist. Owa: A Fesche is’ sie schon. I weiß nur net, ob sie bei den Leuten ankommt." Aber alle in diesem Montage-Eck des Elinwerks bekennen, SPÖ zu wählen. Schon immer und trotzdem. Und sie beteuern, dass so ziemlich alle hier im Werk ähnlich denken. "Samma jo ollas Rote do", klärt einer auf.

    Rendi-Wagner muss ganz offensichtlich auch auslöffeln, was ihr Vorgänger Christian Kern eingebrockt hat. Auch wenn in der offiziellen Parteisprache etwa Stadtrat Reisinger versichert: "Das mit Christian Kern ist bereinigt. Man sollte nicht zurückschauen. Das ist passiert und erledigt. Da sollen wir uns nicht mehr lange aufhalten, das bringt ja nix" – an der Parteibasis, hier bei den Arbeitern, ist die Causa Kern mitnichten abgehakt. Ein Betriebsrat der Elin habe in einem Brief an Kern und die Parteileitung seine Mitgliedschaft aufgekündigt. Aus Zorn über Kern, weiß einer aus einer Runde in der nächsten Halle. "Wir kommen uns ja verarscht vor. Da sagt der Kern, er bleibt zehn Jahre in der Politik und, dann verschwindet er nach zwei Jahren." "Sicher", wendet ein Nebenstehender ein, "wir haben so große Hoffnung in ihn gesetzt, und jetzt geht er."

    Von alldem Groll bekommt Rendi-Wagner, die im Schnelltempo und vor allem für gute Bilder durch die Hallen gejagt wird, nichts mit. Aber zumindest auf höherer Landesebene ist wieder alles eitel Wonne und Grießschmarren. Rendi-Wagner und Schickhofer: Sie sind wieder ein Herz und eine rote Seele. Einige Tage hatte er seinem heiligen Zorn freien Lauf gelassen, weil Rendi-Wagner seinen steirischen Bundesparteigeschäftsführer Max Lercher vor die Tür gesetzt und sich ihren Vertrauten Thomas Drozda an ihre Seite geholt hatte. Schickhofer, der die neue Vorsitzende dar aufhin verniedlichend und ein bissl herablassend "die Pam" nannte, zelebriert in Weiz den Palastfrieden: "Es ist eine echte Herzlichkeit zwischen uns. Wir gehen Hand in Hand in die Zukunft."

    Eine Stunde später in der Überbetrieblichen Lehrwerkstätte von Jugend am Werk, wo Jugendliche, die schwer eine Lehrstelle finden oder gehandicapt sind, an den Arbeitsmarkt herangeführt werden, taut Rendi-Wagner auf. Hier kann sie mit Sozialpolitikerinnen und -experten einen gesellschaftspolitischen Diskurs führen. Sie hört interessiert zu, scherzt mit den Buben in der Lehrwerkstätte und bekommt vermittelt, wie wichtig diese Art von unterstützender Lehrausbildung ist, damit die Jugendlichen nicht auf der Strecke bleiben.

    Das imponiert. Und im Hinausgehen sagt Pamela Rendi-Wagner halblaut und ein wenig in sich gekehrt: "An euch glauben, das ist das Allerwichtigste." (Walter Müller, 7.10.2018)

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